Vorwort

1988

Nach einer unschönen, schwierigen Kindheit zog ich als Siebzehnjähriger hinaus in die große Welt. Weit weg von meiner geliebten Rabenmutter, weit weg vom kleinbürgerlichen Spießbürgertum, weg von Prügel, Verboten und Nichtbeachtung. Wollte das Leben und die Liebe kennen lernen, genießen, nachholen, was mir Zuhause stets verwehrt war. Jedoch wurde diese neu gewonnene „Freiheit“ in all den jahren zu meinem schleichenden Verhängnis und soll mit dieser Niederschrift jeden anmahnen, sein Leben nicht unbedingt nach meinen Mustern zu leben. Vor Allem für die Jugend möchte ich ein Ratgeber sein und mit manch krassen Szenen aus meinem Leben schockieren, provozieren, aber auch zum Nachdenken anregen.

Diese Autobiografie handelt von 1997 bis dato und ist noch in Reinform geschrieben; d.h. unlektoriert und wenig ausgearbeitet. Sie enthält auch noch keinen Schluss; das Ende ist (noch) offen und wird vermutlich in den nächsten Monaten fertig sein. Kommentare sind immer willkommen!

Auf der rechten Seite findest Du das Inhaltsverzeichnis, unterteilt in Kapiteln!

Kein Kommentar »

Kapitel 1 - Trennung vom Elternhaus

ortsschild-kfMai-Juni 1997

Kaufbeuren,  13. Mai 1997. Derzeit besuche ich die Blockschule für Maler- und Lackierer Auszubildende. Die Trennung von meiner ersten großen Liebe Steve liegt gerade knappe drei Monate zurück und ich verspüre immer noch diesen unerträglichen Schmerz in mir.

Es regnet in Strömen. Der Stadtkern ist in ein trauriges Grau gehüllt. Ich ertrage es nicht. Wie in manchen Blockschulwochen zuvor schon, hole ich mir eine Pulle Wein und treffe mich mit zwei Freunden. Wir sitzen an der Tankstelle und trinken. Immer wieder, irgendwann schwankend, hol ich Nachschub. So einiges von diesem Tag hat sich in den unendlichen Weiten meines Gehirns verloren, darum kann ich manches hier nur aus Erzählungen von Freunden und Ärzten wiedergeben.

Am nächsten Morgen wache ich in einer weißen Leinenbettwäsche auf. Helle marktplatz-kfSonnenstrahlen dringen durch die Jalousien. Die fremde Umgebung bereitet mir Unbehagen und ich bemerke: Ein Krankenhaus. Ich fühle mich wie in einem falschen Film, reiße mir die lästigen Kabel und Schläuche vom Körper und versuche aufzustehen, als eine Krankenschwester das Zimmer betritt. „Guten Morgen! Sie haben ganz schön Glück gehabt, dass sie noch leben. Wissen Sie das?!“ sagt die mahnende Stimme der Frau. „…will eine rauchen!“ grunze ich.Berufsschule KF

Im Laufe der nächsten Stunden wird mir von Ärzten und Psychiatern klar gemacht, dass ich als Minderjähriger hier nicht einfach so weg kann. Ich befinde mich nach meinem Suizidversuch unter 4,3 Promille Alkohol zur Eigensicherung in der Psychiatrie. Von einem der obersten Stockwerke des Kaufbeurer Parkhauses sei ich gestürzt. Unter erheblichem Einfluss von Alkohol und Drogen war ich gestanden, heißt es. Dass ich das überlebt habe, grenzt fast an ein Wunder, meint der Oberarzt Herr Dr. Eckermann. Kleinere Bäume und Büsche unterhalb des Gebäudes hatten mich abgefangen und Schlimmeres verhindert.

Von den Verletzungen meines Parkhaussprungs erhole ich mich relativ bald und Parkhaus KFzwei Wochen später kommen meine Eltern zu Besuch. Es war ein Schock für sie. Vor Allem für meine Mutter, die sich sehr schnell aufregte, wenn ich wieder mal Schwierigkeiten machte. Mein Vater hingegen, der geduldige Ruhepol der Familie, hielt sich stets bedeckt, sagte nie allzu viel zu unangenehmen Themen. Aber seinen Augen sehe ich an, dass er sich heimlich für seinen Sohn schämt.

Ich bin mittlerweile auf die Therapiestation H3 verlegt. Vater und Mutter sind natürlich nicht begeistert, über das, was ich mir da geleistet hatte. Mein Ausbildungsvertrag wird auf beidseitiges Einvernehmen gelöst und auf die Frage meiner Mutter, wie es denn danach nun weitergehe mit mir, antworte ich knapp: „Ich komm nimmer hbkh-kfeim!“ Das ist wohl für beide ein Schlag ins Genick. Ich kann es an ihren Gesichtern erkennen. „Im Juli werd’ ich eh achtzehn und dann geh ich meinen eigenen Weg.“

Nach einigen Wochen habe ich mich relativ gut auf der Station eingelebt und finde mich mit dem plötzlichen, neuen Leben ab. Die Patienten sowie die Pfleger werden zu meiner Ersatzfamilie. Regelmäßig erhalte ich die weitergeleitete Post von Lars, einem drei Jahre jüngeren Jungen, der mich auf eine Kontaktanzeige im Januar anschrieb. Und immer sind ein paar Mitpatienten neugierig um mich versammelt, wenn Post von ihm kommt. So rückt auch der Tag immer näher, an dem wir uns endlich persönlich kennen lernen wollen.

Kein Kommentar »

Kapitel 2 - Lars

zwickau-hbfJuli 1997

Mein achtzehnter Geburtstag geht relativ unspektakulär über die Bühne. Ein paar Mitpatienten und einige Freunde aus Kaufbeuren, sowie Evelyn und ihr Freund aus meinem Heimatort sind geladen. Anders als sonstige Geburtstage zur Volljährigkeit gefeiert werden – mit Kaffee, Kuchen und Zigaretten.

Der 05. Juli bricht an, der Tag, an dem ich nach Sachsen zu Lars fahre. Die Nacht zuvor kann ich kaum schlafen, sitze nervös in den Aufenthaltsfluren umher und rauche eine Zigarette nach der anderen. Da ich nun endlich volljährig bin, kann ich meine Wochenenden selbst bestimmen.

Frohen Mutes laufe ich morgens zum Bahnhof, kaufe mir ein Wochenendticket und fahre nach München, wo ich umsteigen mschneeberg_erzgebirgeuss. Im Zug nach Plauen höre ich Musik und genieße den herrlichen Ausblick aus dem Zugabteil. Nach vielen Stunden Fahrt komme ich schließlich in Zwickau an. Meine Augen brennen, mein Herz rast. Ich laufe die Treppen des Bahnsteigs hinunter und da steht er. Ein bildhübscher Junge mit blauen Augen. Wir geben uns die Hand und gehen los, auf den Bus in seinen 10 km entfernten Heimatort. Lars hat noch Zeitungen auszutragen; ich helfe ihm dabei.

Während unserer Unterhaltung, unserem persönlichen Kennenlernen, erlaube ich mir einen Scherz. „Lars, ich muss Dir was sagen. Ich bin eigentlich gar nicht schwul. Ich wollte eben nur mal einen Schwulen kennen lernen, darum bin ich hier.“ Enttäuschten Blickes sieht er mich an und stammelt: „Nee, nä?“ Daraufhin nehme ich seine Hand und sage: „Hey, lars2das war nur Spaß. Ich finde dich schrecklich süß!“ Es folgt ein langer intensiver Kuss und es stört uns nicht, als eine alte Frau an uns vorbeigeht und uns argwöhnisch mustert. Ich fühle mich wie im Himmel, mit all den Schmetterlingen im Bauch. Es ist um uns geschehen. Wir sind verliebt.

Lars muss nochmal nach Hause und verspricht, mich Abends in meiner angemieteten Pension zu besuchen. Er ist nicht geoutet und erzählt seinen Eltern, er sei bei einer Freundin über Nacht.

Das Pensionszimmer ist sehr schön ausgestattet, sogar ein Balkon mit Blick aufs schöne Erzgebirge ist dabei. Gegen Abend treffe ich mich mit Lars und wir verbringen wunderschöne Stunden mit  heißem Sex miteinander.

In den frühen Morgenstunden stehen wir auf und frühstücken bei herrlichem Sonnenschin auf dem Balkon. Anschließend geht er nach Hause um sich für seine Prüfung am Montag vorzubereiten. Auch für mich ist es an der Zeit, zurück zu fahren, denn bis Sonntagabend muss ich wieder auf der Station sein. Lars begleitet mich noch bis Plauen. Im Zug knutschen wir ungehemmt, auch wenn einige Leute gucken oder kichern; es kümmert uns nicht. In Plauen nehme ich die Anschlussbahn. Lars winkt mir nach. Berauscht von Liebe und Glück  sitze ich im Zug nach Hause, denke nur an ihn und freue mich schon auf unser nächstes Treffen.

Nur drei Tage später kommt ein Brief von ihm in dem er seine all nur erdenklichen Gefühle für mich ausdrückt. Es ist sein fünfundzwanzigster Brief in meiner Sammlung. Auch umrandete er eine „original Träne“ die ihm vor Sehnsucht nach mir auf das Blatt Papier gefallen war. Ich vermisse ihn.

Kein Kommentar »

Kapitel 3 - München

August 1997

In den folgenden Wochen können wir uns nicht sehen. Mir fehlt das nötige Geld und Lars verbringt mit seinen Eltern einen Urlaub auf Teneriffa.

Am 29. Juli ‘97 setze ich mich wohl endgültig über alle Grenzen hinweg. Meine Therapie sollte sechs Monate dauern, nur habe ich dazu keinen Bocbetrunken KFk mehr. Nachmittags laufe ich in die City und treffe mich mit Elli. Sie ist ein paar Jahre älter als ich, 1,85 groß und arbeitet als Model. Elli hat ihren spendablen Tag; sie lädt mich in eine Kneipe ein. Dort trinke ich einen Whisky Cola nach dem Anderen.  Irgendwann wird mir klar, dass ich in diesem Zustand nicht auf der Station auftauchen bräuchte, somit gehe ich anschließend zum Berliner Platz in einen Gay-Club und setze dort mein Saufgelage fort. Recht lustig ist es und ich amüsiere mich prächtig, bis ich irgendwann gegen zwei Uhr nachts mit einer Alkoholvergiftung auf den Damentoiletten liege.
Ein Fremder erbarmt sich meiner und fährt mich ins Bezirkskrankenhaus. Was mich dort erwartet, kann man sich denken.

Als ich meinen erheblichen Rausch ausgeschlafen habe, werde ich vor die Wahl gestellt. Drei Wochen kein Ausgang als Maßnahme und die Therapie setzt sich fort, oder Entlassung auf eigenen Willen. Ich wähle Letzteres, unterschreibe, packe meine Tasche und gehe hinaus in die große Welt.

Frei wie ein Vogel schlendere ich durch Kaufbeuren. Am Stadtbrunnen treffe ich einige Freunde und sofort hat Ramon eine Bekannte aus seiner Nachbarschaft parat, die mich sicher bei sich aufnehmen würde.

Andrea ist eine Schlampe wie sie im Buche steht. Sie ist etwa 20 Jahre alt, lebt in einem völlig verwahrlosten Appartement, das sie von ihrer Mutter bekommen hat. Die ersten Tage bin ich damit beschäftigt, etwas Ordnung in ihre Bude zu bringen. Die kleine Küche ist nicht zugänglich, denn wenn man die Tür öffnet, fällt einem zuerst eine stinkende, befleckte Matratze, anschließend Müll und allerhand Unrat entgegen. Dieses Appartement vollständig zu reinigen würde sicher einige Tage oder Wochen in Anspruch nehmen. Somit beschäftige ich mich nur mit einer groben Reinigung. Ich mach das gern.

Fast täglich kommen Kumpels zu ihr, täglich wird gekifft und Party gemacht. Das gefällt mir irgendwie. Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt, in dem ich selbst bestimmen kann, wie ich meinen Tag gestalte. Frei von jedem Druck und weit weg von meiner lieben Rabenmutter.

Am 06. August schnappe ich meinen Rucksack und trampe nach Augsburg. Ich muss mal raus, was erleben. Im Walkman laufen die Soundtracks zu „Natural Born Killers“, einem Film den ich bislang noch nicht kenne.

Ich genieße den Sommertag am Augsburger Brunnen bei den Punks und lass mich voll laufen. Später ziehe ich in ein paar Schwulenlokale, in denen nicht sonderlich viel los ist. Irgendwann spät abends im Suff hab ich einen etwa gleichaltrigen, gut aussehenden Italiener an den Fersen kleben. Nachts gehen wir ins Rubenbauer am Bahnhof und setzen uns an den Punks AugsburgTresen, trinken Bier. Dort lernen wir eine etwas verwirrte, stark angetrunkene Frau kennen. Auf ihren Wunsch hin begleiten wir sie irgendwann frühmorgens nach Hause. Sie überlässt uns ihr Bett und legt sich auf die Couch. Der italienische Junge küsst mich. Wir lieben uns und schlafen ein.

Ich wache auf. Es ist gerade Mittag und wieder ein wunderschöner Sommertag. Der italienische Junge sitzt auf dem Balkon und putzt seine Schuhe. Die Frau, die wir nach Hause begleitet hatten, sitzt zitternd am Küchentisch, neben ihr steht eine halbe Flasche Korn. Jetzt erst wird mir klar, was sie für ein Problem hat. Ich setze mich zu ihr und sie beginnt zu erzählen. „Da trink, Junge trink.“ sagt sie mit zitternder Stimme und schiebt die Flasche zu mir herüber. Ich lehne dankend ab. So früh am Morgen ein solch hartes Zeugs ist nichts für mich.alkoholikerin
Die Frau erzählt, wie ihr Mann sie mit ihrer Tochter sitzen ließ. Aus einem einst florierenden Geschäft nahm er sich alle Anteile und verschwand ins Ausland. Sie beginnt zu weinen. „Ich bin so allein!“ schluchzt sie. Ich versuche, die Frau zu trösten.
Der Junge bedankt sich und zieht weiter. Er gibt mir eine Telefonnummer, wo ich ihn erreichen könne. „Ähm.. wie heißt du noch?“ frage ich etwas peinlich berührt. „Alessandro. Du fragen nach Alessandro.“ Die Frau Ende Dreißig bittet mich, doch einige Zeit bei ihr zu bleiben, da ich doch sowieso keine Wohnung hätte. Ich sage ihr, dass ich das Angebot gerne annehme. Jedoch wolle ich erstmal nach München fahren, etwas erleben. Augsburg ist mir doch etwas zu kleinbürgerlich und ausgestorben.

Die Frau drückt mich fest an sich, fast wie eine Mutter, weint und lässt wieder ab. „Bitte pass’ auf Dich auf, Du bist ein netter Junge!“ sagt sie und drüsanitaterckt mir 30 Mark in die Hand. „Du ich hab noch…“ stottere ich. „Ach nimm nur! Ich leb’ ganz gut mit dem was ich geerbt hab!“ erwidert sie und ich erkenne ein kleines Lächeln in ihren Augen. Ich bedanke mich und gehe.
Was für ein Tag. Schöner kann ein Sommertag nicht sein. Ich stelle mich an eine Landstraße und ich muss nicht lange warten, bis mich jemand nach München mit nimmt.

Da stehe ich nun am Münchener Hauptbahnhof mit einem Rucksack und etwa 80 Mark in der Tasche. Das muss erstmal gefeiert werden. Ich kaufe mir eine 2 Liter Flasche „Pennerglück“ (ugs. Tafelwein), setze mich auf die Galerietreppe und trinke vor mich hin, quatsche hin und wieder ein paar Leute an und verliere irgendwann die Kpersonendurchsuchungontrolle.

Irgendwann stehen drei junge Sanitäter um mich herum und wecken mich. Ich war wohl kurz bewusstlos durch den vielen Rotwein auf nüchternem Magen. Nach einer Infusion geht es mir schnell wieder besser und ich ziehe weiter Richtung Stachus. Auf dem Weg dorthin erlebe ich erstmal die Härten der Münchener Polizei. Sprechen mich zwei ziemlich schräge Vögel an, zeigen ihren Ausweis und filzen mich von oben bis unten. Ich komme mir vor, wie in einem falschen Krimi. Aber auch das ist schnell erledigt und ich kann meinen Fußmarsch fortsetzen.

Kein Kommentar »

Kapitel 4 - Erding

stachusbrunnenAugust - November 1997

Am Stachusbrunnen mache ich mir einen Spaß daraus, die Passanten auf Englisch zu fragen, wo das „Soul City“ sei. Ein Schwulenclub, den ich im letzten Jahr bei meinem ersten München-Trip kennen lernte. Dadurch stoße ich später auf einen 22jährigen, der mir den Weg auf Englisch sehr gut erklären kann und mir die Story vom amerikanischen Touristen abkauft. Irgendwann sage ich in bayerischem Akzent:“Ja red’ halt deutsch!“ Er sieht mich verwundert an und wir müssen beide lachen.

Er heißt Micha, bis auf sein Äußeres aber ein sehr sympathischer Typ. Ihm erzähle ich bei einem gepflegten Bierchen meine Story und er bietet mir an, dass ich bei ihm wohnen könne, bis ich mich etwas gefestigt habe. Er bewohnt in einem kleinen Ort bei Erding ein schönes Appartement. Und meine erste Zeit in München beginnt.

Mein erster Monat in München verläuft sehr erlebnisreich. Fast täglich fahre ich mit der S-Bahn rein, lerne die Stadt und die Schwulenszene kennen. Jungs spreche ich meist auf der Straße an. Es ist der gewisse Kick, der mich reizt, Heteros herum zu kriegen.
Es dauert nicht lange, da werde ich bei einem meiner täglichen Streifzüge als Model entdeckt. Ich arbeite für  ein paar kleine Labels und habe nebenbei einen Job als Werbeverteiler. Ich komme recht gut aus und versaufe mein Geld bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Mit anderen Jungs, oder allein.

marienhofMeine Freizeit verbringe ich vermehrt bei einer Gruppe Punks im Marienhof. Sie scheinen Gefallen zu haben, an dem etwas verrückten Schwulen in Schlaghosen und Nadelstreifensakko und zwei mit Wachs gedrehten Hörnchen auf dem Kopf.

An einem Tag Ende August beschließe ich, Lars wieder zu sehen. Ich hatte ihn bisher erst zweimal besucht, und er kann schlecht so weit fahren ohne eine gute Ausrede. Bei Micha habe ich mich gut eingelebt, habe  Arbeit und Geld und bin ziemlich glücklich. Da ist leider noch eine Schattenseite, die mir noch nicht recht bewusst ist. Mein Alkoholkonsum. Was mir anfangs angenehm und normal erschien, wird immer regelmäßiger.

So auch während der Fahrt nach Zwickau bringe ich etwa sieben Bier und eine Flasche Sekt zusammen, die eigentlich für unser Wiedersehen bestimmt war. In Zwickau will ich nicht lange auf den Bus warten und versuche die restlichen 10 km zu trampen. Nach etwa zehn Minuten Wartezeit nimmt mich ein Typ mit, der ein paar Jahre älter ist als ich. Wir unterhalten uns sehr angeregt, auch übers Kiffen, bis er mich bittet, eine Bonbondose aus dem Handschuhfach zu nehmen und sie zu öffnen. Es befindet sich eine Art bräunliches Gras darin, welches ich zuvor noch nicht gesehen hatte. Der Fahrer meint, das sei ein Gras, was total rein haut. Wir halten an einem Waldrand und gehen ein Stück ins Dickicht zu einer Lichtung. An einem Baumstamm setzen wir uns und der Kerl baut die Tüte.
Der Flash kommt schnell und sehr heftig. Ich fange an, über den Wald zu philosophieren und der Typ lacht sich halbtot.
Anschließend fährt er mich weiter in die sächsische Kleinstadt und verabschiedet sich. Lars und ich hatten uns für 19 Uhr verabredet; ich habe noch etwas Zeit. Neben dem Taxihäuschen am Marktplatz stelle ich meine Tasche auf eine Bank, muss kotzen und verliere mein Bewusstsein.

Ich wache auf und bemerke, dass ich mich auf einem alten Canapé befinde. Eine Uhr an der Wand zeigt auf zehn. Erschrocken setze ich mich auf und sehe zwei Männer an Computern sitzen. Der eine telefoniert, ein Anderer trinkt Kaffee. „Guck mol, Dieter! Der Jong is ofjewacht!“  sagt er lachend. „Wo bin ich hier?!“ frage ich. Der Mann erklärt mir, dass ich mich in der Taxizentrale befinde. In dem Ort, wo ich ursprünglich Lars treffen sollte. „Hier haste nen Kaffee.“ sagt der Mann. „Biste draußen umjeklappt. Haste zuviel jesoffen, mei Jong!“ „Wo ist meine Tasche?“ frage ich weiter. Der Taxifahrer erklärt mir, dass da zwar eine herrenlose Tasche auf der Bank lag, sie aber nicht wussten, dass sie mir gehört. Ein Junge mit blonden, mittellangen Haaren holte sie etwa 20 Min. später ab. „Lars!“ rufe ich. „Scheiße!“ Ich erkläre den hilfsbereiten Leuten meine Situation und dass er wohl der Junge war, mit dem ich verabredet war. Sie lassen mich telefonieren und machen mir eine Pension klar. Ich bedanke mich herzlich für die Hilfe und treffe mich gegen Mitternacht mit Lars. Er hatte meine Tasche gleich erkannt und sie an sich genommen. Überall habe er mich gesucht, berichtet er. Ich erzähle ihm von meinem kleinen „Zwischenfall“. Begeistert ist er nicht davon.

Im Morgengrauen geht Lars nach Hause. Er hätte Samstag und Sonntag keine Zeit, meint er. Ich erkenne Bedrückung in seinen Augen. Traurig trete ich meine Heimreise an.

In den folgenden Wochen kommen nicht mehr so viele Briefe von Lars. Er begründet dies damit, dass er in der Schule so ungeheuren Druck hätte.

Im September lerne ich den siebzehnjährigen Sven am Hauptbahnhof kennen. Er erzählt, dass er aus der Nähe von Passau stamme und in München eine Friseurlehre beginnen möchte. Auf der Suche nach einer WG sei er auch. Ich kläre das mit Micha und Sven kann bei uns wohnen. Er gefällt mir. Zwei Male werden wir intim.

Der Briefkontakt mit Lars wird immer weniger; auch sagt er immer wieder unsere Treffen ab, was mich sehr traurig stimmt. Ich ertränke meinen Frust darüber in regelmäßigen Alkoholräuschen und irgendwann stürze ich so sehr ab, dass ich nach und nach meine Jobs verliere.

Am 03. Oktober werde ich nach einer durchzechten Nacht gegen 10 Uhr morgens bewusstlos mit 4,2 Promille im Wasser des Stachusbrunnen aufgefunden und in die Nussbaumklinik eingeliefert. Ich kann nach Aufklaren wieder nach Hause.

tur-verschlossenEines Nachts zu Ende Oktober komme ich nach Hause und möchte aufsperren, doch der Schlüssel steckt von innen, was mich stutzig macht. Das kam noch nie vor. Es ist zu vernehmen, dass der Fernseher läuft. Ich klingle Sturm; keiner öffnet. Irgendwann hämmere ich wild an die Türe – keine Reaktion. Die Türe nebenan öffnet sich und eine Nachbarin Mitte Dreißig steckt ihren Kopf durch den Türspalt. Ich kenne sie vom Sehen im Hausflur. Sie wirkt immer recht freundlich und witzig. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“ fragt sie während ich bemerke, dass sie im Nachthemd vor mir steht. „Ach nee..Hmm… Na, die lassen mich nimmer rein!“ gebe ich zur Antwort. Sie bietet mir an, rein zukommen, sie habe gerade einen Weißwein aufgemacht. Ich willige ein.

Sie bietet mir gleich das Du an. Sie fühle sich immer so alt, wenn sie jemand mit dem Nachnamen anspreche. Das geht mir ähnlich. Eine Seelenverwandte? Jedenfalls verstehen wir uns recht gut. Wir trinken Weißwein und unterhalten uns. Auch über die ziemlich verfahrene Situation mit meinen Mitbewohnern. Mir war zwar in letzter Zeit aufgefallen, dass Micha und Sven zunehmend komischer wurden und sich mehr und mehr zurückzogen. Auch fehlten immer wieder mal Alltagsgegenstände wie Ladegerät für meinen Anrufbeantworter, WC Papier oder eigens gekaufte Lebensmittel im Kühlschrank. Aber dass sie mich aussperren würden, wäre mir nie in den Sinn gekommen.
„Weißte was? Bleib doch einfach bei mir, bis die Sache geklärt ist, oder bis Du was Anderes gefunden hast.“ meint Silke. „Du… danke. Aber das kann ich nicht annehmen. Du kennst mich doch gar nicht!“ sage ich verwundert. „Ich kenn’ Dich gut genug, dass ich weiß, dass Du in Ordnung bist. Außerdem kannst dann mal deine Kochkünste unter Beweis stellen, denn ich bin nach der Arbeit einfach zu faul dazu. Und was ist?“ Schließlich lasse ich mich überzeugen und bedanke mich.

Am nächsten Tag räumt sie mir einen Schrank frei, wo ich meine Sachen unterbringen kann. Silke mag mich wie eine große Schwester. Auch zieht sie sich abends ungeniert vor mir aus, so dass ich ihre Titten sehen kann. Sie weiß, dass ich auf Jungs stehe. Ich bin ihr „Kleener Punk“.

polizei-festnahmeAm 01. November wanke ich nachts wieder einmal recht betrunken durch die Straßen. Ich vermisse Lars und ich kann nicht begreifen, warum er plötzlich keine Zeit mehr für mich hat. Ab und an ein paar knappe Worte auf Papier und das war‘s. Ich denke an unsere ewigen Telefonate, an die süßen Worte, die er mir ins Ohr geflüstert hatte.

Ich geselle mich zu ein paar Obdachlosen am Stachus und höre mir ihre Lebensgeschichten an. Für mich stehen Obdachlose schon immer auf der menschlich gleichen Schiene wie jeder Andere. Nur ist in deren Leben was falsch gelaufen. Wir singen, trinken und erzählen uns Schwänke aus unserem Leben. Gegen ein Uhr Nachts kommen Polizisten und verweisen uns  recht forsch vom Stachus-Betriebsgelände. Mit Murren und Knurren ziehen wir von dannen, finden uns aber schon recht bald wieder im Untergeschoss wieder und setzen unser Saufgelage fort.

Zwei Stunden und viele Flaschen Rotwein später tauchen die  uniformierten Störenfriede abermals auf, rufen Verstärkung herbei und zitieren uns mit martialischen Gesten zum Auto hinauf. Wir sollten uns alle einer aufwändigen Personenkontrolle unterziehen und wenn man uns haardann nochmal dort sähe, würden sie uns über Nacht in Haft nehmen. Als mir einer der Polizisten meinen Rucksack mit Gewalt vom Rücken reißen will, trete ich ihm ins Schienbein und möchte mich losreißen. Zwei Andere nehmen mich in den Griff und drücken mich nach unten, wo ich mich in der Diensthose des Angreifers verbeiße, bis dieser schreiend von mir lässt. Ich reiße mich los, renne davon, quer über den Stachus. Drei Uniformierte verfolgen mich. Angst, Wut und Ausweglosigkeit ergeben in meinem Kopf eine explosive Mischung. Ich laufe direkt über die Sonnenstraße und werfe mich vor ein heranfahrendes Taxi. Dieser Stunt kostet mich einige Prellungen und Schürfwunden und eine Fahrt im Dienstwagen nach Haar, in die ansässige Psychiatrie. Während der Fahrt bin ich in  Handschellen gefesselt und bekomme von dem Beamten neben mir mehrmals seinen Ellenbogen ins Auge gerammt, mit der Aufforderung, ich solle meine Fresse halten. Trotz der Hämatome und Blutergüsse im Auge wird meine Anzeige gegen das Schwein später eingestellt.

Mein erster Aufenthalt in der Anstalt ist nach drei Tagen beendet. Silke hatte sich Sorgen gemacht. Zwei Wochen nach diesem Vorfall erreicht mich eine Rechnung des Taxiunternehmens, welches einen Schaden von rd. 900,00 DM anwaltlich geltend macht, da der Unfall durch meine Absicht entstand. Diese Rechnung bezahlte ich jedoch nie. Woher auch?

Kein Kommentar »

Kapitel 5 - Peter in Dachau

November 1997 - April 1998

Eines Nachts im November bin ich mit einem befreundeten Künstler im Kunstpark Ost unterwegs. Grimassen-Ludwig kennt man aus der Mc-Donalds Werbung, aus dem Game „Shine“ und unzähligen TV Produktionen. Er ist fast siebzig, ein verrückter und angenehmer Zeitgenosse. Der Kunstpark auf dem ehemalige Pfanni-Gelände ist ein Areal mit unzähligen Clubs und Bars, die überwiegend von Freunden der Technomusik besucht werden.
Während wir von Club zu Club schlendern und Joints rauchen, werden wir von einem Kamerateam angesprochen. Ein blonder Kameramann und der durchtrainierte, sportlich wirkende Kollege, der sich als Peter vorstellt. Sie suchen Gäste für eine Bärbel Schäfer Produktion bei RTL. Als ich erzähle, dass ich aus meiner WG flog, ist für Peter das Bild eines perfekten Studiogastes geschaffen, zum Thema – „Zieh endlich aus!“ Wir vereinbaren einen Casting Termin in Silkes Wohnung in Erding. Sven ist auch dabei. Micha nicht.
barbel-schaferMitte November ist es dann soweit. Sven und ich fliegen nach Köln. Am Flughafen werden wir von einem Chauffeur ins Hotel gefahren. Ein paar Stunden später holt man uns ab und fährt uns zu den RTL Studios nach Hürth-Kalscheuren.
Ich ziehe mir ein paar Flachmänner rein, um locker zu werden. Ein Gast hat eine Tüte dabei, die wir im Gästeraum rauchen. Bärbel Schäfer führt ein kurzes Vorgespräch mit uns. Es ist seltsam, jemanden vor sich zu haben, den man nur als Fernsehbild kennt.
Dann haben wir unseren Auftritt. Später wird mir das peinlich sein – jetzt ist es mir egal. Jugendsünden haben auch ihren Spaß. Außerdem bringt es 200 DM Gage. Abends nach der Aufzeichnung habe ich mit Sven nochmal richtig Spaß im Bett, obwohl wir zuvor noch verhasste Kontrahenten vor der Kamera waren. Anschließend schmeiße ich mich ins Kölner Nachtleben und lande irgendwann betrunken im Bett einer Tunte. Die Sendung wird Mitte November ausgestrahlt.

Peter, der Caster wird zu einem guten Freund. Er ist auch schwul, 33 Jahre alt und liegt daher nicht in meinem Beuteraster. Aber ich sehr wohl in seinem.  Er teilt sich mit seiner Mutter eine große Dreizimmerwohnung in Dachau und holt mich zu sich.
Die Zeit bei Peter hat gute, sowie auch schlechte Seiten. Die Schattenseite des Alkoholikers. Er tut zwar so gut wie alles für mich, ja Peter liebt mich sogar. Aber er trinkt schon nach dem Aufstehen seine Wodka-Eistee Mischung. Und gegen Abend wird er dann unerträglich.
Gut, ich habe alles bei Peter. Brauche mich um nichts kümmern. Jedoch fühle ich mich durch seine „Liebe“ oft erdrückt. Zwischen uns kann nichts laufen; er ist mir zu alt. Ja einmal… einmal, als ich recht betrunken war, da hatte ich was mit ihm…

Oftmals muss ich abends miterleben, wie er sich mit seiner Mutter zofft, wenn sie ihm keinen Wodka rausrückt. Sie meint es wohl auch nur gut mit ihm und weiß manchmal selbst nimmer, was sie tun soll. Manchmal tut sie mir leid. Hilde, seine Mutter, ist Filialleiterin bei Norma, somit ist der Haushalt stets versorgt.

Peter führt neben seinem Casting-Job bei RTL noch eine Detektivagentur, die aber, wie ich in den folgenden Monaten merke, nur noch ein zerbrochener Traum ist. Ja es gibt viele Zeitungsartikel über ihn, über seine florierende Detektei in der Annastraße in Augsburg und den Mitgliedsausweis im BID (Bund Internationaler Detektive). Doch bekomme ich nach Durchsicht seiner Akten irgendwann heraus, dass dieses Geschäft so gut wie tot ist. Immer wieder versucht er, aufzustehen und etwas in die Hand zu nehmen. Er hat Pläne. Pläne mit mir. Ich weiß nicht recht, ob das Hand und Fuß hätte. Mehrmals versuche ich, Peter trocken zu bekommen – ohne Erfolg.

Tagsüber trinke ich selten Alkohol. Meist ab Abend beginne ich mit Glühwein oder warmem Baileys. In Dachau fühle ich mich irgendwann geborgen, fast wie Zuhause und ich fahre nur noch selten in die City. Morgens, wenn ich aufstehe, liegt da meist ein Notizzettel und eine Schachtel Davidoff an meinem Platz im Wohnzimmer: „Guten Morgen John. Die Zigaretten sind für Dich, hab Dir Kaffee gemacht… Hab Dich lieb…etc.“ Ich finde das immer sehr süß – jedoch kann und will ich jenseits der platonischen keine wirkliche Liebe für ihn empfinden.

Am 18. Dezember kommt ein Brief von Lars. Ich öffne ihn. In einem zwei  Seiten langen Text macht er unmissverständlich klar, dass Schluss ist. Dass unsere Beziehung sowieso keinen Sinn mehr hätte. Dass ihn meine Sauferei in den letzten Monaten ankotzt, usw.
Mit den Worten: „Ciao, 4 ever in my mind, Lars“ beendet er seine Zeilen. Das ist ein Schlag ins Genick. Es kommt selten vor, dass ich schon mittags Alkohol trinke, aber nun gieße ich mir von Peters Wodka ein; anschließend gehe ich mit einer Flasche Wein und meinem Walkman in die Dachauer City und betrinke mich.

Die kommenden Wochen werden nicht einfach. Das Einzige, was hilft, die Trennung besser zu verkraften, ist die Tatsache, dass ich Lars einige Monate nicht mehr gesehen hatte.

Irgendwann im Dezember schickt meine Mutter ein Fax, dass in meinem Heimatort ein Klassentreffen der neunten Jahrgangsstufe stattfindet. Ich fahre dorthin und treffe mich vorher mit Evelyn, einer ehemaligen guten Freundin und ihrem Freund und lade die beiden spontan dorthin mit ein. Der Abend verläuft ganz unterhaltsam, jedoch hatte ich nie großen Bezug zu den meisten Leuten in meiner Klasse und will ihn auch jetzt nicht haben. Für mich waren das schon immer kleinbürgerliche Bauern, ohne jeglichen Bezug zur Realität. Nach dem Klassentreffen und nachdem ich mich reichlich mit Alkohol beschenkt hatte, kann ich bei Evelyns Freund schlafen. Er ist ein Jahr älter als ich, sieht recht gut aus, und wir schlafen in einem Bett. Irgendwann stupst er mich an und fragt mich, wie das denn so sei, schwul zu sein. Gähnend antworte ich: “Probier’s aus, dann weißt es. Wie soll ich Dir das jetzt erklären…“ Und da kommt plötzlich seine Hand in die Nähe meines Intimbereichs. Dann geschieht es. Erst zögernd, dann recht aufgegeilt gebe ich mich ihm hin und erlebe abermals eine heiße Nacht mit einem vermeintlich Heterosexuellen.

An Weihnachten besuche ich meine Eltern. Das neue Jahr feiere ich mit Peter, seiner Mutter und Benny, einem hübschen Jüngeren, den ich ein paar Wochen zuvor kennen gelernt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich Sex mit elf verschiedenen Jungs, darunter auch Steve und Lars, mit denen ich eine kurze Beziehung führte.

Ich schreibe Lars ab und an, weil ich mir immer noch Hoffnungen mache. Am 05. Februar 1998 kommt  dann ein Brief von ihm, der an Peter adressiert ist. Er teilt darin mit, dass er nicht mehr mit mir schreiben wolle. Und er bittet Peter, mir zu helfen, ihn zu vergessen. Abermals ein Schlag für mich, den ich nur schwer verdauen kann.

Im Februar 1998 beginne ich eine neue Lehrstelle bei einem ortsansässigen Friseur. Diese breche ich jedoch nach sechs Wochen wieder ab, weil ich nicht damit klarkomme, fremden Menschen in den Haaren herum zu fummeln. Ich habe nicht wirklich eine Perspektive.

pulsadernAm 05. März gibt es Streit mit Peter, der aufgrund seines Alkoholkonsums wieder mal unerträglich wird. Ich flüchte mich in die Dachauer Innenstadt und besuche ein Musiklokal am Dachauer Bahnhof um mich etwas zu zerstreuen. Ich lerne Musiker und eine Menge netter Jungs kennen. Gegen halb zwei  Uhr nachts laufe ich ziemlich betrunken, aber auch heiter gestimmt nach Hause. Nach einigem Klingeln, öffnet mir ein stockbesoffener Peter, der mir  meine gepackten Taschen vor die Haustür wirft und schreit: „Raus!“ „Ach so ist das also, wenn Dein Geliebter nicht spurt, wie Du es gern hättest, setzt Du ihn vor die Tür?“ Peter lallt nur unverständliches Zeug, geht zurück in sein Zimmer und fällt auf sein Bett. „Raus! Verpiss Dich!“ schreit er abermals, woraufhin dann seine Mutter aus dem Schlafzimmer kommt und meint:“ Mensch Peter, du bist wieder so besoffen! Geh doch schlafen und gut is!“
Der Streit läuft zu Hochform auf. Wieder fühle ich diese grausigen Gedanken in meinem Kopf. Laufe ich in die Küche, nehme mir das größte Brotmesser aus der Schublade, gehe zurück in Peters Zimmer und meine: „OK! Ich gehe! Sieh zu!“ Im gleichen Moment setze ich an meinem linken Unterarm an und schneide mir zwei tiefe Wunden ins Fleisch – über Kreuz, damit es nur einen Sinn hat. Sofort spritzt das Blut in alle Richtungen und bevor ich mich am rechten Arm verletzen kann, verpasst mir Peter schreiend und fluchend zwei heftige Schläge ins Gesicht. Ich lande unter dem Schreibtisch, blute vor mich hin und bekomme irgendwann fast nichts mehr von dem Zirkus mit, der sich im Hintergrund abspielt.

Im Dachauer Kreiskrankenhaus komme ich zu mir, die Wunde ist genäht. Anschließend werde ich wieder mal in die Psychiatrie nach Haar verfrachtet. Für eine Woche. Ich muss lange Zeit eine Gipsschiene tragen, da ich auch die Sehnen durchtrennt hatte.
Peter besucht mich sehr oft und holt mich bei meiner Entlassung ab. Er hat Schuldgefühle wegen des Vorfalls und er macht endlich eine medikamentöse Entgiftung.
Und so sitzen wir eines Abends zu dritt da und sehen fern, als Peter plötzlich merkwürdige Grimassen macht und den Kopf hin und her bewegt. Ich will erst lachen, da ich meine, er mache nur einen Scherz, da wird mir bewusst, dass er wohl einen Krampfanfall hat. Der Anfall ist sehr heftig, Peter fliegt mit einem Satz aus dem Sessel. Seine Mutter reagiert sehr hysterisch und ich versuche indessen, ihm ein Feuerzeug zwischen das obere und untere Gebiss zu stecken, damit er sich nicht die Zunge abbeißt oder verschluckt. Wir rufen den Notarzt und Peter kommt etwas zu sich. Er scheint sehr benommen und kann kaum gehen. Ich bin schockiert, zum ersten Mal zu sehen, was bei einem Alkoholentzug geschehen kann. Der Notarzt bringt ihn ins Kreiskrankenhaus Dachau, wo ich ihn am nächsten Tag abhole. Peter hat nun Angst vor einer erneuten Entwöhnung und trinkt wieder heimlich. Mittlerweile kenne ich seine Alkoholverstecke schon.

Peter möchte sein Verhalten wieder gut machen und schenkt uns eine einwöchige Reise nach Mallorca. Am 01. April fliegen wir und lernen im Flugzeug ein Männerpaar um die Vierzig aus dem Ruhrgebiet kennen. Ich wette mit Peter, dass die Beiden schwul sind. „Die Beiden? Glaub nicht an so einen Zufall. Dann sitzen die auch noch vor uns.“ meint Peter. „Tja, Gay-Business-Class! rufe ich lachend und schenke mir noch Rotwein nach um mich locker für meinen ersten Flug zu machen.

Kein Kommentar »

Kapitel 6 - Robert/Augsburg

palma-de-mallorcaApril - September 1998

Auf Mallorca angekommen, begutachten wir erstmal unser Hotelzimmer und machen uns dann auf den Weg ins spanische Nachtleben. Die Schachtel Zigaretten kostet rund eine Mark, der Alkohol ist auch fast geschenkt und so fröne ich fast täglich meiner Leidenschaft – Saufen. Auch mein reges Sexleben kommt nicht zu kurz. Die Insel hat jede Menge schöner Jungs, die Abends in den Strandbars herum sitzen und anscheinend nur darauf warten, von mir beglückt zu werden. Nach einer Woche Party, Strand und Jungs kommen wir recht verkatert zurück und brauchen erstmal Urlaub vom Urlaub.

Ein paar Tage nach unserer Rückkehr läutet das Schicksal eine neuen neuen Lebensabschnitt ein. Es gibt es wieder einen üblen Krach. Ich komme mit Peters Sauferei und seiner sinnlosen Eifersucht nicht mehr klar. Immer wenn er betrunken ist, kann oder will er nicht verstehen, dass ich für ihn niemals die Liebe empfinden kann, die er für mich empfindet. Wieder einmal kommt der Satz: „Verpiss Dich!“ Und ich gehe. Wortlos verlasse ich das Haus, die Stadt und fahre mit der S Bahn nach München. Endlich, nach einem halben Jahr fühle ich mich wieder frei wie ein Vogel. Weg von diesem immer trinkenden und eifersüchtigen Menschen.

In dieser Zeit lerne ich den siebzehnjährigen Martin kennen und bin oft mit ihm zusammen. Nur zu Peter bringe ich ihn nie mit, da ich genau weiß zu was das führen würde.
So schlendere ich durch die Stadt und besuche das S.U.B. in der Müllerstraße (schwuler Szenetreff, Kommunikationszentrum für schwule Jugendliche) und trinke Wein. Ein ca. 40jähriger Mann spricht mich an. Er stellt sich als Robert vor. Wir führen ein sehr langes Gespräch. Daraufhin bietet er mir an, ich könne in seinem Grafikstudio arbeiten und lernen und wenn er sähe, dass das klappt, könne ich seine zweite Eigentumswohnung in Augsburg-Neusäß beziehen. In dieser Zeit komme ich zum ersten Mal ins Grübeln, warum es das Leben wohl immer so gut mit mir meint. Fliege ich wo raus, ergibt sich durch Zufall sofort wieder eine Gelegenheit, Boden unter den Füßen zu bekommen.

penthouse-neusasSo beziehe ich dann ende April eine Luxus – Penthouse Wohnung mit großem Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern, Küche, Bad, Wintergarten und Dachterrasse und fahre täglich mit dem Zug nach München in die Arbeit. Ein neuer Abschnitt beginnt für mich. Nun lerne ich, was es bedeutet, Geld zu haben. Arbeit und Einkünfte habe ich genug.

Ich lerne den Umgang mit Mac, Quark Xpress und anderen diversen Grafikprogrammen. In der Freizeit absolviere ich regelmäßig ein Judo Training, was mir recht viel Spaß macht.
Jedoch hat dieses recht stressige Leben auch Schattenseiten. Vermehrt komme ich in den Genuss von hochprozentigem Alkohol. Fast schon regelmäßig trinke ich nach der Arbeit im Zug jede Menge Rum mit Cola. An den Wochenenden feiere ich rauschende Partys mit fremden Jungs in der Wohnung. Martin zieht irgendwann vorübergehend zu mir. Diese Beziehung hält jedoch nicht lange, als ich bemerke, dass der Junge einen gehörigen Schaden hat.

Ich lerne dann bald darauf Alex kennen, der genauso alt ist  wie ich. Er ist Student und hat ein kleines Zimmer in Schwabing. Mit ihm führe ich mehr oder weniger eine heiße Liaison. Öfter schlafe ich bei ihm, um dann mehr Zeit zu haben, wenn ich morgens zur Arbeit muss.

Vermehrt geht es mir morgens schlecht, wenn ich zur Arbeit erscheine. Das liegt an meinen abendlichen Räuschen. Häufig genehmige ich mir dann vor oder während der Arbeit kleine Schnäpse, und meinem Kreislauf geht es dann schnell besser. Robert, mein Arbeitgeber bemerkt nie etwas davon.

Eines Sonntags im Juli hänge ich am Augsburger Bahnhof herum und lerne den sechzehnjährigen Johannes kennen. Eine Woche später besucht er mich und wir haben Sex. Schon bald ist er regelmäßig bei mir.
Eines Abends ist wieder eine rauschende Party im Gange, da klingelt es an der Türe Sturm. Polizisten stehen vor der Türe und drängen mich, sie einzulassen. Sie suchen nach Johannes. Er sei aus einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche abgehauen und nicht zurückgekehrt. Sie nehmen ihn mit. Nicht nur ihn. Auch eine ungeladene Waffe, die nicht angemeldet ist, finden sie durch Zufall. Das ergibt eine Anzeige.

Eines Nachts trinke ich so dermaßen viel, dass ich mich nicht in der Lage fühle, nach München zu fahren. Mein Rausch geht bis in die Morgenstunden. Stockbesoffen rufe ich Robert an, dass ich nicht zur Arbeit komme. Er schimpft. Auch er hatte mittlerweile meine Probleme im Umgang mit Alkohol mitbekommen. In absolutem Rausch gehe ich zu einer Arztpraxis, die gleich um die Ecke ist und will  einen HIV Test machen. Doch aufgrund meines Rausches werde ich abgewiesen. Laut fluchend und schimpfend verlasse ich die Praxis, falle seitwärts die Treppen hinunter, wobei ich eine sehr große Topfpflanze ins Rollen bringe, die dann mit mir den Abgang nach unten macht. Das schwere Tongefäß kracht durch die Glasfront des Treppenhauses und fällt mit lautem Getöse auf die Straße. Da hab ich was angerichtet. Zum Glück falle ich nicht auch durch die Glasfront, sondern bleibe am letzten Treppenabsatz liegen. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Der Arzt und die Helferinnen eilen aus der Praxis und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, als sie das sehen. Sehr schnell sind  auch die Polizei und der Notarzt zur Stelle. Ich bekomme davon nimmer viel mit und werde ins Klinikum Augsburg-Steppach gebracht. Zwei Brüche an Ellenbogen und dem linken Bein sowie mehrere schwere Prellungen hatte ich mir bei dem Treppensturz zugezogen. Verletzt wurde zum Glück niemand, als das Tongefäß mit der Palme auf die Straße krachte. Nach einer Woche kann ich entlassen werden und habe eine weitere Rechnung über einen Sachschaden von knapp 3000,00 DM und eine Anzeige im Haus.

Robert erfährt irgendwann von Beschwerden der Hausbewohner und den Vorkommnissen mit der Polizei und ist sehr verärgert. Er kündigt mir fristlos die Wohnung und ich muss mir etwas Anderes suchen.
Im August beziehe ich dann eine kleine Dachgeschosswohnung in Garching. Regelmäßig bin ich in der Szene unterwegs, lerne sehr viele Leute kennen, habe viele, wechselnde Geschlechtspartner, die meist jünger als ich sind.

Irgendwann hänge ich nur noch betrunken in Szenekneipen rum. Ich bin begehrt bei den Männern und lasse mich aushalten. Zur Arbeit erscheine ich nicht mehr. Robert schreibt mehrere SMS, dass ich zur Arbeit kommen solle, ansonsten kündige er auch das Arbeitsverhältnis. Es ist mir alles egal. Ich lasse mich lieber als Schönling feiern und genieße das Herumhängen in den Lokalen. Im September dann verliere ich auch noch meine Wohnung in Garching.

Kein Kommentar »

Kapitel 7 - Sendling

Oktober - Dezember 1998

Nun bin ich obdachlos und hänge in den Straßen und Kneipen herum.  Schlafen kann ich hin und wieder bei einigen Bekannten, die ich in den letzten Monaten kennen gelernt hatte.

nov1998-003Eines Tages laufe ich so durch den Hauptbahnhof und lerne einen 15jährigen Deutsch-Amerikaner kennen, der mich nach Feuer fragt. Eine Mischung aus Hip-Hopper und Boxernase mit blauen Augen. Ihm gefällt es ganz gut, dass ich auf Jungs steh, denn er ist selbst auch bi und wir freunden uns an. Mit Steve erlebe ich in den zwei Wochen Obdachlosigkeit so Einiges. Wenn er gerade nicht mal Zuhause antritt, pennen wir bei Werner in Gauting. Da haben wir ein ganzes Bett für uns. Irgendwie verliebe ich mich in diesen Jungen und wir beschließen, eine offene Partnerschaft zu führen. Er hat nebenbei noch eine Freundin, die sich nicht im Geringsten an unserer speziellen Freundschaft stört.

Ein Kumpel, mit dem ich an einsamen Abenden kräftig zeche, zeigt mir eine kürzlich neu eröffnete Bar „Adamatschka“.  Das Publikum dort ist sehr gemischt. Männer, Jungs, Stricher und ab und an auch Frauen – jedes Klientel. Nachmittags sitzen die Kaffe-Omis auf der Freibestuhlung und lachen mit den Tunten.

adamatschkaDie blaue Couch im Lokal wird recht bald zu meinem Stammplatz, wenn sie nicht gerade vom „Professor“ oder „184“ besetzt ist. Einige Stammgäste des Adam’s, wie es auch gerne genannt wird, haben dort ihre Spitznamen, so ist der ältere, gebildete Herr in zerschlissenen grauen Jogginghosen der „Herr Professor“; der  andere ist Alkoholiker, um die 50 und redet oft wirres Zeug. Er habe einen IQ von 184 – so nennen wir ihn liebevoll „184“. Der Professor sitzt oft drei stundenlang an einer kleinen Fanta und sucht stets nach Unterhaltung über Kunst und Literatur. 184 erzählt von der Griechenmafia und dass er in seiner Wohnung mehrere Tausend Bierdosen hortet.
Dort gefällt es mir und das Adamatschka wird wie mein zweites Zuhause. Die beiden süßen Barkeeper, beide 18, vernasche ich gleich in der ersten Woche.

dreimuehlenstr_3Werner, der mir hin- und wieder Obdach gibt, hilft mir eines Tages über ein Betreuungsprojekt für obdachlose Jugendliche, eine Wohnung zu finden. Somit beziehe ich dann im Oktober ein WG Zimmer in einer Altbauwohnung im Herzen Sendlings. Das ist sehr praktisch, denn schon nach 15 Minuten Fußmarsch bin ich im schwulen Bermuda-Dreieck Münchens. Am Anfang habe ich außer einer Matratze nicht viel; die Wohnung ist unmöbliert. So nach und nach besorge ich mir die nötigen Möbel, sowie eine Schlafcouch. Es wohnt da noch so eine eigenartige Ex-Alkoholikerin um die 35, die aussieht wie ein Kerl. Wenn Miriam dann manchmal ihre Tobsuchtsanfälle bekommt, weil die ganze Küche wieder nach Glühwein stinkt, (sie ist militant trocken)  dreh ich schon mal leise den Schlüssel an meiner Zimmertüre herum. Aber sonst komme ich eigentlich recht gut mit ihr aus; manchmal kochen wir sogar zusammen.

Ami-Steve ist nach einigen Wochen spurlos verschwunden. Das stimmt mich traurig. Ich suche ihn überall, frage sogar auf einer Polizeiwache nach ihm. Niemand gibt mir Auskunft. Aber ein anderer Steve taucht stattdessen wieder auf…

Ihn lernte ich kennen, als ich wieder mal zu Lars nach Zwickau fahren wollte. Und wieder mal trank ich viel zu viel. Kaum war ich einige hundert Meter vom Bezirkskrankenhaus entfernt, hatte ich schon zwei Bier intus. Man musste immer besonders acht geben, wenn man als Patient Alkohol trank. Die Ärzte und Pfleger hatten ihre Augen überall und waren oft in der Stadt anzutreffen.
Nun denn, als ich während meines Zwischenstopps in Nürnberg durch die Bahnhofshalle schlenderte und Alkoholnachschub kaufen wollte, stand da ein recht hübscher Junge mit Kinnbärtchen und blauen Augen herum. Ungeniert ging ich auf ihn zu, kraulte über sein Kinn und meinte: „Süßer, was machst du hier so allein?“ Nicht recht viel später trieben wir es an den ungewöhnlichsten Orten; angefangen in den Toiletten, über Tiefgaragen bis hin zu Innenhöfen. Er schien sichtlich verschossen in mich zu sein und ich glaube, ich war es auch. Und wenn es auch nur sein Arsch war, den ich unheimlich geil fand.
Kurzerhand fuhr Steve mit, Richtung Sachsen und auch das Kabinenabteil war nicht vor unseren Gelüsten sicher. Spätestens, wenn die Vorhänge zugezogen waren. Steve war wie ich auch Neunzehn, sogar einige Monate älter, sah aber wesentlich jünger aus. Später kam ein etwas jüngerer Kerl zu uns ins Abteil und las in einer Zeitschrift, hatte Musik im Ohr. Steve und ich unterhielten uns ungehemmt über Sex und wie wir so unsere Typen aufreißen, als ich bemerkte, dass der Junge, der mir gegenüber saß, ständig etwas verstohlen zu mir herüber blickte. Plötzlich nahm er die Stöpsel aus den Ohren und sah mich an. „Ähm.. ich hab alles mitgehört.“ sagte er zu mir. Steve grinste frech. „Na, das ist doch fein. Und weiter?“ fragte ich ihn grinsend. Zu meinem Erstaunen kam er recht schnell zur Sache und die Vorhänge des Abteils schlossen sich erneut…

In Sachsen kamen wir nie an. Wir waren beide irgendwann so betrunken, dass ich es für besser hielt, zurück zu fahren und Kaufbeuren zusammen unsicher zu machen. Während unseres Zwischenhalts in Augsburg gingen wir ordentlich feiern und kamen am frühen Abend ratzevoll auf Station H3 an. Wer denn der junge Mann sei und der habe hier so betrunken gar nichts verloren, wurde ich von Frau Kern, der Schichtärztin angeraunt. Schließlich bemerkten sie auch meinen Rausch und der Oberarzt kam hinzu. In seinem nuschelnden Hessisch kam er mir wieder mit Maßnahmen wegen Verstoßes gegen die Hausregeln an. Ich nahm Steve am Arm und rannte davon. „Lecken sie mich am Arsch Herr Katjewsky!“ rief ich und hörte, wie uns im Treppenhaus jemand hinterherrannte. Steve schwankte ich noch weit durch die Nacht. Wir schliefen bei einem von den Punks. Ab dem nächsten Morgen, als ich wieder nüchtern auf Station auftauchte, hatte ich drei Wochen Ausgangsverbot und Steve fuhr wieder zurück nach Nürnberg. Ich hätte auch ganz gehen können, aber ich entschied mich zu bleiben. Ein paar Funken Vernunft fanden sich immer in den Weiten meines Gehirns.

Mit Steve Z. verbringe ich eine recht intensive Zeit. Manchmal wohnt er ein paar Tage bei mir oder er ist mal wieder zwei Wochen in Nürnberg. Es ist keine richtige Beziehung; aber es ist schön, ihn zu haben. Er trinkt, wie ich auch, oft recht viel. Manchmal bekomme ich ihn kaum los, so anhänglich wird er mit der Zeit. Im Adamatschka haben wir dann eines Abends unseren ersten handfesten Streit.

okt-98-dreimuhlenstrIch bin unzufrieden. Mit mir, mit der Situation, mit Allem eigentlich. Feste Jobs behalte ich meist nicht lange, aufgrund meines Alkoholkonsums. Außerdem ist der Sommer vorbei. Ich werde melancholisch. Am 09. Oktober ‘98, bin ich extrem betrunken und stelle mich mit meiner Flasche Jim Beam auf den Fenstersims meiner Wohnung im vierten Stock. Steve Z. versucht verzweifelt, mich herein zu ziehen, da rutsche ich ab und kann geistesgegenwärtig nach der Holzstrebe im Fensterrahmen greifen. Einige Fenster im Innenhof gehen auf und  Stimmen sind zu vernehmen. Wie lange das Drama sich abspielt, weiß ich nicht mehr. Steve kann mich schließlich mit aller Kraft nach innen ziehen, da hören wir schon massenhaft Sirenen, die immer näher kommen. „John, die holen Dich ab!“ sagt Steve Z. „Ach Blödsinn! Scheiß drauf! Wir verpissen uns, komm!“ sage ich, schnappe die Whiskyflasche und renne torkelnd die Holzstufen im Hausflur hinunter, auf die Straße. Und tatsächlich! Da stehen etwa drei Feuerwehrautos, Notarztwägen, jede Menge Polizei und Schaulustige. In diesem Moment wird mir bewusst, dass es wohl doch um mich geht und ich renne wieder rein und will durch den Innenhof flüchten. Aber auch von da kommen schon Uniformierte und Notärzte und kesseln mich ein. Ich leiste heftigen Widerstand und werde festgenommen wie ein Schwerkrimineller – zur Eigensicherung heißt es. Vor den Augen der ganzen Straße! Und ich werde zum dritten Mal nach Haar in die Psychiatrie transportiert. Für eine Woche.

Kurz nach dem Klinikaufenthalt trinke ich unentwegt weiter. Von Früh bis spät sitze ich im Adamatschka, wo ich immer wieder einen Deckel machen kann, wenn ich gerade pleite bin.
Eines Nachts, als ich die Bar verlasse, habe ich noch Heißhunger und laufe singend zum Mac Donalds am Marienplatz. Am Auktionshaus steht ein roter Ferrari hinter Gittern. Kurzentschlossen stelle ich mich hin und brunze drauf. Als ich den Reißverschluss wieder schließe, sehe ich ein paar Meter hinter mir einen etwa 33jährigen Mann, der darüber herzlich lacht. Ich gehe zu ihm und wir kommen ins Gespräch. Er stellt sich als Mike vor. Er scheint sehr nett zu sein und lädt mich zum Essen ein. In den kommenden Wochen unternehmen wir viel miteinander oder hängen Abends im Adam’s rum und zocken gemeinsam an den Geldspielautomaten.
Im November machen wir einen spontanen Trip nach Salzburg, wo ich im Zweistein den blonden Wolfi kennen lerne. Wir feiern zu dritt die Nacht durch und im Morgengrauen fahren wir zurück nach München.  Der Abschied fällt mir und Wolfi nicht leicht und da meint Mike mit seinem badischen Akzent: „Fahr doch oifach mit!“  Gesagt – Getan. Wolfi bleibt ein paar Tage bei mir, ehe ich merke, dass er nicht zu mir passt.  Wir trennen uns im Guten; er fährt zurück nach Salzburg.

Viele Jungs lerne ich kennen, einige hetero. Einer davon klaut mir nach der gemeinsamen Nacht den Geldbeutel. Zwei Tage später mache ich ihn ausfindig,  trete ihm die Türe ein und hole mir mein Eigentum zurück. Dem Typen spucke ich ins Gesicht und sage ihm, er soll sich nicht mehr blicken lassen.
An diesem Tag wird mir klar, in welch miese Situationen der Alkohol mich immer wieder bringt. Außerdem wird mein Unwohlsein wenn ich nüchtern bin, immer schlimmer. Ich gehe zu einer Ärztin und sage ihr, dass ich mit dem Trinken aufhören will. Denn mittlerweile bin ich oft schon so weit, dass ich nach dem Aufstehen oder ein paar Stunden danach trinken muss. Viele meiner Freunde und Bekannten raten mir auch immer wieder, mit dem Trinken aufzuhören. Bisher ohne Erfolg. Ich glaube, ich trinke schon jeden Tag.
Die Ärztin verschreibt mir Tegretal 200, worauf ich dann 2 Tabletten nehme. Ich fahre zum Hauptbahnhof und es überkommt mich ein sehr seltsames Gefühl. Ich schwitze, meine Hände zittern; der Zustand artet in eine regelrechte Panikattacke aus. Als sich dann meine Gesichtszüge merkwürdig verziehen, wird mir klar, dass das vielleicht ein Krampfanfall sein kann. Ich versuche, zu zwei Leuten von der Bahnsicherheit zu laufen und breche vor ihnen zusammen.

alkoholikerIn der Notaufnahme der Nussbaumklinik komme ich zu mir. Starker Unterzucker und wohl das Medikament Tegretal sowie der plötzliche Entzug ohne ärztliche Aufsicht, hatten zu dem Zusammenbruch geführt. Ich lass mich am selben Abend noch entgegen ärztlichem Rat entlassen und hab zum ersten Mal in meinem Leben richtig Angst. Vor was, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich eine regelrechte Panik auf dem Nachhauseweg, denn ich bin wohl zum ersten Mal seit Langem nüchtern und komme so gar nicht damit klar. Die Ängste, die sich immer mit einhergehendem Schwindel bemerkbar machen, verfolgen mich noch eine geraume Zeit. Vor Allem wenn ich Abends allein bin. Bis ich wieder anfange, zu trinken. Ab dieser Zeit; es müsste Ende November sein, weiß ich nun, was Alkoholentzug ist. Er trifft mich immer wieder, meist nach dem Aufstehen und ich komme in Situationen, wo ich aus lauter Not heraus, sogar an der Tankstelle oder einer Kneipe um die Ecke anschreiben lasse, wenn ich pleite bin, nur um schnell an nötigen Nachschub zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich 19,5 Jahre alt.

Eines Abends; ich sitze wieder in meiner Stamm Bar an der Theke und schlabbere Whisky Cola, da ruft ein älterer Herr dem Barkeeper zu: “Adam, mach dem jungen Mann einen Champagner auf meine Rechnung. Ich bin verdutzt, denn ein Piccolo von dem Gesöff kostet 35,00 DM und der Mann sieht nicht so aus, als wäre er stinkreich. Ich bedanke mich und wir kommen ins Gespräch. Er heißt Bertram, 57 Jahre alt und arbeitet seit über dreißig Jahren als erfolgreicher Propagandist, unter anderem in einem Shoppingsender.
In den Wochen darauf treffe ich Bertram öfters; er ist leidenschaftlicher Kiffer und besitzt einen wahrlichen Schöngeist. Mit dem starken Saufen halte ich mich etwas zurück, denn da ist jemand, der es wirklich gut mit mir meint.

Kein Kommentar »

Kapitel 8 - Bertram

Dezember 1998 - August 1999

Zum Jahreswechsel auf 1999 hatte sich eigentlich Tom angekündigt. Ihn hatte ich mal während meiner nächtlichen Streifzüge in der S-Bahn kennen gelernt. Einer meiner Heteros, die gerne mal das Bett mit mir teilten. Aber zwei Stunden vor Mitternacht sagt er einfach ab. Ich bin stinksauer, da ich extra zu Essen gekocht habe. „John, wenn’s OK ist für Dich, kommt ein Kumpel von mir; dem ist langweilig. Du wirst Dich gut mit ihm verstehn; er ist bi.“
Sebastian kommt dann auch kurz vor zwölf und wir feiern eines der ungewöhnlichsten Blind Dates, das man sich vorstellen kann. Nach dem Essen und dem Jahreswechsel gehen wir mit einer Flasche Sekt in die Stadt, zu ihm nach Hause. Er verbringt die Ferien bei seinem Onkel und hat sturmfrei. Dort schlafen wir dann schließlich. Auch miteinander.

bregenz1An einem Samstag im Januar trampe ich schon in den frühen Morgenstunden nach Bregenz. Ich hatte im Dezember einen total hübschen Jungen im Adam’s kennen gelernt, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Der süße Tiroler Akzent und diese herrlichen frechen Augen – ein Kunstwerk von einer jugendlichen Gottheit. Wir haben uns verabredet. Da stehe ich nun in Mittenwald und erlebe einen wahrhaft schönen Sonnenaufgang in den Bergen, die auf der Schattenseite noch vereinzelt kleine Lichtpunkte aufweisen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Menschen, die gerade aufstehen und mit ihren Familien den Frühstückstisch decken. In meinem Discman läuft ein Album von Mike Oldfield. Ein unvergesslicher Moment.
Als es die Sonne dann über die Berggipfel geschafft hat, hält ein Mittdreißiger namens Adalbert. Während der Fahrt führe ich mit ihm ein sehr unterhaltsames Gespräch, wobei sich herausstellt, dass wir beide in derselben Straße wohnen und er nicht weniger schwul ist, als ich. Das ist ein in der Tat komischer Zufall, wenn man seinen schwulen Nachbarn im Ausland kennen lernt. Adalbert fährt mich direkt bis Bregenz und gibt mir seine Telefonnummer.
Dort treffe ich Andi, den Traumjungen, für den mir kein Weg zu weit war. Wir verbringen den halben Tag miteinander, während ich zusehends feststellen muss, dass er sich immer seltsamer verhält. Dieser Tag endet in einer Riesenenttäuschung, als ich erfahre, dass er heimlich harte Drogen konsumiert und nur auf Typen aus ist, die er abzocken kann. Er macht mir bewusst, dass er nichts von mir wolle und dass er an dem Abend nur eine Show mit mir abgezogen hatte, um seinen reichen, etwa 40jährigen Freund eifersüchtig zu machen. Ich bin entsetzt.
Als ich dann später in Bregenz stehe, allein und nüchtern, da überkommt mich wieder ein heftiger Alkoholentzug. Ich gehe in einen Supermarkt, klaue eine Flasche mit nem blauen Kräutergesoff mit etwa 50% Alkoholgehalt und setze mich betrübt aber durch den Schnaps, der scharf durch meine Kehlen läuft, doch erleichtert, in den Zug nach München. In Lindau endet meine Rückfahrt, ich hole Geld am Automaten und setze mein Saufgelage mit Jägermeisterflachmännern fort, die ich paketweise im Bahnhofskiosk kaufe. Die Verkäuferin sieht mich ungläubig an. Irgendwann liege ich bewusstlos am Bahnhof.

Im Lindauer Kreiskrankenhaus komme ich zu mir, als man mir den Magen ausgepumpt hatte. Man möchte mich dort nicht weg lassen, verlangt meine Personalien und möchte einen Psychiater und einen Richter hinzuziehen. Ich würde dort nicht weggekommen, wenn ich nicht aus diesem Krankenhaus fliehen würde. Über Zäune springe ich, durch private Gärten, schlage Haken, und irgendwann finde ich mich auf einer Bundesstraße Richtung Fernpass wieder.
Ich habe meinen gewohnten Alkoholpegel wieder erreicht. Ein Schweizer nimmt mich mit bis Zug, in der Nähe von Zürich.  Dort komme ich eine Woche bei einem befreundeten Bekannten unter und lerne einflussreiche und interessante Klientel kennen. In dieser Zeit telefoniert meine Mutter halb München verrückt, weil ich spurlos verschwunden war und auch Freunde, sowie Bekannte keine Ahnung haben, wo ich sei. Und vor allem wie…

Auf dem Rückweg bin ich fast pleite und stehe irgendwann spät nachts in Lindau und komme nicht vom Fleck. Ich laufe so durch die City, an einem Haus vorbei, wo man durch das Fenster eine Truppe Jungs ausgelassen beim Feiern sehen kann. Ich machte kehrt und klingelte an der Türe. Ein etwa Gleichaltriger öffnete die Tür und ich frage, ob ich mich ein Wenig dazu gesellen könnte; ich käme wohl heute nimmer zurück nach München und es ist recht kalt. Der Junge bittet mich herein und stellt mich seinen Kumpels vor. Ich werde herzlich als neuer Gast empfangen und man drückt mir gleich ein Bier in die Hand. „Malte. Ich wohne auch hier. Hallo John. Hey, Du kannst gern hier schlafen bis morgen früh!“ sagt einer der Jungs. „Wir haben hier genug Platz.“ Ich bedanke mich und feiere ausgelassen mit, ehe ich mich gegen zwei Uhr nachts auf einer Couch schlafen lege.
Gegen 7°° Uhr früh bedanke ich mich bei den Leuten und breche auf. Ich gehe zu der fünf Minuten entfernten Kreuzung und halte meinen Daumen raus. Ich stehe dort etwa zehn Minuten, da hält eine Polizeistreife. Sie wollen meinen Ausweis sehen und kontrollierten die Taschen. Ich werde nervös, frage mich, ob das eventuell mit meiner Flucht aus der Klinik zu tun hat. Die beiden sind aber recht freundlich, wünschen gutes Weiterkommen und fahren wieder.

München und meine Freunde haben mich bald zurück, und im März gehe ich für ein paar Tage zu Bertram und entziehe mich selbst vom Alkohol. Er ist in dieser Zeit eine große Hilfe für mich, der dann auch im beginnenden Frühling meine Trockenheit unterstützt, wo er nur kann. Ich rauche wieder vermehrt Marihuana; das bekommt mir wesentlich besser als der tägliche Suff. Ich lebe geordneter, lehne Bier auf Einladung im Lokalen strikt ab und genieße den Sex mit Jungs noch intensiver, als zuvor, wenn ich rund um die Uhr benebelt war.

Am 07. Mai ‘99 fahre ich mit Adalbert, den ich auf meiner Fahrt nach Tirol kennen gelernt habe, für eine Woche nach Berlin. Er braucht einen Aufreißer für seine Pornoserien, die er im Internet anbietet; selbst ist er zu schüchtern. Ich reiße in den Diskotheken heiße Jungs auf, vögel sie, er fotografiert sie. So hat jeder was davon und ich eine Tagesgage von 150-200 DM. Damit komm ich problemlos durch einen erlebnisreichen Tag.  Aber auch der Alkohol, den ich seit diesem Tag wieder konsumiere, wirft schon bei unserer Rückkehr nach München die Schatten…

Ende des Monats wird meine Sehnucht nach der Stadt des Lebens so groß, dass ich eines Nachts per Anhalter nach Berlin fahre. Ich stelle mich um 4.00 Uhr nachts an die Kapuzinerstraße in München und bin etwa gegen Mittag in Berlin Mitte. Nebst einigen „Spielgefährten“ sowie einem bekannten Designer, dessen Namen ich hier nicht nennen darf, weil er ständig verkokst ist und nach jungem „Gemüse“ Ausschau hält, lerne ich auch den 18jährigen Marco im „Blue Boy“ kennen und nehme ihn mit nach München. Dort mutiert er in den Fängen einiger Szeneschwuchteln mehr und mehr zur Tunte und unsere Wege trennen sich darauf bald.

Bertram wird zu meinem väterlichen Freund. Eine solche Freundschaft, Verbundenheit – ja man mag es fast Liebe nennen, kann man kaum genau umschreiben. Nur allein der Gedanke zählt. Es sind Unmengen an geistigem Wissen, viele Hände voller Geduld, Loyalität und Liebe und das unendliche Vertrauen, das mir Bertram gibt, was ich in meiner Kindheit und Jugend Zuhause stets vermisst habe.

Steve taucht wieder auf. Der süße Deutsch-Amerikaner, um den ich mir seit einem halben Jahr Sorgen machte ist wieder da. Das habe ich Bertram zu verdanken. Als ich mit ihm eines Juniabends im Adam’s Zeche mache, geht er mal raus an die frische Luft, um eine zu rauchen. Er kommt rein und meint: „John, da draußen  hat mich gerade jemand nach einer Zigarette gefragt; ich glaube du kennst ihn.“ Neugierig gehe ich nach draußen, wir blicken uns an und fallen uns lachend in die Arme. Das ist ein Wiedersehen. Ich habe Steve zurück. Er war einige Monate eingesperrt, wegen seiner nicht erfüllten Sozialstunden.
Steve V. und ich mögen uns noch mehr als zuvor. Er ist mittlerweile 16 und auch scheint er sichtlich vernünftiger geworden zu sein. Er lebt überwiegend bei mir – mit mir und ich toleriere seine Liaison mit einem Mädchen.

Eines Tages im August, Steve ist wieder verschwunden, ruft Bertram an. Er erzählt mir vom plötzlichen Tod seines ehemaligen guten Freundes, der gerade Ende Dreißig war. Und er erzählt von dessen jungen Partner, der an seinem Grab bitter weinte.
Dieser Junge ist Sascha, der letzte Geliebte, dieses Mannes, der aufgrund eines Herzinfarkts plötzlich verstarb. Bertram meint, er sei sehr fasziniert von der Art dieses Jungen gewesen, er habe sich länger mit ihm über den verstorbenen Peter unterhalten und er meint, ich solle Sascha mal kennen lernen. Er braucht jemanden, der ihn ablenkt.

Kein Kommentar »

Kapitel 9 - Sascha und der tiefe Fall

chinesischer-turmAugust 1999 - Januar 2000

Und so kommt es, dass wir uns an einem schönen Spätsommertag Ende August im Biergarten am Chinaturm kennen lernen. Sascha sitzt da, die Hände verschränkt, und sieht mich nur lächelnd an. Das tut er dann später auch weiterhin, während wir miteinander sprechen. Ich erwidere diese Blicke, die in mir ein reines Flammeninferno entwickeln.

Fortan treffe ich ihn öfter. Meist sehen wir uns an einer Parkbank am Harras und erzählen über uns. Später schon besucht er mich regelmäßig. Wir möchten zusammen sein. Sascha ist fast 16, noch nicht geoutet. Er möchte sich noch etwas Zeit damit lassen, seiner Mutter zu erklären, wer ich wirklich für ihn bin. Ich kenne sie nur vom Telefon; sie scheint mich zu mögen.

Auch er bemerkt  irgendwann im September, dass mein Alkoholkonsum mittlerweile eher einem anormalen Maß entspricht. So leert er mir des Öfteren schon morgens um acht Uhr die Whiskyflaschen ins Spülbecken und schimpft: „ John! Es kann doch nicht sein, dass ich nach dem Peter Dich auch noch verliere, nur wegen deiner scheiß Sauferei!“ Ich verspreche ihm immer wieder, dass ich versuche, aufzuhören und belüge mich selbst. Vermehrt flattern Mahnungen wegen offener Mietrückstände ins Haus, um die ich mich irgendwann nicht mehr kümmern mag. Ich sehe zu, dass ich täglich Whisky im Haus habe.

Samstag Morgen, halb sieben. Völlig betrunken verlasse ich das Pimpernel am Sendlinger Tor und mache mich auf den Weg zum Hauptbahnhof. Der Anblick der Wartehalle ist verheerend. Betrunkene Oktoberfestbesucher, in Schlafsäcke eingewickelt, überall Müll, Flaschen und Papier. Der Boden klebt; Fastfoodgestank bereichert die Luft. Ich bekomme einen Brechreiz und kotze in einen Mülleimer. Eine alte Frau mustert mich argwöhnisch. Ich brauche etwas zum Nachspülen und besorge mir im Bahnhofsladen eine Flasche Deinhart.
Schluck für Schluck verspüre ich einen unheimlichen Drang, aus diesem Trott in München auszubrechen. Zumindest ein wenig. Ich besorge mir am Schalter  42 ein Wochenendticket für 35 DM und wähle die nächste Verbindung – nach Ingolstadt. Einfach so. Ich muss hier weg. Etwas erleben.
Bepackt mit einem Rucksack voll Bier, zwei Flaschen Sekt und einer Stange Zigaretten  setze ich mich in das Raucherabteil. Der Zug fährt an, meine Stimmung steigt und ich lausche den Klängen von Bach, die aus meinem Discman ertönen.
„Hallo! Wachen’s auf! Endstation! Mir san in Ingolstadt.“ raunt der Schaffner. Ich war eingepennt. Hat mir gut getan; zumindest fühle ich mich etwas klarer. Was für eine Einöde! Ich steige in den Zug nach Treuchtlingen, gebe mir ein paar kräftige Schlucke Deinhart und male mir in Gedanken aus, wo meine Reise wohl endet. In der Bahnhofsgaststätte bestelle ich zwei Whisky und nehme den Rest der Flasche mit.

zug-sitzplatzWeiter geht’s mit dem Regionalexpress nach Nürnberg. Wieder suche ich mir einen gemütlichen Platz und mach mich dort breit. Als ich so schräg nach links blicke, sitzt da ein total süßer Skatertyp und sieht aus dem Fenster. Aus seinem Discman ertönt schrille Rockmusik.
Er steht auf, öffnet das Fenster und zündet sich eine Kippe an. „Junger Mann! Bittschön schließen’s doch das Fenster; do is so zugich!“ meckert eine Frau, die ihm gegenüber sitzt. Ich lächle ihm zu und winke ihn mit einer Handbewegung zu mir. „Setz’ dich her, mein Fenster ist offen!“ sage ich. Mit einem bescheidenen Lächeln gibt er mir seine Hand. „Danke. Ich bin Simon. Und du?“ „John. Ich bin John. Wohin des Weges?“

Wir kommen ins Gespräch und er berichtet mir von seiner Freundin, die er besuche und macht nach kurzer Zeit auch keinen Hehl daraus, dass es ihn mächtig in den Eiern juckt und sie sich einfach zum Poppen treffen. Auf seine Frage, ob ich denn auch zu meiner Freundin fahre, sag ich ihm, dass ich in München einen Freund in seinem Alter habe. „Das ist Neuland für mich; aber es würd’ mich echt mal reizen, mit ‘nem Kerl.“ gesteht er schließlich.

bahnbier1In Nürnberg angekommen, gehen wir was essen und ein Bier trinken. Der viele Alkohol beginnt, meinen Magen zu reizen. Auch in der Gaststätte unterhalten wir uns ungehemmt über Sex und das Thema Homosexualität. „Scheiße! 11.44 Uhr! In zwei Minuten fährt der Anschlusszug. Komm!“ Mit dem Glas Bier in der Hand stürmen wir lachend aus dem Lokal. Völlig außer Atem erreichen wir den Zug. „Du gefällst mir.“ sagt er. „Mit dir hat man echt Spaß, Mann!“ „Selber!“ sag ich und lache.

In Neuenmarkt angekommen, verabreden wir uns für den frühen Abend am Nürnberger Hauptbahnhof. Ich kaufe mir drei Dosen Whisky-Cola und unterhalte mich mit zwei Frauen am Bahnhof. Später nehme ich den Zug zurück nach Nürnberg und besuche ein Schwulenlokal. Der Wirt ist stockbesoffen und bietet mir einen Drink nach dem Alabasnderen aufs Haus an. Das geht soweit, dass ich irgendwann selbst hinter dem Tresen stehe, ausschenke und mir mixe, was ich möchte. Mit einem unterhaltsamen Gast gehe ich hernach woanders etwas trinken. In meinem Suff rufe ich meinen Freund Sascha an und quatsche ihn endlos voll. Als ich dort an der Bar wiederholt einnicke, verweist mich der Geschäftsführer aus dem Lokal. „Kein Wunder, dass dein Laden so leer ist, so wie du mit deinen Gästen umgehst, du billige Hure!“ schreie ich ihn an, zeige ihm den Mittelfinger und wanke aus dem Lokal.

Abends bin ich am Bahnhof und warte sehnsüchtig auf den blonden Engel. 17.30 Uhr – freudestrahlend schlendert er mir entgegen. „Na, wie wars?“ frag ich ihn mit hämischem Grinsen. „Geil. Aber als Nächstes bist du dran!“ sagt er und klopft mir lachend auf die Schulter. Sollte ich das ernst nehmen? Ich werde regelrecht heiß auf ihn.
Mit dem ICE fahren wir zurück nach München, wo eigentlich sein Anschlusszug nach Augsburg abfährt. „Wenns dich nicht stört, bleib ich bis morgen bei dir, John.“ sagt er und sieht mich dabei an. „Ähem… Ja, gerne.“ stockt es aus mir heraus.

Mit Simon beginnt eine Welle von Vielmännerei; manchmal weiß ich am nächsten Morgen nicht, wer der Kerl in meinem Bett ist; meist ist es mir egal. Ich koste alles aus, was ich bekommen kann und führe die schönsten Jungs der Städte in mein Gemach.

polizeiEines Tages im Dezember, nachdem ich Sascha schon einige Wochen nicht mehr gesehen habe, liegt ein Brief der Kripo im Briefkasten. Meine zitternden Hände  reißen das Kuvert auf, meine tränenden Augen lesen den Brief und die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft. Dort wird mir der Missbrauch von Jugendlichen vorgeworfen. Saschas Mutter hat mich angezeigt. Ich möchte das weder glauben, noch wusste ich jemals, dass es Missbrauch von Jugendlichen überhaupt gibt. Bin doch selbst erst 20 Jahre.
Bei meiner ersten „Einladung“ im Sittendezernat erfahre ich, dass Sascha sich geoutet und die Wahrheit über unsere Freundschaft erzählt hat. Dass er auf Männer steht und mich liebt. Seine Mutter habe daraufhin einen Aufstand gemacht und schleppte ihn zur Polizeiinspektion eine Straße weiter und zeigte mich an. Ein tiefer Schock, der mich innerlich erstarren lässt. Und das kurz vor dem hoch gepriesenen, modernen 21. Jahrhundert!
Drei Male war ich zum Verhör geladen und sage immer wieder das Selbe. Wie ich Sascha kennen lernte, mit ihm zusammen ging. Jedes Detail. Mir ist das unangenehm. Ich fühle mich wie ein Verbrecher; ich weiß gar nicht, was ich denn verbrochen hätte; es ist einfach eine lähmende Angst in mir. Und der Riss. Der Riss den Saschas Mutter in die Liebe zwischen Sascha und mir getrieben hat. Es ist eine grausame Zeit. Und es kommt noch übler.

Ein paar Wochen war nun Ruhe, ich lasse den Staatsanwalt ermitteln und geh eines Abends runter, um Zigaretten zu holen. Am Automaten kommt ein junger Pole auf mich zu und fragt mich nach Papers. Er ist hübsch. Ich frag ihn ob er damit ne Tüte bauen will. Klar will er das. Wir rauchen zusammen und später kommt noch Saber, sein arabischer Kumpel dazu. Wegen eines männlichen „Oben ohne“ Bildes an der Wand, quatschen sie mich aufs schwul sein an. Interessiert stellen sie Fragen zum Thema, man kenne ja nur „Weiber knallen“ und das ewige Gehabe von denen. Der Abend gestaltet sich recht lustig und ich bin überrascht, in welch ungewöhnlichsten Situationen ich immer wieder neue Leute kennen lerne.

Später so gegen 23.00 Uhr, als die beiden schon lange gegangen waren, klingelt es an meiner Türe. Ich geh an die Haussprechanlage und Saber ist dran. „John kann ich hochkommen, ich bin‘s Saber!“ Etwas verwundert lass ich ihn ein und er setzt sich auf mein Bett. Er zündet sich eine Kippe an, sieht mich kurz an und dreht Däumchen. Mit leiser Stimme frage ich ihn: „Kann ich was für dich tun?“ „Ich muss … ähm.. isch will disch was fragen John.“ Ich setze mich zu ihm. „Ja frag doch.“ Saber stockt. „Isch… Ich ähm…“  Geistesgegenwärtig umgibt mich ein hundertprozentiges Gefühl, dass dieser Junge eindeutig mit mir schlafen will. „Hat das etwa was mit mir zu tun?“ Er sieht mich an und antwortet: „Ja, ich möchte mit dir was machen. Kann ich bleiben?“

auszugSaber besucht mich die Wochen darauf sehr regelmäßig, und bevor das eine Liebe werden kann, reißen mich plötzlich eines Morgens im Januar eine Gerichtsvollzieherin, die Polizei und drei Möbelpacker aus meinen Träumen. Die seit Monaten angekündigte Zwangsräumung. Vor meinen Augen wird mein gesamtes Hab und Gut, das ich besitze, aus der Wohnung getragen, während ich am Tisch im Flur sitze, aus meiner Whiskyflasche trinke und versuche, den Worten der Gerichtsvollzieherin zu folgen. Schließlich breche ich in Tränen aus, packe einen Rucksack mit dem Nötigsten zusammen und gehe wortlos aus meiner Wohnung, die nun nicht mehr meine ist.

Kein Kommentar »

Kapitel 10 - Schwabinger Bleibe

Februar 2000 - März 2001

Sehr bald finde ich ein Pensionszimmer,  welches man sich mit einem weiteren Bewohner teilen muss. Nun bin ich ein Sozialfall und muss mich den neuen Umständen anpassen, was nicht gerade einfach für mich ist. In der Schwabinger Pension bin ich recht bald sesshaft. Der arabische Mann, der sich das Zimmer mit mir teilt, ist sehr nett und stört sich nicht daran, dass ich ab und an einen Kerl mitbringe, der dann in meinem Bett schläft. Ja, er geht sogar mal mit in mein Stammlokal. Wir haben sehr viel Spaß dort.

Im April habe ich meine zweite Gerichtsverhandlung wegen Erschleichung von Leistungen (Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ohne gültigen Fahrausweis) und werde zu 60 Sozialstunden verdonnert.

Von der Staatsanwaltschaft kommt, verspätet wegen meines Umzugs, ein Schreiben, dass das Verfahren gegen mich eingestellt wurde. Sascha hat mit seiner Aussage und dass er offen zu mir stand, dafür gesorgt, dass die fadenscheinigen Behauptungen, die seine Mutter einbrachte, im Keim erstickt wurden. Aber trotzdem hat sie das Umgangsrecht, was sie dazu nutzt, dass ich ihn vor seinem achtzehnten Geburtstag nicht wieder sehen darf.

Im Frühjahr wechseln die Besitzer im Adamatschka. Didi, der vorher das Lokal führte, stellt mich als Propagandist in seiner Firma an. Ich habe zwar keine Vorerfahrung; aber wenn ich im Suff Jungs aufreißen kann, wird das doch auch bei Kunden klappen. Bienenwachs, Jojobaöl und Lanolin. Das sind die Inhaltsstoffe dieses Lederpflegemittels, das ich den vorbeihetzenden Menschen in der Fußgängerzone an ihren Schuhen vorführe. Das Produkt lässt sich sehr einfach und gut verkaufen. Meinen Verdienst versaufe ich meist postwendend in der Bar oder kauf mir was zu rauchen. Bald darauf stellt mich Herbert, der neue Besitzer, als Service- und Thekenkraft ein. Es war schon immer mein Traum, in meinem „zweiten Zuhause“ die Gäste zu bedienen, die zum Teil schon wie eine Familie geworden sind.

Am 08. Mai 2000 werde ich gegen 11.30 Uhr von zwei Zivilbeamten abgeholt und in Handschellen vor Gericht geführt. Ich habe einen Gerichtstermin vergessen, wo ich wegen versuchten Totschlags als Zeuge aussagen sollte. Enzo W. (19) war Gast in der Bar, als ich Dienst hatte. Wie meist, wenn mir einer gefiel, machte ich ihm recht den Hof und lud ihn auf ein paar Cocktails aufs Haus ein. Heute bin ich sehr froh, dass ein türkischer Kumpel Tim, der Enzo besser kannte, alles dagegen setzte, dass ich ihn mit zu mir nähme. Er ließ sich nämlich zu später Stunde auf einen Mann um die vierzig ein, den er Zuhause ausraubte und mit dem Messer in den Rücken stach. Das stand dann in alles Zeitungen. Der Gast überlebte den Mordanschlag; aber auch ich hätte an jenem Abend das Opfer sein können…

Ende Mai lerne ich bei meiner Vorführung am Stand drei Jungs kennen. Marian, Basti und Rudi. Ein kleiner Kiffer-Clan, der mich ab da an regelmäßig in der Kneipe besucht. Marian, der mit Basti der Hübscheste der Gruppe ist, nimmt mich mal mit nach Hause. Was mich dort erwartet, hatte ich zuvor noch nie gesehen. Eine alte Villa, mit recht verwildertem großen Grundstück, direkt am mittleren Ring in Sendling gelegen. Seine Mutter (48), schwerst alkoholabhängig, brüllt und randaliert gern, wenn sie wieder auf einem gewissen Level war. Beide Stockwerke sind ein Anblick des Grauens. Die Zimmer sind überwiegend total vermüllt und mit allerlei Kram vollgestellt. Bei den Jungs dreht sich jeder Tagesablauf hauptsächlich ums Kiffen. Man lässt sich gehen und lebt in den Tag hinein. Auch zwei von diesen Jungs testen mit mir ihre bisexuelle Ader aus, was ich natürlich nicht ablehne.

In der Schwabinger Bleibe bekomme ich zwei nette Zimmernachbarn. Klaus (38) und sein 30jähriger Lebensgefährte Markus ziehen ein. Mit Klaus, der rheinischen Frohnatur erlebe ich viele lustige Abende, die wir zumeist in der Gemeinschaftsküche beim Kochen und Wein trinken verbringen. Mein Zimmerkollege hat auch gewechselt. Nun wohnt der Enddreißiger Robert mit drin.  Ein langhaariger Bauarbeiter, der von seiner Ex auf die Straße gesetzt wurde. Irgendwie haben in diesem Haus alle ein Alkoholproblem, somit fällt das meine gar nicht mehr so auf. Ich trinke schon nach dem Aufstehen, auch während der Arbeit und habe immer einen gewissen, kaum bemerkbaren Pegel, der dann in manchen Abendstunden auch ausartet.

Im Juli kommt ein Brief von der Staatsanwaltschaft mit einer Ladung zum Strafantritt. Ich solle für eine Woche in das Jugendgefängnis Neudeck, da ich meine Sozialstunden nach zwei Tagen abbrach. Abermals bricht für mich eine Welt zusammen. Alles, nur nicht das. Meine Freiheit war mir schon immer das oberste Gut. Nun will man sie mir nehmen. Durch meinen daraufhin vermehrten Alkoholkonsum werde ich für einige Zeit vom Dienst in der Bar freigestellt. Ich sitze dann oft mit Stammgästen auf der Freibestuhlung  und lass mich voll laufen. Eine etwa zweiwöchige Liaison mit dem achtzehnjährigen Tschechen Radek bekomme ich nur noch benebelt mit. Aber sie ist schön.

Sturzbetrunken laufe ich eines Tages beim Rechtsanwalt Frick ein, der seine Kanzlei gleich um die Ecke der Bar hat. Er bekommt für mich hin, dass ich anstatt der Woche Jugendarrest in eine Klinik gehe und mich dem Alkohol entwöhne. Ich gehe zu einer Klinik am Goetheplatz und lasse mir einen Termin geben, den ich dann nicht wahrnehme.

Im August tauche ich dann für drei Wochen bei Rico in Solln unter. Er ist für einige Zeit in Kiel und ich kann seine Wohnung bewohnen. Am Vormittag des 23. September dann, als ich in meinem Pensionszimmer bin, klopft es laut gegen die Tür. Als ich öffne, zeigen zwei Zivilbeamte ihre Ausweise und verlangen nach meinen Personalien. „Sie sind vorläufig festgenommen!“ sagt mir ein Beamter. Schlaftrunken frage ich, warum. Mir wird vorgeworfen, der Ladung zum Strafantritt keine Folge geleistet zu haben und seither werde ich gesucht. Etwas verwirrt und geschüttelt von meinem Tremor ziehe ich mich an und folge den Beamten zum Auto.

jva-nd2Trotz meiner Angst versuche ich gelassen zu bleiben, rufe Herbert im Adams an und sag ihm, dass ich die kommende Woche nicht arbeiten kann. Zunächst werde ich in eine kahle, nackte Zelle mit einer verkackten Kloschüssel aus Edelstahl gesteckt, wo man mir eine Zigarette erlaubt. Ich rauche drei. Nach etwa 20 Minuten tötender Wartezeit werde ich von den beiden Beamten zur JVA Neudeck gefahren. Dort werde ich vom Hausarbeiter empfangen, der mir Knastklamotten in die Hände drückt und mich meiner Zelle verweist. Und da ich nicht selbst zum Arrest angetreten bin, erhalte ich noch ein dreitägiges Rauchverbot. Ich erkläre den Leuten dort meine Lage, dass es mir nicht gut gehe, dass ich Trinker bin.
Mit Abklärung durch den Gefängnisarzt werde ich in die Krankenstation der JVA Stadelheim überwiesen. Nach weiteren zweieinhalb Stunden Wartezeit mit einem Kreislauf im Keller, werde ich endlich abgeholt. Auf der Station angekommen wird mir der Blutdruck gemessen. 190/110 – zu hoch. Mir wird Distraneurin verabreicht. Daraufhin komme ich in eine Stationszelle mit einem gleichaltrigen Drogenopfer und einem älteren Alkoholiker, der aussieht wie ein Penner. In der ersten Nacht bekomme ich dort Angstzustände, Atemnot und Schwindel. In den Morgenstunden schlafe ich ein.
Sieben Uhr ist allgemeine Weckzeit. Es gibt Kaffe, der schmeckt wie Spülwasser, entscheide mich dann für Tee. Nach Vergabe einer weiteren Dosis Distra schlafe ich bis zum Mittagessen. Nach dem Knastfraß, der schmeckte, als komme er aus der Konserve, bekomme ich wieder meine Arznei und schlafe.

Am dritten Tag werde ich dann wieder mit dem Gefangenentransport nach Neudeck gefahren. Ich sehe aus dem vergitterten Fenster, als wir durch belebte Straßen fahren. Was die Menschen da draußen jetzt wohl denken, was da für einer im Auto sitzt? Ich finde es schrecklich, an diesen sonnigen Herbsttagen eingesperrt zu sein. Schon bald nach meiner Ankunft ist Hofgang. Ich schau mir ein paar hübsche Jungs an und höre plötzlich eine vertraute Stimme. Marian! „Alter! Is ja geil, dass Du mich besuchen kommst!“ ruft er mir zu und gibt mir die Hand. „Ne nee. Ich zieh vorübergehend ein.“ erwidere ich. Marian hat vier Wochen Arrest, daher hatten wir uns in den letzten zwei Wochen nicht gesehen. Wir haben uns viel zu erzählen; die Jungs helfen uns mit Tabak aus.
Die Nächte in Neudeck sind grausam. Abends verbringe ich die Zeit mit Lesen, ab 21.00 Uhr wird das Licht ausgestellt. Oft lese ich dann noch lange im Schein der Straßenlaterne weiter. Ich fühle mich allein und das macht mir Angst. Mein Zellennachbar, ein neunzehnjähriger Russe lässt sich auf einen Quickie unter der Dusche ein, während die anderen im Hof Fußball spielen. Abends geben wir uns Klopfzeichen. Mit Marian verbringe ich die Zeiten, in denen die Zellen offen stehen. Nach ein paar Tagen geht es mir auch körperlich schon besser und am 30.09.2000 werde ich endlich entlassen.

Der Arrest kam mir wie eine Ewigkeit vor. Nüchtern setze ich meinen Dienst im Adams fort, fange aber schon nach wenigen Tagen wieder langsam an, zu trinken. In den kommenden Wochen und Monaten wird es sehr ruhig um mich. Ich sitze meist Zuhause im Pensionszimmer herum und hab immer Sorge, dass ich genug Wein daheim habe.

Der Jahreswechsel auf 2001 gestaltet sich sehr traurig und einsam. Ich stehe allein am Zimmerfenster und sehe zu, wie die Leute auf den Straßen Schwabings feiern, sich umarmen und Feuerwerksraketen in die Luft steigen lassen.

pension-giesingIm März 2001 wird die Schwabinger Pension zum Heimeranplatz verlegt; das Haus soll zu Eigentumswohnungen umgebaut werden. Ich werde als Bewohner nicht mit dorthin übernommen, da schon so viele Klagen vom Hausmeister auf mein Konto gehen. Somit ziehe ich mit meinen drei Koffern in die Pension „Giesinger Berg“ im hiesigen Giesing. Dort lerne ich den achtzehnjährigen Sigi aus dem Erdgeschoß kennen. Er fragt mich sofort, ob er mir was beim Hochtragen helfen könne und ich freunde mich mit dem hübschen Kerl aus Kiel an. Einige Wochen später liegt er schon bei mir im Bett und kuschelt sich so lange an mich, bis wir uns ungehemmt unseren Gefühlen hingeben.

Kein Kommentar »

Kapitel 11 - Michi und die alte Villa

pilsenseestr. 3Juni 2001 - Oktober 2002

Des Öfteren besuche ich Marian in der alten Villa und eines schönen Sommertags im Juni übergibt er mir die Schlüssel und sagt, ich könne den ersten Stock bewohnen, für 200 Euro Miete. Das ist fantastisch. Endlich wieder was Eigenes, nach über einem Jahr Pensionsleben. Das Haus ist zwar recht baufällig, aber bewohnbar. Marian wohnt noch zwei Wochen im anderen Zimmer, bis er dann zu Schwester und Schwager zieht. Diese Leute gehören der Skinheadszene an und sind allgemein nicht recht smpathisch. Mein Unmut darüber wächst; aber er möchte dort leben.

Nach und nach richte ich mir die Wohnung her und freunde mich mit Alexandra, Marians Mutter an. Sie bewohnt das Erdgeschoß. Barocke Möbel, Wandbilder und Kronleuchter erzählen aus früheren, guten Tagen. Aber alles ist in einem eher verdreckten Zustand und die frau_alkoholWohnung stinkt. Nach Kotze, moderndem Holz und Schnaps. Sie erzählt oft von ihrem Mann, dem Opernsänger, dem ein hiesiges Schuhhaus in München gehörte und der an seiner Alkoholsucht starb. „Den kompletten Magen hat er an die Wand gekotzt, in deinem Zimmer, gleich neben der Tür!“ keift sie und verzieht ihren Blick zur bitterbösen Miene. Da konnte sie immer aussehen, wie eine Hexe. Dass ein Mensch so viel trinken kann, erlebte ich an ihr zum ersten Mal. Nicht mal Peter aus Dachau hatte täglich solche Massen an Schnaps vertilgt. Alexandra, mit ihren 1,60m schaffte locker zwei Flaschen Cognac am Tag, wenn nicht mehr.

Im Juli beginne ich in einer Kosmetikfirma zu arbeiten. Ich bin als Bürokraft der Mann für alles. Mein Aufgabengebiet umfasst die telefonische Betreuung von End- und Geschäftskunden, Postverkehr, sowie Anfertigen grafischer Layouts für das Marketing und Web. Mit meinem Gehalt komme ich bei der günstigen Miete sehr gut aus und ich beginne, den ersten Stock der Villa zu entrümpeln und zu renovieren. Meinen Alkoholkonsum habe ich schon in der Giesinger Pension soweit herunter drosseln können, dass ich tagsüber nüchtern bleibe. Ich pflege das verwilderte Grundstück und richte die Etage so her, dass sie begehbar erscheint. Jungs lerne ich so einige kennen, aber für etwas Längerfristiges eignet sich wohl keiner von ihnen. Ich habe ja noch einen kleinen Freundeskreis, mit denen man einfach zusammensitzt und quatscht oder Unsinn macht.
Von den Kneipen und Lokalen habe ich mich zum Großteil getrennt, mein Leben spielt sich nach Feierabend vermehrt Zuhause ab. Ab und an sitze ich im Internetcafé „Kraft@kt“ und tummle mich bei „Gayforum“ und „Gayromeo“ herum.

11-septemberAm Tag des 11. Septembers; mein Arbeitskollege und ich sind gerade am Pakete fertig machen, da geht ein nervöses Gerede durch die Firma und wir werden aufgerufen, die Radios lauter zu stellen. Es wird berichtet, dass soeben vor 12 Minuten ein Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers geflogen sei. Erstarrt vor Schreck hören wir kurze Zeit darauf, dass nun auch der Südturm getroffen sei. Gegen 18 Uhr komme ich nach Hause und schalte das Fernsehgerät ein. So gut wie alle Kanäle haben Programmunterbrechungen oder Bauchbinden eingeblendet, nahezu auf jedem Sender sieht man die schrecklichen Bilder der einstürzenden Türme, der Menschen, die gelähmt vor Angst wirr durch die Straßen rennen. Da fliegt ein Passagierflugzeug direkt in den Turm, und kurz darauf ein zweites… Es ist schwierig, sich mit der Wahrheit dieses Grauens anzufreunden; aber der Trailer für einen Kinofilm ist es nicht, das wird schnell klar, wenn man in die Augen der entsetzten Nachrichtensprecher sieht.

Ab diesem Tag hört und sieht man nichts anderes mehr in den Medien, als Taliban, Bin Laden und Tschi Had. Auch die Kontroversen, die behaupten, es sei ein geplanter Anschlag aus den eigenen Reihen, lassen nicht lange auf sich warten. Oftmals mache ich mir einen Spaß, werfe mich in weiße Stoffhosen mit weißem Hemd und weißem Kopftuch. Man wird recht dumm auf den Straßen angesehen, und ich genieße meinen Spaß.

sendlinger_tor_muenchenAm 11. Oktober 2001, genau einen Monat nach den Anschlägen in New York, gehe ich mit meinem Arbeitskollegen noch auf ein Feierabendbier ins Kraft@kt. Auf dem Weg zur U Bahn sehe ich da wieder diesen Jungen mit den blauen Augen und den langen Haaren sitzen, wo sich eigentlich meist die Punks aufhalten. Ich meine hämisch zu Chris: „Heut sprech ich ihn an! Den sah ich schon mindestens fünf mal hier sitzen.“ Und so kommt es aber, dass er mich anspricht. „Hast mal n Euro bitte?“ fragte er mich. Und wir kommen ins Gespräch. Ich lade ihn mit meinem Arbeitskollegen zu mir nach Hause ein; er kommt mit. Mit Michi, der ein paar Jahre jünger ist, als ich, führe ich angeregte Diskussionen bis spät in die Nacht. Chris schläft auf der Couch, Michi bei mir im Bett. Freitagnachmittag kommt er wieder und bleibt bei mir. Wir scheinen uns recht gut zu verstehen.

Samstag morgen, ein herrlich schöner Herbsttag. Michi schläft noch und ich kehre das Laub von der Einfahrt zusammen. Bertram ruft an. Ich erzähle ihm von dem schönen Jungen, der gerade bei mir sei. Und ich erzähle ihm, wie ich mich in diesen Jungen so langsam zu verschießen beginne. Bertram findet es schön, dass auch für mich die Sonne wieder scheint. Er hatte in der Zwischenzeit auch jemanden kennen gelernt und erlebt mit ihm eine glückliche Freundschaft.

Die kommenden Monate beschränkt sich mein Leben hauptsächlich auf Michi und meine Arbeit – es sieht ganz danach aus, dass wir länger miteinander klar kämen. Ich bin sehr verliebt. Ein paar Wochen später besiegele ich unsere Freundschaft mit zwei Ringen. Das mache ich überhaupt zum Ersten Mal. Wir sitzen gerade beim Griechen und trinken Mavrodaphne, da schenke ich uns die Ringe. Und Küsse, süßer als Wein.

Eines Tages Ende Oktober, holen wir mit dem befreundeten Wilfried Michis Sachen mit dem Auto aus der Jugendpension. In Absprache mit seinem Vater zieht er zu mir. Ich bin nun 22 Jahre alt und lebe zum ersten Mal mit einem Partner richtig zusammen. Manchmal sitzen wir unten bei Alexandra, wenn sie gerade mal Alkoholpause hat und erträglicher ist, als sonst. Sie hat ja niemanden mehr als ihre Mutter Jonny, die regelmäßig vorbeikommt und sie versorgt. Und dann ist da noch Uwe, der Stadtpenner, den sie vor drei Jahren zu sich holte. Dann und wann, wenn sie ihn raus wirft, residiert er im Gartenhäuschen, das stellenweise auch schon in sich zusammenfällt.

An Weihnachten beschließen Michi und ich, der Einladung seines Vaters nachzukommen und fahren nach Weiden. Schon am Telefon war man sich sympathisch geworden und als er erfuhr, dass sein Sohn bei mir ein Dach über dem Kopf hat und sich Arbeit sucht, da bot er mir das „Du“ an. Bernd ist ein recht lässiger Mensch. Und ich bin positiv überrascht, als er mich Abends irgendwann „Schwiegersohn“ nennt. Wir wollen ihn zwar vor die Tatsachen stellen, da kommt er uns schon zuvor. Er lebe ja nicht hinter dem Mond und er kenne doch seinen Sohn; er habe damit überhaupt kein Problem, dass wir ein Paar sind. Bernd und ich leeren bis in die frühen Morgenstunden noch so die eine oder andere Flasche Rotwein, ehe ich mich dann gegen 5.00 Uhr früh zu Michi ins Bett lege.
Mittags ist dann Essen bei den Großeltern angesagt. Obwohl mir solche Anlässe immer in höchsten Maßen unangenehm sind, empfinde ich dieses ältere Ehepaar als sehr freundliche und gute Menschen, die was auf ihren Enkel halten. Bernd und ich sind sehr verkatert; wir müssen uns regelrecht zusammenreißen, um nicht am Esstisch einzuschlafen.
Nach diesem Wochenende fährt uns Michis Vater wieder nach München, direkt nach Hause. Voller Stolz platziert Michi die Drachenpalme, die er von Zuhause mitnahm, neben der Couch im Wohnzimmer. Nach jahrelanger Pflege musste er sich  lange von ihr trennen. Auch seinen Fernseher und die Stereoanlage bringt er mit in den Haushalt. Unter Anderem bringt er selbst ein Alkoholproblem mit in die Beziehung, muss aber auch des Öfteren unter dem meinen leiden. Allzu oft kommt es in den Folgemonaten zu abendlichen Streitereien, weil wir beide einfach zu voll sind. Jedoch finden wir immer unsere Grenzen.

Zu Silvester 2001 laden wir Tom aus Kaufbeuren und einige seiner Freunde zu uns ein. Zu viel Gras und zu viel von meiner Superbowle im Hirn, komme ich auf die Idee, da wir kein Feuerwerk hätten, doch auf den Balkon zu gehen. Und dort verbrennen wir ein paar Altmöbel und es wird herrlich warm um uns. Als wir dann noch die geistreiche Idee entwickeln, Deo- und Haarsprays hinein zuwerfen, macht es mehrere, gewaltige „Rumms!“, so dass die Scheiben zittern. Wir lachen und haben Spaß an unserem „selbst gebauten“ Feuerwerk, bis Halogenstrahler von der Straße aus in die Einfahrt leuchten. Blaulicht durchdringt das Geäst. „Scheiße die Feuerwehr!“ ruf ich und schon klettert ein Feuerwehrmann mit der Sturmleiter hoch zum Balkon und sprüht mit der Schaumkanone das Feuer aus. „Was is denn in euch gefahren?“ fragt er und man sieht, dass er dabei heimlich grinst. Ich erkläre ihm, dass ich es meinen Gästen auf dem Balkon warm machen wollte, da sagt er nur: „Oiso sie san ja scho verrückt. Sowas kennas doch unten im Schnee mocha!“ Ein Glas Bowle lehnt der Mann ab. Es gäbe noch mehr so Gestörte wie mich in der Silvesternacht. Lächelnd geht er, mit meinem Versprechen, dass so was nicht nochmal vor käme.

Mein abendlicher Rotweinkonsum steigert sich wieder schleichend, vor allem wenn wir streiten. Dann fliegen auch meist wüste Worte und am morgen danach ist mir vermehrt unwohl und ich trinke ab und an ein Desperados auf dem Weg zur Arbeit. Ich stehe zwar mit meinem Arbeitgeber ganz gut, aber auch er rügt des Öfteren mein Zuspätkommen und meinen Alkoholgeruch am Morgen.
Michi droht oft, dass er geht, immer wieder laufe ich ihm hinterher; bitte Bleib. Eines Nachts streiten wir so sehr, dass wir uns das erste Mal schlagen. Irgendwie machte ich wohl eine falsche Bewegung in Richtung seines Halses, da schlägt er mir ins Gesicht. Und das löst eine Schlägerei aus. Michi nimmt letztendlich meinen Ficus und reißt ihn in ganzen Zweigen auseinander, worauf ich dann seine geliebte Drachenpalme zerbreche. Gleich hinterher tut mir das leid, als ich bedenke, dass die arme Pflanze ja nichts dafür kann.

Alexandra totAn einem Abend Mitte März wird es seltsam laut im Stockwerk unter uns. Der Notarzt ist bei Alexandra. Ich eile nach unten, zum Hof, zur Terrasse und stehe an der Terassentür. Alexandra liegt da am Boden, klein und zusammengefallen, mit blutigem Erbrochenen auf dem Shirt. Jonny, ihre Mutter kommt mit Tränen in den Augen heraus. „Diesmal wird sie es nicht schaffen, meine kleine Alexandra. Sie hat keinen Willen mehr“. Die Frau weint. Ich höre nur noch das Geräusch, das bei Alexandras Beatmung entsteht, ihr Röcheln und die Stimmen der Ärzte: „Oans, zwo. Drei – und…!“ Ein eiskalter Schauer überkommt mich. Ich will das nicht wahrhaben. Ein paar Tage vor ihrem Fünfzigsten stirbt sie uns einfach weg. Dass ihre inneren Organe schon alle krank waren, ist bekannt. Aber das es so schnell geht, möchte ich nicht fassen.
Ein paar Minuten später, nachdem ein seltsamer Wind an meinem Gesicht vorbeizog, kommt Jonny nach oben. „Mein Kind ist tot.“ sagt sie mit erschüttertem Blick und geht schluchzend wieder. Da packt es auch mich. So sehr diese Frau im Suff genervt hatte, so sehr mochte man sie aber auch. Kurz darauf kommt Michi nach Hause und erfährt auch von diesem Unglück. Tschüss Alexandra! Du wirst immer in unseren Gedanken bleiben!

Ein paar Tage später kündigt eine fadenscheinige Immobilienfirma anhand eines Briefeinwurfs, den Besitz des Hauses und Grundstückes an – und ich solle die Wohnung zum nächsten Tag mittags 12 Uhr räumen. Drei Tage darauf erwirke ich beim Amtsgericht eine einstweilige Verfügung. Man kann uns nun nicht räumen und wir sind erstmal sicher. Dass Marians habgierige Schwester und ihr Mann dahinter stecken, wird mir auch bald bekannt.

Ich bereue es immer noch, dass ich Michi damals mit einem Freund, den ich hier Calvin nenne, bekannt gemacht hatte. Mit Calvin hatte ich mal was;  das ist aber schon einige Zeit her. Nun hängt Michi vermehrt im ehemaligen Adams, das nun Pinocchio heißt. Calvin arbeitet mittlerweile dort. So hatte ich mir nicht allein durch mein Verhalten einen Konkurrenten geschaffen. Und die Ironie des Schicksals führt die Beiden am 01. April 2002 zusammen. Ein schlechter Aprilscherz.  Am nächsten Abend kommt Michi bereits nicht mehr nach Hause. Er schläft bei Calvin in Gauting. Am Mittwoch bereits ist mein Alkoholpensum bereits wieder so hoch, dass ich mich krank schreiben lasse.
Am Freitag, den 05. April stehe ich heftig unter Diazepam und Alkohol. Eine Mischung, die Auswirkungen wie mittelmäßig gutes Kokain haben können. Ich erwische Michi und Calvin beim Durchkämmen aller Waggons der S6 Richtung Tutzing. Ich setze mich zu ihnen und schüchtere meinen Nebenbuhler so derart mit wüsten Drohungen ein, dass er aus Angst die Polizei ruft. Michi sieht mich eiskalt an und macht mir mehrmals klar, dass nun Schluss sei und ich ihn in Ruhe lassen soll. Am Bahnhof in Gauting gibt er mir ein kleines Rauchpeace und bittet mich, zu gehen. Traurig und gelähmt vom Schock trotte ich durch die Nacht, baue mir eine Tüte, weine und habe nach letztendlich drei Stunden Fußmarsch auf der Bundesstraße nach München schließlich das Glück, ein Taxi zu erwischen, welches mich günstig nach Hause bringt. Auch Michis Vater weiß schon von der Situation und würde gerne helfen, wenn er nur helfen könnte.
tabletten-alkoholAm Samstagvormittag steigt mir schließlich alles über den Kopf und ich laufe zu Norma, hole zwei Flaschen Wodka. Die erste leere ich schon auf dem 15minütigen Nachhauseweg zur Hälfte. Dazwischen alles Mögliche an Tabletten, eine Tüte und wieder Wodka. Und irgendwann fehlt mir das Bewusstsein.
Michi findet mich schließlich in einer Kotze aus Wodka und Blut und ich kann aufklaren. Immer wieder sage ich ihm, dass ich ihn liebe, immer wieder schreib ich ihm Briefe, dass er mich nicht weiter leiden lassen soll. Michi meint nur: „Hör mal zum Saufen auf und komm wieder runter! Dann schau mer mal.“

Die folgenden Tage drossle ich meinen Alkoholpegel und trinke nur Weißbier. Im Internet treffe ich in der Woche zwei Jungs zum Sex. Und da kennen wir uns plötzlich sechs Monate -  Michi ist bei Calvin.
Die Wende kommt wohl in der Nacht vom 12. Auf den 13. April, als im Pinocchio  eine Party ist und Michi einen Riesen Krach mit Calvin hat. Er ist eifersüchtig durch meine Anwesenheit und weil ich mich mit Michi so gut verstehe. Bis sechs Uhr früh sind wir unterwegs und ich fühle mein zurückgewonnenes Glück kommen.
Am Samstagabend besuche ich mit Peter, einem befreundeten Augenarzt ein Klassisches Konzert in der Philharmonie. Nach zu viel Rotwein und Rauch breche ich inmitten der Aufführung zusammen. In der ersten Pause komme ich wieder zu mir. Es ist aber trotz des Zwischenfalls ein wunderbares Erlebnis. Und als ich nach Hause komme, ist Michi zurückgekehrt. Ich sehe, dass mein Kampf um ihn nicht umsonst war. So harmonisch wie selten verlaufen die kommenden Wochen. Jedoch meinen Alkoholkonsum kann ich nur  schwer dauerhaft drosseln, vermehrt komme ich zu spät oder gar nicht zur Arbeit und erhalte Abmahnungen. Bis ich dann im Mai 2002 gekündigt werde.
Da genieße ich erstmal die viele Freizeit, die mir aber im Laufe der Wochen und Monate immer mehr zum Verhängnis wird. Ich trinke und trinke. Im Juli, kurz nach meinem 23. feiert Michi seinen achtzehnten Geburtstag. Ich helfe ihm, alles für eine hübsche Party herzurichten und wir feiern mit Freunden und Bekannten.

kralleEines Morgens im August kommen Michi und ein Freund vom Feiern nach Hause. Ich liege noch im Halbschlaf und bekomme mit, wie Michi ständig zu mir spricht. „John!“ flüstert er. „Schau mal ins Bad, da wartet was Süßes auf dich.“ „Nee! Lass mich schlafen, du bist ja besoffen!“ grunze ich und dreh mich um. Schließlich erreicht er meine Neugierde irgendwann doch und ich öffne vorsichtig die Tür zum Bad. Und da sitzt ein kleines Kätzchen auf dem Badteppich und sieht mich mit großen Augen erwartungsvoll an. „Ach Gott, ist die süß! WO habt ihr die denn her?“ frage ich. Michi erzählt, sie war ihnen entgegengelaufen und wich den Beiden nicht mehr von der Stelle. Gleich zu Anfang hatte sie ihn gekrallt, daher einigen wir uns alle drei ziemlich schnell auf den Namen „Kralle“. Sie gewöhnt sich schnell an uns und gehört von nun an zu unserer „Familie.“
Am 13. September 2002 kommt es schließlich zur Gerichtsverhandlung zwischen der Immobilientante und uns. Man einigt sich mit dem Anwalt der Gegenpartei auf eine Räumungsfrist zum 31. 12. 2002 und sieht von Kosten ab. Wir sind erleichtert und feiern unseren Sieg.
Unterdessen fällt mir während eines Einkaufs mit Michi auf, dass Sascha, den ich seit Ende 1999 nimmer sah, ganz in unserer Nähe wohnt. Ich setze mich mit Michi in einen Biergarten und ruf bei Sascha Zuhause an. Er ist überrascht und kommt nach ein paar Minuten hinzu. Er hat sich sehr verändert; ist nicht mehr der Alte. Sascha scheint in den letzten zwei Jahren  schwer auf die schiefe Bahn gekommen zu sein. Harte Drogen. Ich versuche bald, ihm mehr und mehr aus dem Weg zu gehen.

Im Herbst beginne ich meine Sozialstunden, die ich wegen Schwarzfahrens bekommen habe. Täglich zwischen sechs und acht Stunden muss ich Malerarbeiten in einem Haus mit betreuten Menschen ausführen. Ich gewöhne mich bald daran. Am 11. Oktober feiern Michi und ich unser „Einjähriges“ mit einer Tüte und einem Essen beim Griechen. Ich habe das Gefühl, als habe ich zum ersten Mal im Leben eine wirklich lange und echte Partnerschaft, auch wenn wir immer wieder viele Probleme miteinander haben.

Kein Kommentar »

Kapitel 12 - Dem Tod ins Aug’ geblickt

nazistiefelNovember 2002 - August 2004

Am Abend des 18. November fällt der Strom aus. Das ist meistens nichts Ungewöhnliches, denn wir wissen, dass die Stromversorgung baufällig ist, und wenn Herd und Heizofen mal gleichzeitig laufen, knallt es eben die Sicherung im Keller raus. So geht man immer zu Uwe, der mittlerweile die Wohnung der verstorbenen Alexandra bewohnt; der schraubt sie dann wieder rein. Den Heizofen benötigen wir, da kein Heizöl mehr zur Verfügung gestellt wird. Alles in Allem macht das Wohnen hier keinen Spaß mehr; für ein Vollbad müssen wir ca. drei Stunden lang Wassertöpfe aufkochen, da auch das Wasser nicht mehr geheizt wird.
So gehe ich auch an diesem Abend mit einer Taschenlampe nach unten und sehe, dass Uwe’s Tür einen Spalt offen steht. Ich schiebe sie mit dem rechten Bein etwas auf und rufe nach ihm. Da höre ich plötzlich eine TatortFrauenstimme:“Na, wie gefällt Dir das du Schwuchtel!“ und mit lautem Getöse fallen da etwa drei Leute in totaler Dunkelheit über mich her und malträtieren mich mit Holzknüppeln und Springerstiefeln. Ehe ich um mich treten kann, um mich zu befreien, fliege ich noch durch ein geschlossenes Fenster am Treppenaufgang und knalle mit dem Schädel gegen die äußeren Eisengitter. Japsend renne ich nach oben; die Täter verziehen sich und im Nu geht das Licht wieder an. Ich stehe im Wohnzimmer, Michi sieht mich entgeistert an. Blut rinnt aus allen Öffnungen; ich habe Platzwunden am Kopf und den Daumen gebrochen. Er ruft die Polizei. Als dann zwei Trupps kommen, erfahren wir, dass die Täter, die sich auch zu erkennen geben, selbst auch die Polizei verständigt hätten. Eine klug durchdachte Strategie. Die Nazischweine verteidigen den Angriff auf mich mit angeblicher Notwehr. So steht Aussage gegen Aussage und ich komme zum Nähen ins Krankenhaus.

Nachdem ich zusammengeflickt bin und die Glassplitter aus meinem Gesicht entfernt sind, will Michi partout nicht mehr nach Hause zurück. Ein Kumpel aus Wolfratshausen holt uns zu sich. Und nach einigen Wochen schaffen wir restlos alles nach Wolfratshausen und wohnen nun bei Günni. Es beginnt eine Zeit, in der ich mich restlos zurückziehe, in einem schweizer Internetforum sehr engagiert tätig bin und das Haus nur noch verlasse, um bei Plus Einkäufe zu erledigen. Ich trinke regelmäßig Scotch und habe Albträume.

An Weihnachten ist Michis Vater zu Besuch. Das neue Jahr feiern wir mit Günni und Wilfried. Bald übernehmen wir die Wohnung, denn Günther zieht in ein kleines Appartement in der City.

Im Mai 2003 wirft Kralle einige Jungen, die wir mit viel Mühen einige Wochen groß ziehen und dann verschenken. Der Sommer 2003 ist geil. Es ist die Zeit, in der ich den Umgang mit Photoshop intensiv lerne, viel in Internetforen tätig bin und auch sonst wieder mehr unternehme. Michi und ich sitzen oft an der Isar, und zeichnen alles auf MiniDV auf. Zu dem 68jährigen Herrn, der über uns sein Unwesen treibt, schreibe ich irgendwann folgende Satire:

waldramIn diesem ehrenwerten Haus

Michi und ich leben in einer Blockwohnung, schön gelegen, im Grünen. Über uns wohnt der 68-jährige selbst ernannte Blockwart Hans S. mit seiner etwas jüngeren Freundin Gisela H. (Namen geändert). Ein Mann, wie man ihn eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt. Verbittert, falschfreundlich, und geschädigt aus der NSDAP Zeit, ständig auf der Suche nach dem Fehlverhalten anderer Bewohner.
S. besteht darauf, dass die Blumenkästen am Balkon nach innen gehängt werden, denn bei einem Unwetter könnte sich jemand verletzen, wenn ein Kasten nach unten geweht wird. In der Tat; auch ich stehe bei Unwettern gerne unter Balkonen und warte, bis ich von herabfallenden Geranienkästen erschlagen werde.
Es ist untersagt, Textilien aus dem Fenster zu schütteln oder Flüssigkeiten aus den Öffnungen des Hauses zu schütten. In einer lauen Sommernacht, als mein Fenster offen stand, hielt sich S. nicht an diese Ordnung. Er fühlte sich gestört, durch unser Gespräch, welches im Wohnzimmer stattfand und beantwortete das mit kübelweise Wasser, das er aus seinem auf mein Schlafzimmerfenster schüttete. Ein feiner, ordentlicher Mann, der Hans.
Sprechen nach 22 Uhr ist strikt untersagt. Es sei denn, man spricht im Flüsterton. Denn vernimmt S. nur einen Laut, dann wählt er seine Lieblingsnummer, die 110, die Nummer der örtlichen Polizeiinspektion. Vielleicht ist S. sexuell anormal und steht auf uniformierte Männer. Darauf wäre es dann also zurückzuführen, warum er uns in einem Jahr gut fünfzehn Male die Polizei ins Haus geholt hat – und immer nachts, wenn er von seinen sexuellen Fantasien geweckt wird. Aber das ist nur eine Vermutung. Genauso wie es eine Vermutung ist, dass dieser Mann ein ein Leben hat.
Nach 20 Uhr wird auch nicht gestritten. Sonst rücken uniformierte Herren an, die der S. persönlich ruft. Sollte ich meinen Freund beim nächsten Streit töten, um ein lautes Wortgefecht zu vermeiden?
Aber nicht nur der SS-Hans ist etwas wirr im Kopf. Neben ihm wohnt eine ältere Dame mit schwarz gefärbten Haaren. Ihr etwas jüngerer Freund ist Alkoholiker. Man sieht ihn oft frühmorgens beim Plus, wenn er sich seine beiden ersten Piccolos besorgt. Die Dame selbst äußerte einmal mir gegenüber, dass sie sich gestört fühle, wenn ich bei schönem Wetter auf dem Balkon sitze und mich ständig unterhalte. Schließlich nutzt der Rest des Hauses den Balkon ja auch nicht so viel. Außerdem übertönen unsere Stimmen ihren Fernseher, sodass sie mitten im Sommer ihre Balkontüre schließen müsse. Vielleicht sollte ich den Balkon von der Miete abziehen lassen, als Abstellraum nutzen, oder viel besser noch: Die Balkone werden abgerissen. Wäre das nicht eine ruhefördernde Idee?
Das Zünden und Abschießen von Feuerwerkskörpern auf den Balkonen ist strikt untersagt. Dadurch werden Balkonbrüstungen beschädigt; außerdem könnten Mitbewohner verletzt werden, die in der Silvesternacht auf ihren Balkonen stehen. Seither feuern wir unsere Raketen von der Straße ab, denn dort ist die Gefahr bekanntlich wesentlich geringer, dass umher stehende Personen verletzt werden.
Als ich einzog, lag in unserem Briefkasten ein Zeitungsartikel über die Gefahren des Rauchens. Wenn ich ausziehe, liegt in seinem Briefkasten ein Zeitungsartikel über die Gefahren bei Cholerikern, die Herzinfarkte erleiden. Und dazu dieser hübsche Epilog, über den sauberen Hans.,

Im August 2003 lerne ich an der Isar, die hier um die Ecke ist, den siebzehnjährigen Joseph kennen. Er hat blondes, langes Haar und blaue Augen. Zwischen ihm und mir entsteht eine heiße Sexbeziehung – ohne Liebe. Die empfinde ich weiter zu Michi. Wir genehmigen uns solche Abwechslungen; bald leben wir zwei Jahre zusammen, aber es knistert nicht mehr oft zwischen uns; außer wenn wir streiten. Daher haben wir seit einiger Zeit getrennte Zimmer. Joseph ist unersättlich und kommt regelmäßig zu mir.

Monat für Monat kommen Anzeigen wegen Ruhestörung von der Polizei, die Herr S. über uns erstattet hat. Sie werden alle eingestellt. Bei jedem Klingeln schrecke ich vermehrt zusammen, da ich denke, es sei wieder die Polizei. Auch Michi`s lärmende Art versuche ich oftmals zu unterbinden; aus Angst, der Altnazi über uns könnte wieder die Bullen rufen.

Zwischendurch wohnen immer wieder mal Freunde vorübergehend mit im Haushalt, so auch Volker, Klaus, den ich noch aus der Pension in Schwabing kenne und mein langjähriges Dickerchen Rico. Wir helfen uns immer gegenseitig mit der Haushaltsführung und Lebensmittelversorgung, so kommen alle gut über die Runden.

Am Abend des 12. Oktober 2003 fliegen zwischen Michi und mir wieder so derart wüst die Fetzen, dass ich die Beziehung, die zwei Jahre und einen Tag anhielt, beende. Schon des Öfteren drohten wir uns in der Vergangenheit an, dass Schluss sei, doch diesmal mache ich Nägel mit Köpfen. Ich kann nicht mehr. Michi schreibt mir daraufhin einen zwei Seiten langen Brief, in dem er mir mitteilt, dass er so gar nichts von meiner Reaktion hält. Ich ignoriere das mit einer Mischung aus Trauer und Wut.

In den kommenden Wochen geht es etwas harmonischer zu. Wir machen uns nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit an und Michi hilft mehr im Haushalt mit, als zuvor.
Den Jahreswechsel auf 2004 feiern wir mit Willi, Volker und zwei 18jährigen Jungs aus Schwaben, die ich spontan über Gayromeo einlade. Stefan und sein Freund schlafen bei mir im Bett und mit mir.
Mein Alkoholkonsum hat sich nicht gemäßigt. Weiterhin trinke ich meist Spirituosen-Mischungen oder Rotwein. Im. Januar 2004 lasse ich bei meinem Hausarzt meinen jährlichen HIV Test machen, auch weil es mir vermehrt schlecht geht. Er ist negativ.

hertie-berlinIm Februar fahre ich mit Bertram für zwei, im April für vier Wochen nach Berlin. Er möchte das Haus seiner Mutter renovieren lassen und kann mich gut als Hilfe für seinen Propaganda Stand brauchen. Schon bei der ersten Ankunft am Bahnhof Schöneweide werde ich von zwei Jungs nach einer Zigarette angeschnorrt. Basti und Philip, beide siebzehn, freunden sich sehr bald darauf mit mir an. Meinen Alkoholkonsum kann ich in diesen Wochen mäßigen und ich komme endlich mal weg von Zuhause, habe Ablenkung. Auch diese beiden Jungs erfahren sehr bald, dass ich auf Jungs stehe. Basti hat einen fetten Arsch, daher ist er nicht so sehr mein Typ. Aber Philip hat es mir angetan. Mit ihm treffe ich mich ab und an, wenn Basti nicht dabei ist, zum Sex.
Michi scheint Sehnsucht nach mir zu haben und kommt mich bald in Berlin besuchen. Mir geht es ja ebenso. Seit zweieinhalb Jahren waren wir nie so lange geografisch voneinander getrennt. Er lernt dort schnell eigene Freunde kennen und überlegt, dauerhaft nach Berlin zu ziehen. Auch ich denke oft darüber nach. Die Mieten so günstig, dass ich bei dem Preis für ein Münchener Appartement  in Berlin drei haben könnte. Wir fahren schließlich Ende April zusammen nach München zurück.

krebsMir steigt die Magensäure förmlich in den Hals und das den ganzen Tag über. Irgendwann beginne ich morgens nach dem Aufstehen zu kotzen und schaffe es meist nicht mehr zum WC. Das wiederholt sich ca. drei- bis viermal wöchentlich. Irgendwann mischt sich Blut unter mein Erbrochenes. Gichtanfälle in Rücken und in den Händen erschweren mir oft das Anziehen. Bis mir mein Arzt rät, ein Blutbild zu erstellen. Dann kommt am 07. Juni 2004 die erschreckende Diagnose: Ein Magenkarzinom. Ein bösartiges Geschwür im Magen, das blutet. Das ist ein Schock. Ich erzähle zunächst niemandem davon. Ein paar Wochen später erfährt es Michi.

Ich beginne trotz der schwierigen Umstände, wieder zu arbeiten. Von der Kosmetikfirma, in der ich 2001 schon tätig war, erhalte ich eine Teilzeitstelle Dienstags und Donnerstags, je fünf oder sechs Stunden. Die Fahrt von Wolfratshausen bis nach Ottobrunn, wo die Firma ihren Sitz nun hat, ist immer ein Gräuel. In den öffentlichen Verkehrsmitteln, die ich seit Langem wieder benutze, fühle ich mich beobachtet und erniedrigt. Morgens bereite ich immer zwei 0,5l Flaschen mit einer Energylimo und 50% Wodka vor, die ich auf dem Weg zur und während der Arbeit trinke. Anders würde ich es nicht aushalten.

Die Dramen und Streitigkeiten, die sich in den letzten beiden Jahren mit dem Herrn über uns zugetragen hatten, führen schließlich dazu, dass wir auch diese Wohnung noch in diesem Jahr verlassen müssen. Das besagt die schriftliche Kündigung des Vermieters. Er hat keine Lust mehr auf den ständigen Ärger mit der Hausverwaltung. Außerdem wären da noch offene Mietrückstände, auf die er aber verzichtet, wenn wir zum August räumen. Kulanz soll belohnt werden und ich suche eifrig nach einem neuen Zuhause. Michi spielt mit dem Gedanken, nach Berlin zu gehen und pflegt seine Kontakte.

kralle-jungeEines Abends im Juni bekommt unsere Katze zum zweiten Mal Junge. Michi ist meist in Berlin, so ist neben mir nur Udo, ein Freund des Hauses, der für ein paar Wochen bei uns lebt und eine Vaterrolle übernommen hat, bei diesem Ereignis anwesend. Die Kätzchen geben wir nach ein paar Wochen alle ab; nur eines behalte ich. Ein rot-weiß getigerter Kater.

Am 05. August bin ich mit Volker unterwegs. Ich habe immer noch keine Wohnung gefunden, hänge total zwischen den Seilen. Es ist ein verregneter, depressiver Tag und ich hab die Flasche Wodka dabei. In Allach warte ich vor dem Wohnheim, in dem Volker lebt, denn er will was zum Rauchen aufstellen. Von da an weiß ich plötzlich nicht mehr viel, nur aus seiner Erzählung.
Volker kommt zurück und findet mich auf den Palisaden sitzend, die Flasche Wodka liegt vor mir auf dem Boden. Mein Zustand macht ihm Angst. Mein Kopf ist nach unten gesenkt; ich sabbere aus dem Mund und kann nur noch stotternd sprechen. Eine Gesichtshälfte ist erstarrt. Anschließend stützt er mich, da ich kaum gehen kann und bringt mich zum Allacher Bahnhof. Als ich dann in der S-Bahn starkes Nasenbluten bekomme und daraufhin noch Blut kotze, rennt Volker zu zwei BSG Leuten von der Bahn. Sie verständigen den Notarzt. Dieser bringt mich in die Notfallaufnahme des Klinikums in München-Pasing. Dort werde ich zunehmend klarer und weigere mich vehement, dort zu bleiben. Michi fliegt auf Volkers Anruf sofort nach München und macht sich große Sorgen. Es wird eine kurzfristige Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff, ein leichter Schlaganfall diagnostiziert. Mir wird dringend angeraten, den Alkoholkonsum einzustellen und den Magentumor entfernen zu lassen. Jedoch die ungeheuere Angst vor einer OP und die damit verbundenen Risiken machen mir noch mehr Angst, als die Krankheit selbst. Ich bin bis auf Weiteres arbeitsunfähig und stottere tagelang, ohne es selbst richtig zu merken. Michi bleibt, bis ich mich einigermaßen erhole.

ekgAm Abend des 12. August, nur einige Tage nach dem Gehirnschlag, finden mich Michi und Udo in meinem Erbrochenen und verständigen den Notarzt. Im Klinikum Wolfratshausen heißt es, Verdacht auf Herzinfarkt. Aber um eine sichere Diagnose stellen zu können, müsse ich für mindestens eine Nacht bleiben und an das Langzeit EKG angeschlossen werden. „Das geht nicht!“ sage ich und hol meine Schnapsflasche aus dem Rucksack, nehme einen kräftigen Schluck. „Das ist unmöglich! Können sie das nicht hier und jetzt untersuchen?“ schimpfe ich. Udo, sein Freund Mario und Michi sehen mich ungläubig an und reagieren mit Unverständnis auf meine Verweigerung. Ich setze wieder mal eine Unterschrift auf eigene Verantwortung und gehe nach Hause.

Kein Kommentar »

Kapitel 13 - Endlich Zuhause

haus-blSeptember 2004 - März 2005

Am 01. September ‘04 sehe ich mir ein Appartement in München-Hadern an. Die Vermieter scheinen sehr freundlich zu sein, mögen mich und übergeben mir sofort die Schlüssel, als ich ihnen 1050 Euro Kaution und die erste Monatsmiete hinblättere. „Wir möchten gerne einen Mieter, der länger bleibt. Hier herrscht leider reges Ein- und Ausziehen.“ sagt die Vermieterin mit kroatischem Akzent. „Was ist denn, wenn sie ein Mädchen haben? Sie sind ja junge Mann? Dann werden sie doch heiraten und eine größere Wohnung brauchen?“ fragt sie weiter. „Frau Langer, das Problem wird garantiert nicht eintreffen; heiraten werd’ ich nicht.“ erwidere ich lachend und da sieht sie mich an: „Ah, sind sie homo?“ „Ja so können sie es auch gern nennen.“ sage ich weiter lachend. Amüsiert von meinem Humor erzählt mir Frau Lange, dass ich dann schon der zweite schwule Mann im Hause wäre; der ziehe aber bald schon aus. „Stellen sie mir dann vor, ihre Freund? Ich mag schwule Homo.“ sagt sie und ich muss mich zusammenreißen, sonst hätte ich gebrüllt vor Lachen. Frohen Mutes fahre ich in die Stadt, gebe meine neue Gewerbeanmeldung ab und erzähle Michi Zuhause von der Neuigkeit.

Gleich am nächsten Tag streiche ich die Wände in Terrakotta, putze die Wohnung durch und erkunde ein wenig das Viertel, das ich künftig unsicher mache. Während diesen Tages bringe meinen Alkoholkonsum auf „nur“ erstaunliche drei Radler und schlafe die erste Nacht am Boden, in meinem Schlafsack, den ich eigens dafür mitgebracht hatte. Tags darauf mieten Michi und ich mit Wilfried einen kleinen Transporter und hinterlegen 500,00 EUR Kaution. Wir schaffen zu Dritt all meine Möbel und meinen Kram nach Hadern in meine Wohnung. Michi ist mittlerweile schon nach Berlin gezogen, hat nur noch seinen PC und die Stereoanlage hier. Nach dem Umzug bleibt er noch etwa zwei Wochen, bei mir wohnen, ehe er dann fest nach Berlin geht und dort mit Thomas, seinem Kumpel, in einer WG lebt.

Ein paar Tage nach meinem kompletten Einzug stehe ich abends auf dem Balkon und genieße den Spätsommerabend. Endlich wieder ein Zuhause, endlich wieder allein. Privatsphäre. Und endlich ohne die ständige, lähmende Angst, wann ich wieder auf der Straße stehe. Alles wird gut werden. Meine Nachbarn links nebenan, die ich noch nicht kenne, sitzen auch auf dem Balkon. Die Mutter spricht mit ihrer kleinen Tochter, die sich beim Schlittschuhfahren in einer Eishalle verletzt hat. Während ich mehrmals vergeblich versuche, mein Elektro-Feuerzeug zu zünden, sagt der Nachbar mit östlichem Akzent: „Hörst Carmen, der Neue nebenan lädt schon seine Waffe.“ Seine Frau lacht. Ich sage „Guten Abend“ und alle erwidern meinen Gruß. Kommenden Abend und die Tage darauf lerne ich Carmen meine Nachbarin, Tochter Julia und den rumänischen Freund Adrian kennen. Es sind sehr nette, moderne Leute. Ich freunde mich recht bald mit der taffen Carmen an.

Im November treffe ich in Laim „Stony“ nach etwa vier Jahren wieder. Er war damals einer von Marian’s Freunden. Er ist nun etwa 20 und wohnt irgendwo in der Laimer Gegend bei einem Freund. Robert, wie er richtig heißt, ist fortan öfter bei mir. Auch ist er in jener Nacht bei mir, als mir meine Nachbarin Carmen für sechzehn Tage den Schlüssel gibt, um nach ihrem Hund und den Blumen zu sehen. Ihre lange Freundschaft mit Adrian war inzwischen aus und sie ist nun mit Peter, einem Schwarzafrikaner zusammen, der in Wien lebt und dort mit ihr eine Gaststätte betreibt.
Mein erstes Silvester in der neuen Wohnung feire ich mit Tom, seiner Freundin Nicole und Rico. Wilfried ist wie fast jedes Jahr auch dabei und muss die von mir alljährlich gebastelte Bischofsmütze aufsetzen. Carmen’s Yorkshire Terrier nehme ich auch mit zu mir und versuche ihn mit meinem Kater Tengelmann anzufreunden. Jedoch ohne Erfolg.

Nach den Neujahrsfeiertagen kommt Carmen zurück und stellt mich ernst zur Rede. In ihrer Wohnung fehlen Sachen im Wert von etwa 4000,00 Euro. Pelzmantel, Laptop, Familienschmuck und andere diverse Dinge fehlen. Ich bin gelähmt und versuche Worte dafür zu finden, da ich der Einzige war, der Zutritt zu ihrer Wohnung hatte. Und ich kam nur rein, als ich ihren Hund  fütterte oder an Silvester, als ich mit ihrer Einverständnis Bowlegläser und Stühle aus der Wohnung nahm. Carmen verliert das Vertrauen zu mir. Und dann kommt der Tag, an dem ihre Telefonrechnung da ist. Über 150 Euro. Aus ihrem Einzelverbindungsnachweis ist zu entnehmen, dass mehrmals auf einer Sexhotline sowie auf eine Nummer Nähe Hamburg telefoniert wurde. Robert! Er hatte ein Mädchen dort in der Nähe und erzählte ständig von ihr. Es wird Anzeige gegen ihn erstattet. Und zufällig an dem Abend, als die Polizei Spuren in Carmen’s Wohnung sichert, sehe ich ihn aufs Grundstück kommen. Als er Carmen und die Bullen sieht, macht er kehrt und rennt davon. Nun wissen wir wirklich, wer mich in eine so unangenehme Situation brachte.

Alkoholsucht2005 ist da und mein Alkoholproblem auch. Schon morgens trinke ich Wodka mit Apfelsaft oder Eistee. Mir geht’s echt miserabel. Ich übergebe mich fast täglich. Das Haus verlasse ich kaum mehr, außer wenn ich zur Arbeit fahre. Aber auch da trinke ich gefakte Iso-Drinks mit Wodka, bzw. Tee mit Rum.
Am Morgen des 11. Januar 2005 sitzen Carmen und Michi bei mir. Sie machen sich Sorgen. Ich sitze nur noch da wie ein Wrack und trinke Wodka oder Kräuterlikör. Apathisch bekomme ich mit, wie Carmen und Michi mich dazu drängen, einen Entzug zu machen. Mein körperlicher Verfall ist kaum zu übersehen. Devot willige ich ein. Mir ist alles egal. Meine Nachbarin tätigt ein paar Anrufe in Kaufbeuren und schon ist ein Termin ausgemacht für morgen um 11.00 Uhr. Udo und Michi kommen gegen neun; ich sitze wieder da mit Kräuterlikör. Meine Tasche ist gepackt; gegen 10.00 Uhr fahren mich die Beiden nach Kaufbeuren ins Bezirkskrankenhaus, wo ich vor acht Jahren schon war. Während der Fahrt trinke ich die Likörflasche fast leer und gebe sie bei der stationären Aufnahme freiwillig ab.
Die ersten Stunden sind langweilig – ich spaziere auf den Fluren auf und ab oder sitze im Raucherzimmer. Gegen Spätnachmittag, als ich zum vierten Mal den Blutdruck messen lasse, breche ich beinahe zusammen. Ein entzugsbedingter Kreislaufkollaps, von dem ich mich aber schnell erhole. Ich bekomme Diazepam, um die Entzugssymptome zu lindern. Als 25jähriger bin ich unter den drei jüngsten Patienten in der Klinik.
Schon am nächsten Tag kann ich wieder einigermaßen essen und von Tag zu Tag geht es mir besser. Die Nachbarn links von mir, Herbert und Tanya kommen mich besuchen und bringen mir Tabak und Hülsen mit, sowie einen sehr lieben Brief und einen Glücksbringer, den ich von da an ständig bei mir trage. Nach ein paar Tagen darf ich ohne Begleitung nach draußen, kaufe mir Zeichenutensilien und besuche das erste Mal ein Solarium. Der nüchterne Gang durch belebte Einkaufsstraßen fällt mir schwer, aber ich stehe es durch. Abends beim Duschen bemerke ich, dass 20 Minuten doch zu viel waren. Ich habe einen gehörigen Sonnenbrand.
Nach einer Woche werde ich aus der Klinik entlassen. Udo und Michi holen mich wieder ab. Zuhause angekommen, betrete ich eine Wohnung, die ich kaum wiedererkenne. Michi hatte aufgeräumt, geputzt und alles gewaschen. Sofakissen, Decken, Vorhänge. Er wollte eine Nichtraucherwohnung daraus machen. „Nein, Nein…“ war meine Reaktion darauf. „Wenigstens rauchen möchte ich in meinen vier Wänden noch dürfen.“ Ich nehme einen frisch gewaschenen Aschenbecher und zünde mir eine Zigarette an. Udo und Michi trinken noch Kaffee mit mir, ehe sie fahren und ich bin allein. Nüchtern.

Nach drei Wochen Erholungsphase bin ich im Februar zurück an meinem Arbeitsplatz. Da ich nun wieder klar und fit bin, kommen auch wieder viele gewerbliche Aufträge herein. Ich habe wieder täglich Beschäftigung und auch meinem Kontostand geht es bald besser. Zwei Monate bleibe ich nahezu nüchtern, bis ich mich im März dazu entschließe, abends hin und wieder ein, zwei Bier zu trinken. Ich gehe fleißig meiner Arbeit nach, erfreue mich an dem neu gewonnenen Leben, meinem besseren Zustand. Der Frühling hält Einzug, satte 25° C sind in den letzten Märztagen schon zu messen.

Kein Kommentar »

Kapitel 14 - Heiko

März - Juli 2005

Während der Mittagspause in der Firma schreibt mich ein junger Typ aus der Nähe Passau  in Gayromeo an. Sehr bald wird unser Chat intensiver und wir telefonieren regelmäßig über Skype. Der Junge gefällt mir. Ich ihm auch. Ich verabrede mich mit Manu für Samstag, den 02. April. Nervös und voller Freude sehe ich dem kommenden Wochenende entgegen. Vor dem Treffen bin so sehr nervös, dass ich mir bei HL eine Flasche Wodka hole und sie zu einem Viertel austrinke, ehe ich Manu gegen 15 Uhr mit dem Taxi vom Bahnhof abhole. Er ist wirklich süß. Wir fahren zu mir und essen zusammen zu Abend auf dem Balkon. Später unterhalten wir uns sehr lange und landen schließlich im Bett. Verliebt. Das ging recht schnell, nach anderthalb Jahren Singlesein; aber ich genieße es, wie lange nichts zuvor.

Nun habe ich auch nach langer Zeit wieder einen eigenen Internetanschluss. Da ich mich unter meinem Firmennamen registrierte, wurde wohl keine Bonitätsprüfung durchgeführt. Der PC, den mir mein Vater letztes Jahr überließ, wird nebst meinen Grafikprogrammen nun auch fürs Internet genutzt.

Manu besucht mich fortan fast jedes Wochenende. Wir essen bei Nachbarin Carmen oder Carmen mit ihrem Freund Erki bei uns. Erki ist der dritte Partner, den ich bei Carmen erlebe; offenbar hat sie es genauso schwer wie ich in der Liebe. Das ist aber nicht unsere einzige Gemeinsamkeit. Auch sie trinkt gerne mal über den Durst und kann dann regelrecht ausfallend werden, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt. Da wir diese Macken aber größtenteils teilen, verstehen wir uns aber recht gut.

Ende April kommt Manu für eine ganze Woche zu mir. Auch seinen 17. Geburtstag verbringt er bei mir. An diesem Morgen, während ich ihm ein schönes Frühstück zubereite, klingelt es. Die Gerichtsvollzieherin! Hatte ich sie doch ganz vergessen. Manu frühstückt auf dem Balkon und ich gebe eine Eidesstattliche Versicherung ab, nachdem die Gerichtsvollzieherin meine Vermögenssituation überprüft hat. Meine Schulden haben sich in den letzten Jahren auf rund 8000 Euro gehäuft. Eine aussichtslose Lage mit Geringverdienst.

Die Zeit mit Manu ist schön. Harmonisch. Jedoch wird der Alkohol schon wieder zur Gewohnheit und es vergeht kaum eine Woche, wo ich mir nicht ein oder zwei Flaschen Amaretto rein schütte. Seit April betreibe ich ein Internetforum für Schwule, das mir Michi zusammen programmiert hat. Vor einigen Tagen haben wir uns wegen irgendeiner Kleinigkeit wieder mal zerstritten, so war nun keiner mehr da, der an dem Forum die technischen Dinge erledigen konnte. Somit stelle ich in einem anderen Forum eine Suchanzeige für technische Administratoren. Sehr schnell, schon am 11. Mai bekomme ich Antwort von einem User namens Heiko.

(11.05.2005 / 17:55) Hi John!
Hab grad gelesen, dass Du nen Mod für Dein Board suchst…
…wenn’s nicht zu sehr ausartet, könnte ich mich durchaus dafür erwärmen.
Arbeite eh die meiste Zeit von zu Hause aus.
Kannst Dich ja mal melden…
Servus!
Heiko

Heiko ist Anfang Dreißig, auch schwul und lebt in einem kleinen Ort in Franken. Derzeit ist er auf Arbeitssuche und hat daher ausreichend Zeit, seine Kenntnisse in Web-Programmierung für mein Forum einzusetzen. Wir chatten fast täglich. Unsere Themen handeln bald nicht mehr nur von meinem Internetforum. Ich merke sehr schnell, dass man ihm so gut wie alles anvertrauen kann. Mein PC macht seit dem Start ins Internet ständig Probleme. Fast wöchentlich muss ich formatieren. Und immer ist es schön, jemanden an der Strippe zu haben, der einem erklären kann, was zu tun ist. In den kommenden Wochen baut Heiko das Forum komplett um und zieht es auf einen neuen Server. Immer wieder bin ich dankbar, wenn wieder eine neue Funktion online ist.

Manu und ich leben uns zusehends auseinander. Vielleicht passen wir einfach nicht zusammen. Er schläft am Abend früh ein – ich sitze meist vor dem PC und trinke. Meist Rotwein oder Amaretto. Überhaupt, läuft mein Leben zum Großteil nur noch im Internet ab. Dort findet man immer Menschen, die zuhören und einen verstehen. Das geht noch so, bis in den Juni hinein, bis er sich eines Tags mit einem recht merkwürdigen Blick verabschiedet. Anders als sonst. Es sah so aus, als wolle er sagen: „Einfach schade…“

Am 23. Juni, als ich im Büro sitze, lese ich eine Message von Manu: Es ist Schluss! Das Gesicht fällt mir in diesem Moment auf den Boden und ich wünschte, dass ich in einem Loch verschwinden kann. Ich nehme mir für den Rest des Tages frei und fahre nach Hause, trinke mich voll. Heiko ist der erste, der es erfährt.
Der Abend ist ein einziges Desaster. Ich besaufe mich sinnlos und werfe all meine Gläser aus dem Schrank, zerschmeiße die Glastür und randaliere durch die Wohnung. Carmen kommt herbeigeeilt. Sie und Michi wollen mich beruhigen. Ich möchte aus der Wohnung rennen, doch die Beiden versperren mir im Hausflur den Weg. Laufe zurück in die Wohnung, über den von Glasscherben übersäten Boden und springe vom Balkon, der im Erdgeschoss liegt. Dabei verstauche ich mir einen Knöchel. Aus Angst, man würde mich verfolgen, renne ich um mein Leben und verstecke mich in einem Maisfeld. Dort wache ich ziemlich verwirrt gegen 5 Uhr früh auf und trotte nach Hause.

In der Nacht zum 25. Juni beschließe ich spontan, zu Manu zu fahren. Wir reden über eine Stunde am Telefon, ehe er sich dann doch dagegen entscheidet. Carmen und Sigi, eine Freundin von ihr, sitzen dabei und versuchen mit Manu zu reden. Aber er hält die Idee nun nicht mehr für gut, wenn wir uns sehen. Meine Trauer ist groß – nun möchte ich zu Heiko. Er ist wohl im Moment der einzige auf dieser beschissenen Welt, der mir Halt geben kann.Ich brauche jemanden, der nicht voller Vorurteile steckt, der unparteiisch zuhören kann. Außerdem würden wir uns endlich mal persönlich kennen lernen. Gegen zwei Uhr nachts schreibe ich ihm in Skype: „Ich fahre jetzt zu Dir!“ Heiko möchte es gar nicht recht glauben. Er redet immer wieder davon, dass er ja erstmal seine Wohnung aufräumen müsste. Als jahrelanger Single habe er nicht mehr oft Lust, alles sauber zu halten. Aber letztendlich freut er sich doch über meine Idee. Michi, der derzeit die Stellung bei mir hält, ist überhaupt nicht begeistert von meinem Vorhaben. „Was ist mit Deinem Kater? Soll ich jetzt auf den aufpassen?“
Es ist mir egal. Ich packe meinen Rucksack und laufe nach Großhadern, zum Zubringer der A 96. Trinke Rotwein aus der 1,5 Liter Colaflasche und warte. Bis etwa 4.30 Uhr; es wird gerade hell, da nimmt mich ein Mittvierziger in seinem Kombi mit.
Ich komme recht zügig voran. Gegen 8.00 Uhr nimmt mich ein Mann vom Rasthof Bad Berneck mit, dem ich gleich mal die schwarz-weißen Sitzbezüge voller Rotwein schütte. Verdammt, ist mir das peinlich! Schnell laufe ich ins Restaurant, lasse mir Wasser und Salz geben. Wie gut, dass ich mit ausreichendem Haushaltswissen beschenkt bin, so ist der Schaden schnell beseitigt und der Mann nimmt meine Entschuldigung an.
trampenWeiter geht’s dann mit ein paar besoffenen Jugendlichen und irgendwann bin ich schon in der Nähe von Bayreuth. Zweieinhalb Liter Wein und 1 Liter Wasser sind aufgebraucht und die Mittagshitze treibt noch die letzten Wasserreserven aus meinem durstenden Körper. Ich sehe nichts mehr, als die Spuren schimmernden Zements, das Brachland und die dörren Grashalme am Straßenrand. Ich werde schier wahnsinnig vor Durst. Keiner hält an und nimmt mich mit. So versuche ich, einige Meter zu laufen. Heiko kann ich nicht erreichen, da mein Handyguthaben unerwartet leer wurde und nirgends eine Telefonzelle zu sehen ist.
Plötzlich komme ich zu mir. Ein Mann und eine Frau in Polizeiuniform stehen vor mir und sprechen mit rüdem, fränkischem Akzent auf mich ein. Ob ich Drogen genommen habe, fragen sie mich und dass ich mich hier schleichen soll. Sie durchsuchen meine Sachen. Auf meine Bitte, mir doch etwas Wasser zu geben oder mich ein Stück mitzunehmen gehen sie nicht ein. Zum ersten Mal habe ich erfahren, was verdursten heißt.
Weiter getrieben von meinem trockenen Mund, gehe ich weiter, Richtung Ausfahrt Bayreuth Süd. Ich würde sogar aus einer Pfütze auf der Straße trinken, wäre nur eine da. Da fielen mir die Cowboys aus den Westernfilmen ein, die in der Hitze immer Grashalme kauten, um nicht auszutrocknen. Dies tat ich und ich konnte einen weiteren Zusammenbruch abwenden. Erst jetzt erkenne ich, dass meine Weiße Hose voller Rotweinflecken ist, auch meine Socken sind rotweingetränkt. Es kümmert mich nicht. Ich muss Heiko erreichen. Aber wie? Mein Akku ist leer. Da hält ein Auto neben mir. Ein etwa 30jähriger Typ mit Freundin spricht mich an. „Du bist grod im Radio kumma!“ Etwas verwirrt, bitte ich um Wasser, da mir schon die Kehle zusammenklebt. Der Mann sagt mir, dass er die Radiodurchsage gehört habe und mal sehen wollte, wer da so desorientiert am Straßenrand steht. Würde ich mich nicht in einem so derart desolaten Zustand befinden, würde ich mich wohl darüber totlachen. Der Mann bietet mir an, mich in die Stadt zu fahren, am besten gleich ins Klinikum Bayreuth.
Da ruft Heiko an… Endlich! Als ich ihm erkläre, was passiert ist, macht er sich sofort mit zwei Flaschen Wasser bepackt auf den Weg zu mir. Ich bedanke mich bei dem Mann für die Hilfe und kaue Grashalme. 13.30 Uhr – Heiko ist da. Ich kann mich erstmal nur über das Wasser freuen und saufe die Flasche gleich komplett aus. Wie kostbar Wasser doch ist.  Wir fahren zum Burger King und nehmen eine gehörige Mahlzeit zu uns. Danach geht’s zu Heiko und Norma, seine Katze.
Tolle, große Wohnung; ich staune. Unterwegs hatte ich mir Rotwein besorgt, den ich erstmal öffne. Anfangs ist mir unwohl in der fremden Wohnung; ich schlafe sehr bald erschöpft auf Heikos Couch ein, nachdem ich geduscht und meine Klamotten gewechselt habe. Abends geht Heiko zur Sonnwendfeier. Ich bleibe in der Wohnung und sehe fern. Es tut nun gut, hier zu sein. Irgendwie fühle ich mich hier geborgen. Hier strahlt Friede und Ruhe. Ich versuche ständig Michi anzurufen, um ihm mitzuteilen, dass ich gut angekommen bin; aber ich sitze hier in einem Funkloch. Spätabends kommt Heiko zurück und wir unterhalten uns sehr intensiv. Das war schon lange nötig. Schon zwei Monate chatten wir jedes Detail aus unserem Leben, ohne uns wirklich mal gesehen zu haben. Ich hab einen wertvollen Freund gefunden. Einen besten Freund. Ich schlafe auf der Couch, Heikos Katze liegt bei mir.
Am kommenden Tag; es ist Sonntag, der 26. Juni, fahre ich mit dem Zug wieder nach Hause. Gegen 23 Uhr komme ich an. Die Stimmung ist rau. Am liebsten würde ich Michi mit seiner Miene da sitzen lassen oder ihn zurück nach Berlin schicken und wieder zu Heiko fahren. Mein Kater Tengelmann, der mir in der vorletzten Nacht fast bis zur Autobahn gefolgt war, ist immer noch nicht zurück.

Täglich surfe ich in meinem Lieblingsforum, in dem ich nun seit einem Monat Mitglied bin. Ein Forum für Schwule, das einer großen Familie ähnelt, wie damals das Forum, als ich nach Wolfratshausen kam.
Carmen klingelt. „John, ich habe Arbeit für uns!“ sagt sie freudestrahlend und winkt mit einem Zeitungsartikel. Reinigungskräfte gesucht für Objekt in Planegg. Am 06. Juli hätten wir bereits einen Probetag. Das klingt wirklich gut. Ich müsste nur extrem früh aufstehen, denn um 6 Uhr muss man dort anfangen. „Das ist genau das, was Du jetzt brauchst! Ablenkung.“ sagt Carmen. Und ich sagte zu. „Mutti“ spricht – John macht. Zu meinem Geburtstag Anfang Juli kommt Heiko das erste Mal zu Besuch und bleibt drei Tage. Nun lernen ihn auch Carmen und Michi kennen. Heiko wächst in unsere Familie.

Kein Kommentar »

Kapitel 15 - Frühaufsteher

feodor-lynen1Juli - Oktober 2005

Zwei Tage darauf beginnt mein erster Arbeitstag in Festanstellung. Carmen und ich fahren mit dem Auto nach Planegg. Dort werden wir von den beiden Chefs eingewiesen. Eine Sporthalle, die an das Gymnasium grenzt, ist dort täglich zwischen sechs Uhr früh und 11.30 Uhr zu reinigen. Die Arbeit mit Carmen zusammen macht Spaß. Pünktlich sein ist kein Problem, denn sie klingelt mich ständig aus dem Bett. Und bald schon schaffe ich es, selbst um vier Uhr früh aufzustehen. Mein Job in Ottobrunn wird im August auf beidseitiges Einvernehmen aufgekündigt, da ich es durch meinen Zweit-Job selten rechtzeitig zum nächsten Job schaffe. Ich bleibe den Kollegen aber weiter für die grafischen Arbeiten erhalten. Öfter noch denke ich an Manu und warum er mir nie zurückschreibt. Habe ich ihn so verletzt? Nur mit was?

Michi ist oft zu Besuch und bleibt manchmal mehrere Tage oder Wochen, was oftmals zum Streit führt. Manchmal auch zu Handgreiflichkeiten.

Der Juli ist ein Sommer, wie ich ihn mag. Schwül-heiß mit einigen Unwettern. Oft sitze ich mit Michi und den Nachbarn bis spät abends im Garten beim Grillen und Trinken. Mit Jungs treffe ich mich auch regelmäßig, aber meist bleibt es beim Sex. Alles Schlampen. Wie ich. Nur mit dem Unterschied, dass ich jetzt schon gern wieder eine Beziehung möchte. Ein Partner stützt doch sehr.

Im September renoviere ich Küche und Flur und fühle mich gleich etwas wohler in diesen Räumen.

Am 18.09. stürzt Carmen, meine Nachbarin recht heftig ab. Sie kam gerade von der Wies’n, randaliert in der Wohnung und brüllt. Streit mit Erki, ihrem Freund. Schließlich landet sie in meinem Sessel und redet wirres Zeug. Angeblich hatte sie 25 Schlaftabletten geschluckt. Nachbarn rufen den Notarzt. Carmen wird ins Krankenhaus gefahren. Wir machen uns Sorgen.
Eine neue Woche beginnt und Carmen hat sich wieder gefangen. Morgens um halb sechs fahren wir zur Arbeit, manchmal auch später. Gegen zehn sind wir meist fertig und fahren nach Hause.

HausdurchsuchungSo auch am 22. September. Ich komme gut gelaunt von der Arbeit nach Hause, die Sonne scheint und es ist warm.
Als ich die Wohnung betrete, bin ich schockiert. Es sieht aus, wie nach einem Bombeneinschlag. Alles liegt durchwühlt auf dem Boden und auf der Couch; die Schubläden und Schränke stehen offen, der zweite PC, den ich wieder reanimierte, ist weg. Ich lasse meine Tasche fallen und rufe nach Michi. Er ist im Bad. „Ich bin gleich da, dann werden wir uns mal unterhalten!“ sagt er mit forschem Unterton.
Als Michi aus dem Bad kommt, erzählt er mir, dass gegen Halb acht Uhr morgens einige Polizisten mit einem Durchsuchungsbefehl da waren und nach Gras gesucht hatten. Zwei Wasserpfeifen, mehrere leere Plastiktütchen, den PC und ein paar Gramm Gras hatten sie beschlagnahmt.
„Das ist ja wohl ein übler Scherz!“ brülle ich und falle geschockt in meinen Sessel, lese das Durchsuchungsprotokoll und die Schriften vom Gericht. Trauer und Wut überkommt mich. Warum darf es mir nicht mal länger gut Gehen? Warum immer wieder ein Schlag ins Genick? Ich stehe auf und laufe wie ferngesteuert zu HL, hole mir eine Flasche Kräuterschnaps und trinke mich langsam von Sinnen.

In den kommenden Tagen trinke ich vermehrt. Meist Amaretto. Max, ein 17jähriger Junge aus Kitzbühel schreibt mich an. Er gibt mir seine Handynummer, da er selten im Internet ist. Eines schönen Herbsttages, als ich auf einer Bank im Park sitze und Amaretto trinke, kommt seine erste SMS. ‘ Hey John. Wie geht’s Dir? Was machst grad?’ Ich antworte ihm, dass ich auf einer Parkbank sitze und trinke. Diese und ähnliche SMS-Konversationen wiederholen sich in den kommenden Wochen regelmäßig bis er mir auch ein besser erkennbares Bild von sich schickt. Max scheint der einzige Grund zu sein, dass ich mich in der kommenden Zeit nicht aufgebe und weiterhin in meine Arbeit gehe, obgleich ich ihn auch noch nicht kenne.

Im Oktober taucht Sascha nach langer Zeit wieder auf. Der Sascha, mit dem ich 6 Jahre zuvor eine recht kurze Beziehung führte. Aus dem Knast heraus hatte er mir ein paar Male geschrieben und den Wunsch geäußert, mich zu sehen, wenn er entlassen wird. Das Kiffen habe ich mir durch die Hausdurchsuchung nicht nehmen lassen und so haben Sascha und ich schon mal ein gemeinsames Interesse. Er besucht mich öfter und wir schieben zwei Mal eine Nummer.
Ich verliebe mich zwar nicht mehr in ihn, aber die Realität holt mich sehr schnell ein, als er mich und einen Freund um jeweils 20,00 betrügt, während er verspricht, dafür Gras mitzubringen. Sascha ist nun endgültig gestorben für mich. Bei Freunden klaut man nicht. Aber was erwarte ich von einem Junkie…

Der Oktober endet still und voller Erwartungen. Max, der Junge, der mir immer SMSen schreibt, wird immer interessanter. Er ist, so scheint es mir, der Einzige, der mich im Moment aufbaut. Und schon bald wollen wir uns kennen lernen. Wir verabreden uns für Freitag, den 04. November 2005.

Kein Kommentar »

Kapitel 16 - Max

November 2005 - März 2006

Ich bin sehr nervös, trinke schon zuhause etwas Rotwein um einen Pegel zu haben, der mich beruhigt. Michi ist noch bei mir und leistet psychischen Beistand, ehe er zurück nach Berlin fährt.

maxjohnGegen 20.15 Uhr kommt der Zug an. Max erkennt mich eher als ich ihn – das liegt wohl daran, dass ich mehr Bilder im Profil habe. Er sieht umwerfend schön aus. Wir geben uns die Hand und fahren zu mir. Ich habe gekocht. Putenbraten und Salat. Nach dem Essen und zwei Gläsern Rotwein setzen wir uns auf die Couch, sehen fern und unterhalten uns. Er fragt, ob er sich näher zu mir setzen dürfe. Ich bejahe, Max legt seinen Kopf auf meinen Bauch; ich bekomme Herzrasen. Ich streichle sein Haar, berühre seine Wangen und er sieht mich an. Wir küssen uns. Tausende Schmetterlinge tanzen in meinem Bauch, ehe wir uns in mein Bett zurückziehen.

Wir sind verliebt. Jedoch scheint es so und auf meine Frage am nächsten Tag, ob er wohl mit mir zusammen sein möchte, antwortet er: „Gib uns noch Zeit, John.“ Ich respektiere das und begleite ihn am folgenden Sonntag zum Bahnhof zurück.
Voller Hoffnung warte ich auf den 15. November, unser zweites Treffen. Ab dem Abend sind wir offiziell ein Paar. Ich fühle mich wie der glücklichste Mensch der Welt. Und als er nach drei Tagen wieder zurück nach Kitzbühel auf seine Arbeitsstelle muss, möchte ich ihn gar nicht fahren lassen und bin sehr betrübt über seine Abfahrt. Warum, weiß ich nicht genau. Es tut weh, dass er geht. Michi ist gerade zu Besuch und schaut recht blöd, kann mit meiner Verfassung nicht recht viel anfangen.

Schon eine Woche später besucht mich Max wieder und immer wieder. Wir sind glücklich und wie es aussieht, scheint es ein längerfristiger Lebensabschnitt zu werden.
Mein Alkoholkonsum hat sich etwas gebessert, jedoch komme ich nicht vollständig davon weg. Seit April dieses Jahres gab es keinen einzigen Tag, an dem ich vollkommen nüchtern bleiben konnte. Aber im kaschieren war ich schon immer gut und mein Problem fällt Max vorerst nicht auf.

Vom 19. Bis 23. Dezember ist er wieder bei mir. Alles fühlt sich so schön an. Und am Hl. Abend, gerade wo ich wieder allein die Ruhe des Abends mit klassischer Musik genieße, taucht Michi auf. Er ist stockbesoffen. Er hat mir ein Geschenk gemacht. Einen DVD Player und gebrannte  DVD’s. Ich kann ihm daher seinen Zustand nicht übel nehmen, freue mich darüber. Neben dem Geschenk erwartet mich aber auch ein Geständnis. Nachdem er mitbekommen hatte, wie harmonisch die Beziehung zwischen Max und mir läuft, sehnt er sich selbst wieder nach so etwas und gibt mir indirekt zu verstehen, dass er mich zurück haben wolle. Er weint. Ich fühle mich hilflos und er tut mir leid.
„Michi, wie stellst Du Dir das vor? Ich bin mit Max zusammen und jetzt fällt Dir das ein? Dass Du mich zurück haben willst? Das kommt reichlich spät.“ Irgendwie kriegt er sich dann doch wieder ein, als er sich über mein kleines Geschenk freut.

Am 26.12.2005 kommt Heiko zu Besuch. Er schenkt mir ein Zippo mit der Aufschrift Nikeboy und einem NIKE-Logo. Ich freu mich riesig darüber. Auch Silvester sind wir alle zusammen und laden Toni, einen älteren Freund von Michi ein.

Max sehe ich erst wieder am 24. Januar 2006. Er bleibt drei Tage. Drei Tage Glück und Zufriedenheit.
Mein Alkoholkonsum bleibt weiterhin hart. Es scheint so, als komme ich vom Schnaps nicht mehr weg. Fast den ganzen Tag über sitze ich vor dem PC und chatte mit Heiko.
Carmen fliegt bald aus der Wohnung. Sie ist total verkracht mit den Vermietern. Sie kommt auch plötzlich nicht mehr zur Arbeit. Sie hat keine Lust mehr und möchte sich wieder mehr um ihr Geschäft in Pasing kümmern. Das bedeutet für mich, dass ich fortan immer recht früh mit dem Bus nach Planegg fahren muss.
Anfang Februar setzt der Winter ein. Da ich Hausmeister in unserer Wohnanlage bin, habe ich recht viel Schnee zu räumen. Morgens komme ich vermehrt zu spät zur Arbeit, da ich mir nach den alkoholreichen Abenden immer schwer tue, morgens rechtzeitig aufzustehen.
Am 12.02. ruft mich Manu an. Ich bin ziemlich überrascht. Er erzählt mir, dass er letztes Jahr nach einem Suizidversuch zwei Monate in der Psychiatrie untergebracht war. Wir telefonieren knappe drei Stunden.
Am Abend des 16.03. ist Michi bei mir als es an der Türe klingelt. Michi schaut nach draußen, kommt wieder rein und meint: „Da steht n Türke oder so draußen, der will wohl zu Dir.“ Ich geh nachsehn. Es ist Saber. Er hat sich nach anderthalb Jahren wieder mal blicken lassen. Er erzählt mir, dass er nun in den Irak abgeschoben wird, wegen seiner kriminellen Vergangenheit. Gebessert habe er sich, auch Arbeit habe er, doch das nützt nun nichts mehr. Saber bleibt eine Nacht und fährt am nächsten Tag wieder ab mit den Worten: „Vielleicht sehn wir uns nicht mehr.“

KündigungAm Nachmittag geh ich zum Briefkasten. Post von Greitner. Ich öffne den Brief. Kündigung! Ich schlucke schwer und schreib es Heiko im Skype. Die Kündigung ist zum 03.03.2006, das bedeutet, dass ich noch zwei Wochen arbeiten solle. Ich zieh mich an und geh zu Mini Mal, besorge mir zwei Flaschen Wodka. In mir herrscht wieder dieser unendliche Selbstzerstörungsdrang. Es regnet in Strömen; die 40 cm Schnee von letzter Woche schmelzen vor sich hin.
Zum Abend hin werde ich immer betrunkener. Kurz nach Mitternacht wird mein linker Arm und mein Mund taub. Muss mich mehrmals übergeben. Heiko im Chat rät mir ständig, dass ich den Notarzt verständigen solle, was ich aber nicht mache.
Gegen 4 Uhr stehen Sanitäter und ein Nachbar in meiner Wohnung. Ich bin zu blau, um mitzubekommen, was hier vor sich geht. Scheinbar ließen sie mich da und fuhren wieder ab. Gegen Mittag komm ich zu mir. Ich befinde mich im Klinikum Großhadern. Nach dem Rettungseinsatz am Morgen wurde ich gegen 6 Uhr früh von Nachbarn bewusstlos auf dem Gehweg vor der Tiefgarage aufgefunden. Dann brachte mich der Rettungswagen in die Klinik, wie man mir erzählte. Ich müsse im Krankenhaus bleiben, da mein Körper sehr geschwächt ist. Ich stimme dem nicht zu, unterschreibe mal wieder und geh nach Hause. Ich versuche, weniger zu trinken. Am Abend kommt Carmen auf einen Sprung rüber und verabschiedet sich. Sie hat schon eine neue Wohnung und die Schlüssel. Auch das baut mich überhaupt nicht auf…
Am kommenden Sonntag ist es warm. 15°C. Meine Laune ist etwas besser als zuvor und ich beginne, meinen vermüllten Schreibtisch aufzuräumen.
Am nächsten Tag geh ich zum Arzt. Er schreibt mich bis zum 03.03. krank. Ich soll die Zeit nutzen, um nüchtern zu werden, sagt er mir. Und tatsächlich schaffe ich es an diesem Tag „nur“ einen Liter Wein zu trinken.
Am 23.02. renoviere ich meine Wohnung neu. Ich bin gute 2 Tage beschäftigt. Und nachdem ich fertig bin, fühle ich mich schon wesentlich wohler in meinen vier Wänden. Ich telefoniere mit Max. Ich vermisse ihn. „Ja dann muss halt das Kamel herhalten.“ Meint er scherzhaft. Kamel, so nennt er Saber, seit er ihn auf meinen Bildern sah. Max steht in dem Hotel, wo er arbeitet, grad sehr unter Druck. Und meist hat er dann keine zwei Tage aufeinander frei. Trotz diesem Frust drossle ich meine Trinkerei weiter nach unten. Ganz nüchtern zu werden schaffe ich nicht, aber immerhin. Ich bin nicht mehr betrunken und lasse die Finger vom Schnaps.

Am Abend des 28.02. schreib ich Max eine SMS und frag ihn wo er ist, denn auf seinem Zimmer in Kitzbühel erreiche ich ihn nicht. Da antwortet er mit einer fremden Nummer. Er sei erst gegen Mitternacht wieder zuhause in Rosenheim und ich solle nicht auf dieser Nummer antworten. Mir wird kotzübel. Ich schreibe auf seine Nummer zurück, wessen Handy das denn sei. Eifersucht spielt mit. Es kommt keine Antwort. Und ich male mir die wüstesten Vorstellungen aus. Jetzt hab ich richtig Lust fremdzugehen. Auch Heiko schreibe ich von meinem Gram. Er versteht auch nicht recht, warum Max seinen einzigen freien Tag seit Wochen in Rosenheim verbringt, anstatt bei mir. Heiko erzählt von seinen unsäglichen Zahnschmerzen – Ich von meiner Wut auf Max.
Am Abend kommt glücklicherweise Nico, mein Nachbar mit seiner Gitarre und was zu Rauchen. So ist der Abend einigermaßen gerettet.
In der Nacht zum 01. März träume ich von einem Brief von Max. Es ist ein weinendes Smiley darauf und die Info, dass er jemand anderen kennengelernt hat, für den er viel empfindet. Der Traum, der zum Albtraum mutiert, ist der reinste Horror. Schweißgebadet wache ich auf, erzähle es Heiko im Chat und ahne nicht, was dieser Traum genau ein Jahr später anrichten wird.
Max versucht mich insgesamt 7 mal anzurufen. Ich gehe nicht ans Telefon. Ich bin wütend und enttäuscht.
Nachmittags kommt mein Vermieter und sieht sich den Stromanschluss für meine Wohnzimmerlampe an. Seit ich hier wohne, kann ich keine Lampe anschließen. Das Problem ist schnell geklärt. Der Ableiter wurde als PLUS Pol eingebaut. Stümperei. Nun habe ich endlich helles Licht.

Am 02.03. kommt Post von der Fa. Greitner. Sie äußern erhebliche Zweifel an einer wirklichen Erkrankung und verweigern mir daher die Entgeldfortzahlung. Sogleich setze ich mich hin und verfasse ein sattes Rückschreiben, mit der Bemerkung, dass sie sehr wohl zur Zahlung verpflichtet sind, da ich nachweislich krank bin. Als Paragraphenschleuder bin ich dafür bekannt, meinen Willen immer durchzusetzen.

schneechaos017Am 04. März wird’s spannend. In TV und Radio werden Unwetterwarnungen gemeldet. Bayern soll im Schneechaos versinken. Bisher merke ich nichts davon. Es ist mild, 7°C.  Heiko schreibt, dass es bei ihm schon 25 cm runtergehauen hat. Mir wird schlecht bei dem Gedanken. Und nachts träume ich von riesigen Schneebergen und Schneeschaufeln, die so groß wie ein Hausdächer sind.
Mittags als ich die Rollläden hochziehe, sehe ich, dass alles weiß ist. Sofort geh ich nach draußen und räume Schnee. 25 cm sind jetzt noch kein Chaos für Bayern, jedoch hat man das auch in unseren Breiten in den letzten Jahren eher selten gesehen. Es schneit den ganzen Tag ununterbrochen. Bis zum späten Nachmittag messe ich 38 cm und es schneit weiter.
schneechaos02205. März 2006. Es ist ein Sonntag, ziehe ich abermals die Rollläden hoch und staune. Es hat so viel geschneit, dass man außer der Hecke, die an einigen Stellen zusammengebrochen ist, gar nichts mehr sieht, als Schnee.
Schnell gehe ich nach draußen, schnapp mir die Schneeschaufel und bin gut anderthalb Stunden beschäftigt, die Zugangswege zum Haus und die Tiefgarage von den Schneemassen zu befreien. Mit meiner Wasserwaage, die 50 cm misst, versuche ich, die Schneehöhe zu messen. Unmöglich. Sie verschwindet im Schnee. Mit dem Zollstock gelingt es mir dann. Knapp 85cm. Schneewehen sind weit über einem Meter hoch. An den Parkplätzen auf der anderen Straßenseite versuchen einige Anwohner ihre Autos wiederzufinden. Eine Frau schneechaos 2006kommt auf mich zu und fragt, ob ich ihr meine Schneeschaufel leihen könne. Ich geb sie ihr und geh nach drinnen um mich aufzuwärmen. Im Radio wird von einstürzenden Sporthallen und vom Riesenabsatz von Schneeschaufeln an Tankstellen berichtet. Ich chatte mit Heiko und stelle die Bilder vom Schneechaos ins CJ2, das Forum, in dem ich schon seit einem Jahr Mitglied bin.
Am Nachmittag kommen weitere Schneeschauer. Ich bin erst mal damit beschäftigt, das Fahrraddach, das kurz vorm Einsturz ist, vom Schnee zu befreien. Es gestaltet sich schwierig, da ich hinterm Haus bis zum Arsch im Schnee versinke.
Bushaltestellen werden zu Parkplätzen, da keine Busse mehr fahren, kleinere Straßen werden zu Fußgängerzonen. Menschen mit Skiern und Skistöcken besiedeln die Straßen. So etwas habe ich in meinen 26 Jahren noch nie gesehen.
Kurz bevor die Sonne untergeht und die Schneelandschaft in ein weiches rosa taucht, werde ich fertig. Als es dann dunkel ist, muss ich noch zu HL, was einkaufen. Mich überkommen Angstgefühle. Woher die kommen weiß ich nicht genau. Ist es der viele Schnee, der mich glauben lässt, dass ich das alles nur träume? Oder die Leere auf den Straßen? Oder doch die Menschen im Supermarkt, die mich anstarren? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich jene Zustände zuletzt nach dem 11. September 2001 hatte und in der Anfangszeit in Wolfratshausen, nachdem ich so brutal zugerichtet wurde.
Zuhause angekommen setze ich mich erschöpft und müde an den PC und chatte noch mit Heiko. Abends kommen wieder Angstzustände, die ich nüchtern nur schwer ertrage. Ich sollte weniger Kiffen. Ich kiff mir schon seit Tagen die Seele aus dem Leib.

Nach einer schlaflosen Nacht beginne ich Carmens leergeräumte Wohnung zu renovieren. Sie ist mittlerweile ausgezogen. Seltsamer Anblick, alles leer. Ich kann mich kaum aufraffen, damit zu beginnen; aber es muss sein. Schließlich hat sie ja schon eine Anzahlung geleistet. Ich beginne mit dem Wohnzimmer und wurschtle mich so durch. Es hat aufgehört zu schneien. Ich bin froh darüber.
Es kommt eine SMS von Max. Er berichtet, dass er morgen kommt und dass seine Mutter mich gerne kennenlernen würde. Allein bei dem Gedanken, vor einer Mutter meines Freundes stehen zu müssen, unter prüfenden Blicken, bekomm ich schon Schweißausbrüche. Ich schreib ihm das erst mal nicht, warte auf morgen und freue mich, ihn wieder zu sehn.
Es ist die Zeit, wo ich kein Fernsehen habe, da das LMB der Satelitenschüssel kaputt ist. So langsam gewöhne ich mich, wenn auch mit Qualen daran.
Michi, der derzeit in Berlin lebt und arbeitet, ruft an. Er ist froh, am Telefon mal über was anderes als Viertellose und Achtellose sprechen zu können. Er erzählt mir, dass er nachts schon von dem Scheiß träumt.
Am Nachmittag kommt ein russisches Pärchen um die 30 und sieht sich die Wohnung von Carmen an. Er, breitschultrig, grimmiges Gesicht, sie, zickig mit Modelmaßen. Sehr wichtig tun sie, als sie die Räume ansehen. Der Freund von Maria im ersten Stock macht den Makler für die Vermieter und ist dabei. So kann ich denen die Wohnung nicht schlechtreden. Unsympathische Leute neben mir sind das Letzte, was ich noch brauche.

fenster01Am nächsten Morgen steht Max schon um 10 Uhr vor der Tür. Ich freu mich sehr. Nebenbei muss ich bei Carmen weiter renovieren. Die Vermieter machen schon Druck. Max verbringt den Tag am PC und chattet mit Heiko.
Am 08.03. besuchen uns Max‘ Mutter und sein Bruder auf Kaffee und Kuchen. Die Situation ist für mich anfangs etwas angespannt, aber als ich merke, dass die Frau sehr nett und modern eingestellt ist, lockert sich das schnell.
10.03.2006. Am Morgen steh ich bereits um 8 Uhr auf und räume das Fenster frei. Max hilft mir. Laut Vermieter werden heute das neue Fenster und die Balkontüre erneuert. Holz weg – Kunststoff her – es lebe der Klimaschutz! Abends fährt Max wieder. Und ich verkrieche mich über Nacht wieder in einer Depression…

Warum ich zurzeit so labil bin, obwohl ich in einer eigentlich glücklichen Beziehung bin, weiß ich selbst nicht. Meist bin ich derzeit nüchtern, oftmals jedoch lasse ich es abends krachen, drück mir 1 oder 2 Flaschen Rotwein, um den Kummer, welchen auch immer, zu vergessen. Vielleicht brauche ich einfach wieder Arbeit. Arbeitslos sein macht auf Dauer wohl depressiv, gerade dann, wenn man leicht dem Alkohol verfällt.

Kein Kommentar »

Kapitel 17 - Freunde & Freundesfreunde

marians-zimmerMärz - November 2006

In den letzten Märztagen erfahre ich von Manni, dass Marian tot ist. Er lag eine Woche tot mit der Spritze im Arm auf seiner Couch, in dem Zimmer, das einst Michi und ich bewohnten. Ich bin schockiert. Er wurde nur 23 Jahre alt, folgte seiner Mutter und eigentlich allen, die in diesem Haus lebten und darin verstarben. Ich träume immer noch regelmäßig von diesem Haus. Entweder sehe ich eine lebende, gut gelaunte Alexandra oder das Haus stürzt ein, während ich darin bin.

Einige Tage später lerne ich ein paar Jungs aus dem Viertel kennen, die ich mal im Januar auf der Straße anquatschte. Sie haben was zum Rauchen dabei und wir machen uns einen entspannten Tag mit Smalltalk. Ich genieße es, ab diesem Zeitpunkt wieder regelmäßiger in Gesellschaft zu sein. Davon abgesehen, ist ein Teil der Jungs ganz hübsch dazu. Dass ich schwul bin, wissen sie noch nicht.

Am 27.03. chatte ich mit einem der Blumenauer Jungs, in MSN. Ich frag ihn, ob ihm das Bild über meinem Schreibtisch aufgefallen war, wo ich mit Max Arm in Arm zu sehen bin. Ich fragte das absichtlich, weil mir aufgefallen war, dass, wenn sie da sind, gern mal verstohlen dahin schielen und zu flüstern beginnen, wenn sie vermuten, ich höre nicht zu. Auch meine Gayromeo Seite war mal offen, als sie da waren. Bülent meint, ja, das Bild sei ihnen aufgefallen, es käme etwas schwul rüber. Und diese Seite, die offen war, nun ja, sie dachten, die würde ich grad in administrativem Auftrag bauen. Keiner wollte so recht glauben, dass ich schwul bin. Getuschel darüber gab es jedenfalls reichlich. Ich kläre ihn auf. Und es ist OK für ihn. Warum auch nicht. Der Rest erfährt es nach und nach ebenso und kommt ebenso damit klar. Damit bekräftigt sich meine Vermutung, dass ich auch mein Coming Out vor genau 10 Jahren richtig verlaufen ließ.

Am 29.03.2006 renoviere ich die Wohnung von Thomas und Nicole, die nach Dresden gezogen sind, fertig. Bülent und sein Kumpel Derrik helfen mir. Am 30.03. bin ich mit der Wohnung fertig und kann sie besenrein übergeben. Ich bekomme das ausgemachte Geld dafür und bezahle erst mal ein paar Rechnungen.

Am 01. April telefoniere ich mit Max. Er bekommt mit, dass gerade Jungs bei mir zu Besuch sind und dass geraucht wird. „Verpiss Dich doch mit Deinem scheiß Gras!“ sagt er und legt wütend auf. Offensichtlich wird er langsam eifersüchtig, weil bei mir Jungs ein und ausgehen, die in seinem Alter sind. Aber ich habe doch mit keinem was. Ich verstehe ihn nicht und jammere wieder Heiko im Chat voll. Abends saufe ich mich dann, wie auch immer, in solchen Situationen, voll. Als ich mit dem E-Roller zur Tankstelle fahre, um Nachschub zu kaufen, stürze ich auf dem Weg nach Hause. Mir geschieht nicht viel, außer ein paar Prellungen.
Am nächsten Tag kommt eine SMS von Max mit folgendem Inhalt: „Immer wenn ich an Dich gedacht habe, bekam ich Herzrasen. Das hab ich jetzt nicht mehr… Ich glaube ich muss mich “neu” in dich verlieben um zu checken was ich für dich spüre.“
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll; es schockiert mich und ich verhalte mich kühl. Kühl und abweisend. Abweisend und depressiv.

April 2006. Es ist warm. Ich sitze mit Toni, einem etwa 40jährigen Kumpel auf meinem Balkon und trinke Bier. Auf der anderen Straßenseite laufen zwei Jungs und lachen. Ich stell mich auf den Stuhl, damit ich über die Hecke sehn kann. „Hmm, nett.“ Sag ich zu Toni. Ich pfeife im üblichen „Anmachton“ zu ihnen rüber. Sie werden aufmerksam und laufen rüber. „Hey Jungs! Wollts auch a Bier?“ ruft Toni. Die Jungs steigen gleich über den Zaun vom Nachbarn und kommen kurz rein. Sie sind beide siebzehn und kommen vom Feiern.
Später, als Toni weg ist, lerne ich auch ihren Kumpel Louis kennen. Er wohnt gleich ein Haus weiter im Block. Wir verbringen zu viert einen netten Abend.

Zu Max‘ und meinem Nachteil. Er wird zusehends eifersüchtiger auf die Rasselbande. So kommt es an einem Tag Mitte April dazu, dass Volker, ein langjähriger Kumpel und die drei Jungs gerade zu Besuch sind und Max plötzlich vom Wodka trinkt und mich ständig anschnauzt.
Gegen 21 Uhr, als ich scherzhaft zu einem der Jungs zu einer ebenso scherzhaften Floskel antworte, er könne ja mal strippen, schlägt mir Max ohne Vorwarnung ins Gesicht und schreit: „Fick Dich Du Sau!“ Ich, erst irritiert, schlage zurück; dann stehen die Jungs auf, auch Volker versucht uns mit Mühe auseinanderzuhalten.
Weinend rennt Max aus dem Haus. Ich bin immer noch irritiert, über das was eben geschehen war. „Jungs, bitte geht jetzt.“ sage ich in versucht ruhigem Ton. „Ihr seht ja, was grad los ist.“ Die Jungs gehen und zeigen sich verständnisvoll. Ich zittere, bin nervös, weiß nicht was ich tun soll. Trinke nochmal am Wodka, gehe raus um Max zu suchen. Er ist weg. Auf dem Handy erreiche ich ihn auch nicht. Er hat es ausgeschalten. Es wird eine quälende Nacht. Da ich ja auch nicht auf den Kopf gefallen bin, schreibe ich in Gayromeo den Typen an, mit dem er meines Wissens nach Chatkontakt hat. Zwei Monate zuvor unternahm ich mit ihm eine kleine Tour nach Schwabing, um diesen Kerl zu treffen. Aus Liebe zu Max. Weil ich wusste, er steht auf ihn. Dummheit. Vielleicht.
Der Typ ist aber nicht online. So schlafe ich irgendwann besoffen und bekümmert ein.
Am nächsten Vormittag, Volker macht grad die Küche sauber, habe ich noch immer kein Lebenszeichen von Max erhalten. Ich trinke vom Wodka und werfe die Flasche wütend gegen das Bild an der Wand, was uns beide zeigt. Es zerspringt in tausend Teile und fällt mit den zerbrochenen Flaschensplittern krachend zu Boden. Volker versucht mich zu beruhigen. „Er ist bei einem anderen! Ich fühle es!“ schreie ich wütend. Ich weine. Volker nimmt mich in den Arm. „Er liebt Dich John, glaub mir! Sonst hätte er das nicht gemacht. Er ist siebzehn!“
Gegen Mittag geht die Tür auf. Max kommt herein, sagt nur: „Tut mir leid.“ Und nimmt mich mit gesenktem Kopf in den Arm…

fassadenrenovierungIm Mai steht die Renovierung des Hauses an. Mit den Vermietern stehe ich so gut, dass sie mir anbieten, den Job zu übernehmen. Die Südseite des Hauses sollte gestrichen werden. Ohne Gerüst, ohne Dampfstrahler, einfach ganz billig und schnell. Ich handle einen guten Preis aus und beginne mit der Arbeit. Meine Höhenangst hindert mich anfangs etwas daran, als ich mit einer Leiter fast ins Nachbargrundstück falle, hätte ich mich nicht gerade noch am Balkongeländer festhalten können.
Ich trinke Kaffee mit Amaretto, das puscht und beruhigt. Nach ca. einer Woche ist die Südseite fertig. Louis, der 16jährige Nachbarsjunge ist fortan häufiger bei mir. Ende Mai schneide ich ihm erstmals die Haare. Er ist begeistert über seine neue Frisur. Kurz darauf lerne ich auch seine ebenso begeisterte Mutter aus der ehem. DDR kennen. Sie ist sehr modern und offen eingestellt – und sie mag mich.

max-geburtstagAm 12.06.2006 veranstalte ich eine Party zu Max‘ 18. Geburtstag. Nachträglich. Weil er zuvor arbeiten musste. Nachbarn und Freunde feiern mit. Und ich habe noch zwei kleine Überraschungen. Nachdem er bisher noch nie meinen besten Freund Heiko kennenlernen konnte, kommt dieser mal ganz überraschend. Auch seine Mutter ist eingeweiht und kommt während der Party um die Ecke und hält ihm von hinten die Augen zu. Max ist sichtlich überrascht und erfreut. Es wird eine schöne Party.

Mit der Zeit lerne ich auch meine neue Nachbarin Christine (41) kennen, nachdem Carmen so plötzlich ausgezogen war. Sie ist sehr nett und bei jeder Gartenparty dabei. So auch am 01. Juli, wo sie ihren „Einstand“ feiert und meinen 27. Geburtstag mit einfließen lässt. Heiko, Michi, Nachbarn des Hauses nebenan und die Vermieter sind auch mit dabei. Vormittags besuchen mich meine Eltern und mein Bruder. Mein Vater grillt Würstchen. Sie wollen schon nachmittags wieder ins 110 km entfernte Thannhausen fahren.

Am 05.07. 2006 fahren Christine, Heiko, Louis und ich zum Lußsee, baden. Das hab ich schon lange nimmer gemacht, weil ich mich wegen meinen 77 Kilo und meinen Rettungsringen am Bauch schäme. Auch wenn andere meinen, das sei doch völlig in Ordnung. Ich möchte schlanker sein.
Einen Tag später mache ich einen weiten Spaziergang durch die City. Über den Tierpark Hellabrunn komme ich schließlich an der Pilsenseestraße 2 vorbei, wo Michi und ich bis vor vier Jahren gelebt hatten. Ich gehe rein und treffe Uwe an. Uwe war zuletzt mit Alexandra befreundet, bevor sie starb. Ein Penner, der zumeist im Gartenhaus gelebt hatte, wenn sie stritten. Er führte mich durch das Haus, auch in die Räumlichkeiten, in denen Michi und ich damals wohnten und Marian im März verstarb. Eifrig schieße ich einige Bilder, trink was mit Uwe und gehe daraufhin mit vielen Gedanken im Kopf nach Hause. Vielleicht kann ich jetzt mit diesem Haus abschließen…

Am 09.07 unternehme ich eine Sauftour durch die Szenekneipen von denen ich erst am 10.07. spätnachmittags wieder heimkehre. Ich erlebe allerhand dabei. Und als die Sicherheitsvorkehrungen wegen der WM-Feier am Marienplatz zu brisant werden und ich mehrmals mit der Polizei Stress bekomme, fahre ich besoffen nach Hause und quatsche in der U-Bahn einen süßen Typen an.

August 2006. Die Tabletten gegen den Magenkrebs helfen nicht mehr. Es wird schlimmer. Ich muss wieder vermehrt kotzen; es kommt zu einem derben Rückfall. Der Alkohol und die Raucherei tun wohl ihr Letztes dazu, dass ich vermehrt Blut spucke, die Schmerzen schlimmer werden und ich in Notaufnahmen eingeliefert werde.
Dennoch renoviere ich wieder mal vom 04.08. bis 05.08. meine Wohnung und meine, es geht mir besser. Es ist ein täglicher Kampf mit dem Schmerz und ein tägliches Staunen über schmerzlose Stunden. Mal so, mal so.

Vom 11.08. auf den 12.08.2006 feiern wir Michis 22. Geburtstag nach. Es sind etwa 8 Leute inklusive Christine, die spät nachts noch mit ihrem Freund dazu stößt, geladen. Es geht recht turbulent zu. In den frühen Morgenstunden schreckt sie auch nicht davon ab, sich vor mir und den ganzen Jungs halb auszuziehen und mit Georg einen heißen Tanz hinzulegen. Diese ausgelassene Party geht etwa bis 8 Uhr früh, als mich die Polizei am Balkon freundlich bittet, die Lautstärke zu drosseln, da sich schon einige Nachbarn aus dem Viertel beschwert hätten.

Zu Ende des Monats August lasse ich das Krebsgeschwür operativ aus meinem Magen entfernen. Max tut seinen Teil dazu, indem er mir seit Wochen bewusst macht, dass er so nicht mehr könnte. Das Geschwür oder er.
rosenheim-flintsbachDanach fühle ich mich neu. So neu, dass ich mich am 01. 09. Endlich dazu aufraffe, Max überraschend in Rosenheim zu besuchen. Er freut sich sehr darüber und wir gehen sogar ins Kino. Ich war seit mindestens 10 Jahren in keinem Kino mehr, da man dort nicht rauchen kann und Menschenmassen seit einiger Zeit nicht mehr ertrage. Menschenmassen beunruhigen mich. Ich trinke Amaretto auf der Fahrt nach Rosenheim. Wir sehen den Film „Wer früher stirbt ist länger tot“.
Anschließend sind wir auf dem Rosenheimer Oktoberfest und fahren Riesenrad. Auch eine Sache, die ich wohl seit meiner Kindheit nie mehr gemacht habe. Wir haben uns im Arm und küssen uns während der Fahrt. Es ist wunderschön. Wir trinken eine Maß und essen gebrannte Mandeln. Es ist ein schönes Zusammentreffen, das zum Schluss leider dunkle Schatten wirft. Wir kommen in einen unheimlichen Streit, als schwebe plötzlich die Göttin der Finsternis über uns und hätte die der Liebe verdrängt.
Max meinte auf dem „Little Oktoberfest“, er würde gern noch ein paar Freunde „alleine“ treffen. Nach mehrmaligem Nachhaken meint er, ich wäre ihm zu peinlich mit meiner Amarettoflasche im Rucksack und ich wirke zu überheblich, kurz, betrunken. Ich bin sauer. Ich bin sauer, weil ich mich selbst nicht so sehe und mich zusammenreißen kann. Auf dem Weg Richtung Innenstadt frage ich ihn, was er vorhat. „Ich bring Dich zum Bahnhof.“ „Ach das war‘s?“  frage ich ihn. „Ja!“ bekomme ich zur Antwort. Schließlich knallen wir uns so sehr mit Vorwürfen zu, dass er mir lapidar den Weg zum Bahnhof erklärt und umdreht, zurück zum Fest. Ich bin geschockt. Er lässt mich einfach mitten in Rosenheim stehen. Hab ich mir dafür den Weg gemacht?
Es ist kurz vor 21.00 Uhr. Ich setze mich vor einer Apotheke auf die Straße und pack meine Flasche aus, trinke kräftig, weine. Ich schreibe Max eine SMS: >Das hätte ich nicht erwartet, dass Du Deine Freunde mir wegen vor ziehst. Aber nun weiß ich endlich wo ich bei Dir dran bin. Du hast mich einfach zurückgebracht wie einen Hund der nicht mehr geliebt wird. <
Kurz darauf rufen Heiko und Michi von mir Zuhause an. Matt und Daniel wären da und wollen rein. „Dürfen sie rein?“ Wütend schreie ich ins Telefon. „Neeiiin!! Keiner kommt rein! Nie wieder! Ich will keinen sehn! Ich hab hier grad ganz anderen Stress!“ Und noch so allerhand anderes. Da Heiko den Lautsprecher anhatte, ich wohl während meines cholerischen Anfalls unbewusst einen der Jungs am Telefon hatte, waren sie offenbar so geschockt, dass ich sie nie wieder sehen sollte. Zumindest lange nicht mehr.
Auch die SMS Schreiberei mit Max ging ihren Weg, während ich vor der Rosenheimer Apotheke saß, während mich manche vorbeilaufende Leute argwöhnisch musterten.
Irgendein Grund, ich glaube ich schrieb ihm, dass ich einen Schlussstrich ziehen werde, wenn es das gewesen ist, mich einfach so in einer fremden Stadt sitzen zu lassen, bewegt Max dazu, dass er per SMS fragt, wo ich bin. Ich antworte. Er kommt. Nimmt mich an der Hand. „Komm, lass uns nimmer streiten, tut mir leid.“ meint er. Wir gehen in ein Lokal, das in derselben Straße ist und trinken Wein.
Anschließend machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Zusammen. Max will mich mit nach Hause nehmen. Ein Stück fahren wir und treffen ein total besoffenes Mädel im Zug. Wir lachen. Die restlichen zwei Kilometer laufen wir durch eine gespenstische, neblige Gegend. Es ist schon kurz vor 23 Uhr, als ich Max während unserer Unterhaltung offenbare, dass ich jeweils mit meinem Exfreund Michi und auch mit einem anderen, den er kennt, etwas hatte. Während unserer Beziehung. Ich weiß nicht, warum ich das tue. Vielleicht will ich mein schlechtes Gewissen erleichtern. Max schlägt schluchzend auf mich ein. Er ist schwer empört darüber. Richtig wütend. Aber irgendwie kriegen wir uns wieder ein.
Als wir bei ihm zuhause in Flintsbach ankommen, sitzen seine Mutter, sein 19jähriger Bruder mit Freundin  und sein Stiefvater am Tisch und spielen ein Frage-Antwort Spiel. Sie begrüßen uns herzlich und freuen sich, dass ich mitgekommen war. Wir sitzen noch etwas in der Runde und spielen mit, ehe wir dann nach Mitternacht ins Bett gehen und wilden Sex miteinander haben und uns verzeihen, was geschehen war.
Am nächsten Morgen verspüre ich deutliche Entzugserscheinungen vom Alkohol des Vortags. Max‘ Mutter bittet mich zum Frühstückstisch; aber ich lehne dankend ab. Ich könne morgens nichts essen, teile ich ihr als Entschuldigung mit. Ich schleiche mich in Max‘ Zimmer, nehme meine Flasche Amaretto aus dem Rucksack und trinke kräftig daran, schleiche mich wieder raus, auf den Balkon, mit der herrlichen Aussicht auf einen Berg und eine Burg, rauche ein paar Zigaretten. Irina bringt uns beide dann zum Bahnhof von Flintsbach. Dort verabschieden wir uns. Ich trinke noch ein paar Schlucke Amaretto, werde wach und steige in den Zug nach Hause.

Am 17.09. verschlägt es mich mit Michi und Toni aufs Oktoberfest. Naja, wohl eher musste er mich dazu überreden. Wir sitzen oberhalb der „Kotzwiese“ auf den Bänken und haben unser eigenes Bier dabei. Als sich einige Jungs zu uns gesellen, wird Toni einige Zeit später von den Bullen kontrolliert. Als dieser, wie man ihn eben kennt, sich über die überzogene und lächerliche Durchsuchungsmaßnahme aufregt und sich mündlich zur Wehr setzt, nehmen sie ihn mit auf die Wiesn-Wache.
Die Jungs, Michi und ich marschieren mit, reden auf die Männer ein, die ihn unserer Meinung nach widerrechtlich in Gewahrsam nahmen. Es nützt kaum etwas, aber nach einiger Zeit lassen sie ihn gehen. Wir fahren zu Toni nach Hause, trinken noch ein paar Bier. Nach einem Streit mit Michi nehmen drei Jungs und ich ein Taxi zu mir. Drei Russen und ich auf einer Couch. Einer davon gefiel mir…
Am 21. September besuchen mich zwei Kumpels aus dem Viertel und erzählen mir, dass die Vermieterin sie gefragt hätte, was sie bei mir wollen und versucht hatte, ihnen den Zutritt zu verwehren. Wütend gehe ich nach draußen. „Frau Lang, sagen sie mal, sind sie besoffen? Was quatschen sie meinen Besuch so schief an? Ich schwöre ihnen eins, das hat ein Nachspiel!“ Sie hatte das auch schon bei Judith, einer Nachbarin versucht. Nun wollte sie bei mir als Sittenwächterin agieren. Keine Chance. Mit Androhung einer Unterlassungsklage, einem kopierten Zeitungsartikel „Vermieter als Sittenwächter“ und den Unterschriften der zwei Jungs, schön verpackt in ein Kuvert, gehe ich zur Post und lasse mich am Arsch lecken.

Max und ich sehen uns in dieser Zeit nur wenig und kurz. Unser Verhältnis wirkt abgekühlt.
Anfang Oktober werde ich sehr krank. Mich haut zwar selten was um aber diese Lungenentzündung hatte alles in sich. Selbst verdorbenen Magen und depressives Gemüt. Ich trank Abende lang Grog und schlafe spät abends auf der Couch ein. Mitternacht auf den 8. Oktober wache ich  groggetränkt auf.  Es hämmert jemand gegen die Rollladen meiner Balkontüre. Schlaftrunken wanke ich zur Tür und sehe, es ist Max. Überrascht lasse ich ihn ein. Er hatte mit seiner Mutter das Pink-Konzert in München besucht und möchte sich vor der Heimfahrt noch nach meinem Gesundheitszustand erkundigen. Mir geht es nicht gut. Max möchte die Nacht gerne bleiben, jedoch bekäme er nach Österreich zum Arbeitsplatz eine ziemlich schlechte Verbindung, da er noch Zwischenhalt bei seiner Mutter in Rosenheim machen müsste, wegen seiner Sachen. Er küsst mich lange und sagt: „ Bald bin i länger da. Hab no Geduld.“

Nachdem der Appetit auf Zigaretten nach meiner Krankheit ziemlich gesunken war, beginne ich in der zweiten Oktoberwoche, meinen täglichen Zigarettenkonsum zu protokollieren. Ich schaffe es, in einem Zeitraum von zwei Wochen nie mehr als fünfzehn Zigaretten pro Tag zu rauchen, komme in einer Woche auf 85 Zigaretten, was zuvor einen 1-2 Tageskonsum ausmachte. Die Woche darauf protokolliere ich meinen gesenkten Alkoholkonsum und rauche wieder mehr. Es ist schon ein Kreuz mit der Sucht.

autobahnAm 1. November schneit es erstmals. Es wird für eine Woche eiskalt, dann steigen die Temperaturen schon wieder auf satte 17°C
Am 15. November kommt Max für vier Tage zu mir. Es ist ein extrem warmer Tag. Fast wie Frühling, oder goldener Oktober, nur ohne Baumschmuck. 20,4° C zeigt das Thermometer auf meinem Balkon im Schatten an.
Einen Tag später beschließen wir kurzfristig, Heiko zu überraschen. Ich nehme drei Weißbiere mit und wir machen uns mit seinem Golf auf den Weg in das 260 km entfernte Kaff bei Kulmbach. Auf der Fahrt dorthin sammelt sich so viel interessanter Gesprächsstoff an, wie sonst selten zuvor. Max gewährt auch meinem Vorschlag, nach jeder CD mal die des anderen laufen zu lassen. So beißen sich Pink mit Marc Almond und Black Eyed Peas mit BENT. Meine klassischen Favoriten muss ich ihm ja nicht antun.
Es ist interessant, zu beobachten, wie wir von fast 22°C und strahlend blauem Himmel in die 5°C kalten Nebelsuppen Frankens hinein fahren. Gigantische Nebelwalzen, die sich schon kilometerweit bemerkbar machen, verwandeln den goldenen Herbsttag sekundenschnell in einen tristen schwarz-weiß Film. Teilweise ist Schrittgeschwindigkeit angebracht, weil man kaum mehr 10 Meter weit sieht.
Nach etwa zweieinhalb Stunden erreichen wir unser Ziel. Heiko hatte die Rollladen noch nicht ganz runter gezogen. Ich konnte sehen, wie er in der Küche werkelt und klopfte gegen das Wohnzimmerfenster. Recht erstaunt kommt er zum Fenster, sieht uns ungläubig an, lacht, lässt uns ein. Er hatte schon irgendwie damit gerechnet, weil in Skype keine Antwort mehr kam, jedoch wiederum auch ausgeschlossen, dass wir wirklich rauf fahren würden. Herzliche Begrüßung und anschließender Umtrunk auf Heikos Couch. Max und ich scheinen völlig zufrieden. Am 19. fährt er wieder nach Hause.
Am Abend des 29.November backen wir Pizza und feiern Silvester mit einer Bowle schon mal vorsorglich vor. Max bleibt sechs Tage.

Kein Kommentar »

Kapitel 18 - Dunkle Tage

autofahrtDezember 2006 - März 2007

Am 03. Dezember besuchen wir meine Eltern in Thannhausen. Ich war lange nicht mehr bei ihnen gewesen und es ist an der Zeit, nach nunmehr fast einem Jahr meine Eltern und meinen Freund miteinander bekannt zu machen. Wir streifen durch meine Heimatstadt, vorbei an meinen ehemaligen Schulen, mit einem Abstecher in einem Café. Auch Mutters typisches Herzeigen der Kinderbilder lasse ich über mich ergehen, und wir fahren abends wieder nach Hause.
Am nächsten Tag fährt Max wieder. Ich habe einen Termin beim Hausarzt, der mir „Paroxat“ gegen meine immer schlimmer werdenden Phobien und Depressionen verschreibt und mich an einen Psychiater überweist. Die Tage darauf muss ich feststellen, dass sich aufgrund der Nebenwirkungen eine sexuelle Dysfunktion bei mir einstellt.
Drei Tage später mache ich mich auf den Weg zu einem Psychiater für ein Erstgespräch. Zurzeit ist es mit Temperaturen um 13 – 15°C wieder ungewöhnlich warm. Selbst das Buchenlaub an einigen Hecken beginnt zu treiben, und einige Rosen blühen wieder. Nie zuvor hatte ich so etwas erlebt.
Während ich gegen 17°° Uhr durch die dunkle Warmluft Richtung Willibaldplatz spaziere und in Gedanken versunken bin, klingelt mein Handy mit einer unbekannten Rufnummer. „Hi hier ist der Ben. Wir haben uns vor ein paar Wochen vor dem HL kennengelernt, du erinnerst dich?“
Und wie ich mich erinnerte. Es war jener Novemberabend, als ich schwer betrunken zum HL fuhr und Wodka holte. Da fiel mir dieser süße, schüchterne Junge von 17 Jahren vor mir an der Kasse auf, den ich dann wenig später vor dem Geschäft um Feuer fragte.
Wir verabreden uns für 19 Uhr vor der Eisdiele. Beim Psychodoc habe ich auch wenig Erfolg. Er behandle nur Patienten ohne Suchtproblematik. Er empfahl mir einen Kollegen in Pasing.
Wieder Zuhause angekommen fühlte ich eine kleine Euphorie in mir. Ich begab mich ins Bad, um mich etwas zu stylen und holte Ben an der Eisdiele ab. Er gefiel mir, diese schüchterne Junge, mit dem leichten Hang zum Androgynen.  Ich schoss ein paar Bilder von ihm und er erzählte mir aus seinem Leben. Spätabends liegen wir im Bett und geben uns unseren Gelüsten hin. Das erste Mal in meinem Leben spiele ich im Dunkeln den Orgasmus vor, weil ich aufgrund der Medikamente einfach nicht kann. Es ist schrecklich.
Die Tage drauf kommt Ben öfter vorbei. Es kristallisiert sich heraus, dass er große Schwierigkeiten mit seiner Mutter hat und mich mag. Er möchte einige Tage bei mir bleiben und ich gewähre ihm.
Am 11., als Ben bereits einige Tage bei mir weilt, kommt Max und bleibt die Woche über. Ich hatte ihm die Tage zuvor schon die Situation mit Ben erklärt und er scheint erst mal nichts dagegen zu haben.
Mit Ben, der sich einige Monate zuvor für die DSDS Jury zu qualifizieren versucht hatte, waren wir am nächsten Abend bei Ali Khan von Radio Charivari eingeladen. Michi, Bülent, Max und ich waren dabei. Es war ein recht lustiger Abend und ich grüßte meinen Freund live übers Mikro.
In den folgenden Tagen wird Max die Situation mit Ben langsam zu viel. Eifersucht und die ersten dunklen Wolken beschatten unser Glück. Von meinem Rotweinkonsum kann ich mich weiterhin nur schwer trennen. Erste Diskussionen und Streitereien flammen wieder auf.
Ehe Max am Samstag wieder zurück fährt, besucht er mit mir meinen Hausarzt. Ich erzähle ihm von den Nebenwirkungen, Max stimmt zu. Ich bekomme ein neues Präparat. Imipramin.
Zum 27. und 28. Dezember schlagen Heiko und Matze auf. Silvester vorbereiten. Ben bereitet mit und macht meinen Besuch verrückt. Zu Silvester kommen dann auch noch Michi, Louis und seine Mum. Ein feuchtfröhliches Fressen und saufen bis in die frühen Morgenstunden.

In der ersten Januarwoche 2007 kommt Ben mit Hilfe eines Freundes und mir mit dem Jugendamt in Kontakt, um von seiner Mutter wegzukommen. Ziemlich bald kommt er in einer Einrichtung für Jugendliche unter und besucht mich noch ab und an. Auch Max kommt fast alle zwei Wochen für einige Tage zu Besuch. Aber es kriselt immer wieder zwischen uns und es scheint, als leben wir uns zusehends auseinander.
Am 22. Januar erreicht mich ein Brief von Max, indem er schreibt, dass er sich Sorgen macht, weil ich kaum mehr telefonisch erreichbar bin oder mich nicht melde. Er schreibt, dass er mich liebt und erwartet eine Erklärung für mein Verhalten.

Am 8. Februar, während seines Besuchs, geht Max in die Stadt, Klamotten kaufen. Ein schlechtes Omen erkenne ich oft aber schon vorher. Meine Recherche im Internet sagt mir, dass er sich mit jemandem trifft. Ich spreche ihn nach seiner Rückkehr darauf an. Es tue ihm leid, dass er gelogen hatte. Er wollte einfach nur mal mit jemandem reden. Es sei eh nichts gewesen.
Als Max wieder zuhause ist, beschließe ich, mir den Typen näher anzusehen, mit dem er sich getroffen hatte. Ich lade ihn zu mir ein und er kommt. Phil erzählt mir aus dem Gespräch mit Max und ich werde wütend. Auch private Details aus unserer Beziehung und meinem Leben hatte er erzählt. Und dass sie beide genau am selben Tag auf die Welt kamen. Ich kann mich an dieser Gemeinsamkeit weniger erfreuen und rufe Max an. Es entbrennt ein wütender Streit, ehe er dann auflegt, mit den Worten: „Schrei mich nicht so an!“.

Am 14. Februar erreicht mich ein Brief von Max, in dem er schreibt, wie sehr ihm das Treffen mit Phil hinter meinem Rücken leid tut, er mich liebt und niemals verlieren will. Er beendet den Brief mit den Zeilen: „Es war wahrscheinlich nur Träumerei und ich weiß dass ich nie wieder so einen Menschen wie Dich in meinem Leben lieben darf. Vergiss nicht, dass ich Dich liebe. Du bist ein Teil von mir.“
Von Phil’s Strichercharme lasse ich mich schnell verzaubern und er erscheint öfter, glänzt durch Verständnis und Einkäufe, die er mitbringt. Immer wieder beteuert er, dass er an Max gar kein Interesse hätte, dass er sich auch nie in eine Beziehung einmischen würde. Es beruhigt mich. Schließlich kommt er sehr bald mit der Geschichte, er sei von seinem Ex aus der Wohnung geprügelt worden. Ich beherberge ihn von Zeit zu Zeit bei mir.

So auch am 16. Februar, als Max wieder kommt. Er ist über Phil’s Anwesenheit bereits informiert. Wir pennen zu dritt auf der Bettcouch, Max in der Mitte. Kurz nach Mitternacht, die Beiden denken wohl, ich schlafe schon, vernehme ich Flüstern neben mir. Mit eindeutigem Inhalt. Ich richte mich auf – die Beiden erschrecken. „Ihr seid bockig? Nur zu, aber ich bin mit von der Partie.“ sage ich und alle willigen ein. Wir geben uns einem eher harmlosen Dreier hin und schlafen irgendwann ein.

Die schönen Frühlingstage nützen wir mit einem Besuch im Englischen Garten. Schon da müsste ich eigentlich merken, dass etwas nicht stimmt. Beim Spaziergang durch die Grünanlagen reden Max und Phil meist miteinander und ich trotte mit meinem Bier hinterher. In die Höhle des Löwen…

Seit Tagen lässt der Kontakt zu Max nach. Phil scheint vermehrt seine Nähe zu suchen. Das fällt mir erst recht auf, als er einige Tage nicht mehr kommt und mir am 01. März per Telefon erzählt, er sei bei einem Freund in Rosenheim. Klar, in Rosenheim. Nicht etwa ein paar Kilometer weiter, bei Max? Ich erfahre, dass er Tage zuvor schon in seinem Arbeitsort in Österreich war und schlecht über mich sprach. Ich würde ständig flirten und nach Jungs im Internet schauen, hatte er ihm erzählt. Ich erreiche Phil nicht mehr. Er hat das Handy aus. Ich beginne, ihn zu hassen. Ich hasse ihn mit aller Kraft.
Ertrunken im Alkoholrausch beschließe ich kurzentschlossen, zu Max nach Rosenheim zu fahren. Seine Mutter mailte mir ja per SMS, dass er heute nach Hause käme. So fahre ich gegen 20 Uhr zum Hauptbahnhof und kaufe mir ein Ticket nach Rosenheim. Mit der Flasche Amaretto sitze ich im Zug und schreibe Max eine SMS, dass ich auf dem Weg zu ihm wäre, denn wir müssten dringend reden, bevor alles zu spät wäre.
Kurz drauf klingelt mein Handy. Mit einem forschen Unterton fordert Max mich auf, wieder zurückzufahren. Er wolle mich nicht sehen. Ich kannte ihn nie so und möchte  das gar nicht glauben. Ich frage ihn, er würde mich doch wohl in Rosenheim nicht auf der Straße stehen lassen. Er meinte: „Doch! Fahr nach Hause. Dein Weg ist umsonst!“
Trauer, Wut, Verzweiflung fühle ich. Schlucke kräftig am Amaretto und rufe zuhause an. Michi nimmt ab. Weinend, voller Schmerz und Wut erzähle ich ihm, dass ich jetzt umkehren muss.
In Grafing steige ich um und fahr nach Hause. Die Nacht mit Wodka wird lange…  Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen.

Am folgenden Abend bekommen Michi und ich Besuch von Hans aus Amsterdam. Bülent gesellt sich im Laufe des Abends auch dazu. Wir trinken ein paar Bier und verbringen einen recht ablenkungsreichen Abend.
Als ich gegen 23 Uhr mit Max’ Mutter telefoniere, erfahre ich, dass Max mit Philipp unterwegs ist. Trauer und Wut überkommt mich und ich besaufe mich wieder mit Wodka.
Als Hans wieder zurück in die City fährt, fahre ich mit Michi in die City. Wir gehen auf die POPP - Party und treffen Ben. Er erzählt mir, dass Max und Philipp kurz zuvor noch da waren. Zusammen. Wie frisch Verliebte. Ich drehe total durch. Ich renne auf die Sonnenstraße und schreie den Schmerz aus meinem Körper. Michi und Ben haben große Mühe, mich mehrmals von der stark befahrenen Straße zu ziehen, als ich immer wieder versuche, vor ein Auto zu rennen.
Irgendwann habe ich einen Filmriss…. Michi bringt mich gegen 6 Uhr früh nach Hause. Mein Magen bleibt bis auf den Schnaps weiterhin leer…

maerz07_014_985Viele Erinnerungen bleiben nicht mehr. Ich muss mir vieles, was ich hier schreibe, aus Recherchen und Erzählungen zusammenkonstruieren. Frühmorgens schon brauche ich die ersten Schlucke Wodka, die ich dann ziemlich rasch wieder auskotze. Es mischt sich Blut unter mein Erbrochenes. Ich fühle mich hundeelend. Mein Schreibtisch sieht schlimm aus, meine Wohnung mutiert zum Chaos. Ich weine durch den Tag und freunde mich mit meinen Wodkaflaschen an. Sie verstehen mein Leid. Ich warte einfach, bis mein Körper so geschwächt an Tabletten und Alkohol ist, dass er nimmer aufwacht.

Seit Tagen schreibe ich SMSen an Max, die bisher alle unbeantwortet bleiben. Nie in meinem Leben schrieb ich so viele Messages an einem Tag. Irgendwann nach 21 Uhr geht mir der Wodka aus. Schon schwer alkoholisiert und überdosiert an Schlafmitteln wanke ich in maerz07_011_680Richtung Großhadern zur Tankstelle. Dort besorge ich mir zwei Flaschen Wodka und Zigaretten. Ich trinke kräftig an der ersten Flasche; die zweite lege ich in meinen Stoffbeutel. Was danach geschieht, weiß ich nicht mehr. Vermutlich muss ich im Vollsuff auf die Schnellstraße Richtung Planegg gelaufen sein und bin dort in einen Straßengraben gestürzt.
Jedenfalls wache ich am Sonntag, den 04. März gegen 7 Uhr morgens im Klinikum Großhadern auf. Bewusstlos wurde ich auf dem Straßenstreifen aufgefunden, heißt es. Entgegen ärztlichem Rat und mit Unterschrift verlasse ich die Klinik und gehe sofort zum Penny. Gleich vor dem Supermarkt trinke ich kräftig am Wodka und trotte nach Hause.
Dort erwartet mich mehr Chaos als je zuvor. Eine nach kaltem Rauch stinkende arm-wundeWohnung, die von leeren Schnapsflaschen und Tabakbröseln belagert ist. Wieder fehlt die Erinnerung, um diesen Tag niederzuschreiben. Ich bin schon mittags besoffen; weiß nicht mehr genau, wie der Tag verlief. Ich höre durchgehend laut Musik, Lieder, die mich an Max erinnern. Spätabends chatte ich mit Phil in Gayromeo. Ich schreibe ihm die wüstesten Drohungen.

Den Rest kann ich wieder nur aus Erzählungen wiedergeben. Irgendwann abends randaliere ich im Bad und schnitze mir mit Rasierklingen ein Herz und den Namen „Max“ in den Arm. Zu später Abendstunde findet man mich zwischen offener Haustüre und Hausflur liegend, bewusstlos und blutend auf. Ich werde mit dem Notarzt in die Nussbaumklinik auf die Intensivstation gebracht. Bei einer Blutentnahme vor Ort stellen die Ärzte 5,3 Promille Blutalkohol und eine Überdosis an Schmerz- und Schlafmitteln fest. Zweimal werde ich reanimiert, bevor ich wieder zurück bin.
Aus diesem Krankenhaus kann ich nur mit Hilfe meines Anwalts entlassen werden. Anscheinend wolle man mich dort behalten, zur Eigensicherung, wie es heißt. Ich fahre nach Hause und bin mittags schon wieder angetrunken. Ich schreibe Max eine SMS, mit dem Inhalt ob er zu feige wäre, offiziell Schluss zu machen.
Gegen 23 Uhr beschließe ich, ab dem kommenden Tag wieder nüchtern zu werden. Ich habe Hoffnung, Max mit einem klaren Kopf wieder zurückzugewinnen. Betrunken weine ich mich in den Schlaf.

Dienstag, 6. März. Um 8 Uhr früh stehe ich auf und spüre harte Entzugserscheinungen, die ich mit Rotwein und Cola versuche, zu dämpfen. Ich versuche etwas Überblick in meiner Wohnung zu bekommen und beginne, aufzuräumen. In meiner Wohnung – und in mir selbst. Ich schreibe einen vier Seiten langen Brief an Max und schicke ihn ab.
Ohne den Schnaps werde ich immer nüchterner und erkenne die Dinge um mich viel klarer, was aber noch mehr schmerzt. Ich lebe in einem 24-Stunden-Albtraum, aus dem ich scheinbar nicht mehr aufwache.
Ich habe Max rund um die Uhr im Kopf und erlebe gegen Abend  wieder schier einen Nervenzusammenbruch. Ich telefoniere mit Falco aus Österreich, bei dem Michi unter der Woche arbeitet. Ich frage ihn, ob ich nach Österreich kommen könnte, ich weiß nicht mehr was ich tue, hab Angst vor mir selbst. Selbstverständlich könne ich kommen meint Falco und sucht mir die nächste Zugverbindung raus.
Um 23.30 Uhr bin ich am Hauptbahnhof, kauf mir ein Ticket und nehme den Zug nach Kufstein. In dem Zug, der nach Italien fährt, hab ich ein Abteil für mich, ziehe die Vorhänge zu, reiße das Fenster auf und rauche eine Zigarette, trinke meinen Rotwein. Schwarz uniformierte Polizisten betreten mein Abteil und leuchten mich mit Taschenlampen an. Sie kontrollieren kurz mein Gepäck und meinen Personalausweis und wünschen mir eine gute Weiterfahrt.
Als der Zug in Rosenheim, der Heimatstadt von Max anhält, bekomme ich Sehnsucht, die sich als Stiche im Herz bemerkbar machen. In Kufstein angekommen, holt Peter mich ab. Michi wusste nichts von meinem Besuch und war überrascht. Falco und Peter mustern mich von oben bis unten. „John, Dich hab ich noch nie so abgefuckt gesehen wie heute.“ War Falcos Aussage. Er sieht die blutig verkrustete Verewigung in meinem Arm und schüttelt den Kopf. „Na das hat sich gelohnt, John.“
Ich unterhalte mich noch lange mit Michi, der am Schnittplatz arbeitet und penne irgendwann auf dem Bett ein.
Mittags Frühstück mit Falco, Peter und Michi. Ich esse das erste Mal nach einer Woche. Ich hab bisher 6 Kilo abgenommen. Falco und Peter reden lange auf mich ein, ich solle nicht weiter versuchen, Max hinterherzutrauern. Es hätte einfach keinen Sinn mehr.
Psychisch habe ich mich etwas erholt. Um 17.15 Uhr nehme ich den Zug zurück nach München. Zuhause angekommen, bemerke ich, dass Christine meine Nachbarin, aufgeräumt hat. Es freut mich sehr. Ich verbringe noch etwas Zeit am PC, dann gehe ich bald schlafen.

Die Tage darauf leide ich weiter. Nicht mehr ganz so extrem, wie zuvor, als ich meinen erheblichen Drang zur Selbstzerstörung hatte. Aber der Schmerz bleibt. Ich bringe mich weiter vom Alkohol runter. Die Messages an Max lassen nach. Bekomme sowieso keine Antwort.

Am Morgen des 9.März fahre ich mit dem Zug nach Innsbruck und sehe mir die Stadt an. Als ich mit dem Bus nach Absam fahre, lerne ich Felix kennen. Er ist 17 Jahre alt, ein Traumjunge und zufällig auch schwul. Ich fahre dorthin und sehe mir die Berufsschule und das Wohnheim von Max an. Von außen. Anschließend fahre ich mit Felix nach Bozen. Wir haben einen sehr unterhaltsamen Tag. Fast verliebe ich mich in ihn, aber leider hat er einen Freund. Spätabends fahre ich zurück nach München
Abends kommen Robert und Ben zu Besuch. Danach fahre ich mit ins Kraftakt. Dort treffe ich nach zwei Gläsern Rotwein auf Michi. Gegen zwei Uhr nachts wollen wir zu mir, aber wir erwischen die Nachtbahn nimmer. Sitzen noch im Sunshinepub, dann laufen wir wieder Richtung Sendlinger Tor, wo ich einen moralischen Ausraster bekomme. Ich gehe einen anderen Weg, streite mit Michi und laufe allein weiter zum Goetheplatz. Irgendwann treffen sich unsere Wege wieder und frühmorgens kommen wir bei Michi in der Wohnung an. Wir quatschen mit Udo, während ich Sherry trinke.
Zuhause bekomme ich die Herzschmerzen mit Poppers weg. Wir pennen bis etwa 14 Uhr. Als ich den PC anschalte, sehe ich, dass Max in Gayromeo online ist. Plötzlich kommt eine Message von ihm. Die erste nach fast 10 Tagen.
Ich durfte heute nach nunmehr fast zwei Wochen des Leidens endlich erfahren, dass Max die Beziehung beendet hat. Bin nun endlich vor vollendete Tatsachen gestellt. Es tut sehr weh, aber ich weiß nun, dass es nicht lohnt, weitere Tränen an ihn zu vergießen.
Ich höre Klassik und sitze lethargisch rum. Michi geht abends ins Kraftakt. Ich kann bis 4 Uhr nachts nicht einschlafen. All kinds of everything reminds me of you!

Sonntag stehe gegen Mittag auf. Ich trinke Tee bis 15 Uhr. Dann ein Weißbier. Ich hab mich heute soweit unter Kontrolle, dass mein erster Rotwein erst ab 18 Uhr auf dem Tisch steht.
Phil hatte mir in der Zeit vor März mal ein anderes schwules Dateportal vorgestellt. Als ich mich heute am Montag einlogge, erhalte ich eine Message von einem User namens „Targa“.

“Hey du
gab grad deine Kontaktanzeige gelesen und ich muss sagen mir ist vor kurzem das gleiche passiert. Warum kämpfst du nicht weiter um deinen Freund und zeigst ihm, zu wem er gehört? Warum gibst du auf und suchst hier schon nach ner neuen Liebe?

du bist sicher ein Mensch, der an das gute im Menschen glaubt. Ich les das so aus deinen Texten heraus. Ich würde dir sehr wünschen, dass du den Kampf um deinen Freund gewinnst. 1,5 Jahre kann doch keiner so einfach verwerfen…

Schau mir geht’s grad auch nicht so gut, seit ich mit meim Ex-Freund schluss gemacht hab, aber ich blicke nach vorn! Ich denke du kannst das auch, es ist zwar nicht einfach aber es ist möglich! Lass den Kopf nicht hängen und meld dich mal!

Gruß René”

Ich bin sehr überrascht und angetan, von einer derart langen und ernsten Nachricht eines 17-jährigen, der mich überhaupt nicht kennt, und schreibe ihm zurück.
Gegen 15 Uhr verfasse ich wieder eine Mail an Max. Ich wollte Ruhe geben, doch ich kann nicht.
Dienstag, 13. Mai 2007. Heute stehe ich wieder recht früh auf, beginne den Tag mit Tee und werde ständig klarer im Kopf. Gegen Mittag verspüre ich wieder einen heftigen Drang, Max eine Mail zu schreiben.
Gegen 14 Uhr empfehle ich René, mit dem ich schon regelmäßig Chatunterhaltungen führe, sich auch das Skype hochzuladen. Wir chatten geschlagene zwei Stunden. Auch der hasserfüllte E-Mail Chat mit Phillip reißt nicht ab.

Kein Kommentar »

Kapitel 19 - René, eine kurze, ewige Liebe

März - Mai 2007

Auch am Mittwoch, den 14. März wird mein Alkoholkonsum täglich weniger. Ich fühle wieder einen Hauch von Leben in meinem Körper. Freue mich, wenn René online kommt und wir stundenlang chatten. Ich schreibe nebenbei an dem Kapitel „Max“. René und ich schicken uns Bilder. Gegen 22 Uhr kommt eine SMS von Max, in der er mich auffordert, ich solle seinen Phillip in Ruhe lassen. Fick Dich, Max!
Ich beginne, Wut und Hass gegen ihn zu empfinden. René und ich chatten bis kurz nach zwei. Ich bin wahnsinnig beeindruckt von ihm, obgleich ich ihn gar nicht persönlich kenne. Gegen 3 Uhr nachts verfasse ich meine letzte Mail an Max.
Am Donnerstag chatte ich wieder stundenlang mit René. Mir kommt in den Sinn, mir wieder meine alte Frisur, den Irokesen zu machen. Ich geh ins Solarium und bräune mich.
René und ich chatten bis 4 Uhr nachts. Ich bemerke etwas, was ihn sehr anziehend macht. Es sind gar nicht nur die Bilder, die mein Interesse an ihm so sehr wecken. Vielmehr seine Art, sein Verständnis, sein Charakter und seine teils sehr ausgewählten Worte.
Tagsüber gehe ich nochmals ins Solarium, schon mittags verlass ich das Haus. In Pasing entdecke ich das Vitalis. Dort absolviere ich ein kostenloses Probetraining und beschließe, wieder regelmäßig zu trainieren.
Ich chatte wieder sehr lange und intensiv mit René. Ich merke, wie er mich schrittweise ins Leben zurückholt, ohne dass ich ihn persönlich kenne. Zum ersten Mal spielen wir mit dem Gedanken, uns wirklich kennen zu lernen. Wir chatten bis 20 Uhr.
Dann gehe ich ins Kraftakt und treffe Michi. Etwas später kommen überraschend Bülent und Louis. Sie haben einen griechischen Freund dabei. Mit Louis versuche ich gegen 2 oder 3 Uhr nachts nach Hause zu kommen. Wir erleben auf der Fahrt sehr viel. Im Bus lernen wir zwei Jungs und ein Mädel kennen. Einer von denen trinkt bei mir noch einen Kaffee und fährt dann gegen sieben. Im Internet finde ich das Lied „I feel space“ von Lindström. Ich hatte es im Kraftakt gehört und muss es haben. Ich stürze ab, mache eine Flasche Wein auf und es bricht wieder aus mir aus… Max. Die Vögel singen schon ihre ersten Frühlingslieder, als ich einschlafe.

Gegen Mittag wache ich auf. Ich chatte mit René. Erzähle ihm von meiner letzten Nacht. Manu, mein Ex ruft mal wieder an. Er erzählt mir, dass er auch in einer Trennungskrise stecke. Mit Manu habe ich die letzten Tage öfter telefoniert. Er hat stets versucht, mir zu helfen, das mit Max noch ins Reine zu bekommen. Manu möchte am frühen Abend in München sein. Heiko hatte sich gegen Mitternacht angekündigt.

Gegen 15.30 Uhr fahre ich zum Max-Weber-Platz und hol 50,00 Euro ab, für einen Internetauftrag. Auf dem Rückweg kehre ich bei Penny ein und stehe im Geiste vor leeren Regalen. Ich schiebe den Wagen durch die Regale und weiß nicht, was ich einkaufen soll. Verwirrt fühle ich mich. Irgendwann steh ich an der Kasse und habe 47,89 ausgegeben. Mit vier Plastiktüten voll quäle ich mich nach Hause. Manu kommt gegen 18 Uhr an. Er strahlt eine Mischung aus Traurigkeit und kleiner Freude über unser Wiedersehn aus. Er war zwar 10 Tage zuvor noch mit Ralph hier gewesen, aber nun ist er solo. Wie ich. Er weint. Ich nehm in den Arm und spüre etwas Vertrautes. Später kommen noch Heiko und Michi. Manu schläft relativ bald auf der Couch ein. Nachts schlafe ich neben ihm und in mir kommt wieder dieses vertraute Gefühl hoch, wie vor drei Jahren…

Heiko und Manu fahren gegen Spätnachmittag. Ich chatte wieder mit René. Wir machen ein Treffen fürs kommende Wochenende aus. Eine Zeitlang stellen wir uns gegenseitig persönliche Fragen, um den anderen besser einschätzen zu können. Irgendwann mache ich René den Vorschlag, wir könnten ja mal telefonieren. Er willigt ein. Wir reden bis 2 Uhr.
In den nächsten Tagen geschieht nicht sonderlich viel. Wir erleben einen leichten Wintereinbruch, ich putze die Wohnung und chatte oft bis in die frühen Morgenstunden mit René.
Wir telefonieren fast bis halb vier in der Früh. Tagsüber haben wir starken Schneefall. René und ich chatten wieder sehr lange, sowie auch die darauf folgenden Tage. Der 23. März rückt näher und ich kann es gar nicht erwarten, ihn kennen zu lernen. Das Wetter war schon mal besser, trotzdem steigt meine Laune von Tag zu Tag.

rene-johnFreitag, 23. März 2007. Die Nacht wird lange. Michi schneit noch gegen halb vier vorbei und ich bin bis sieben wach. An diesem Freitag reißt der Himmel auf. Es wird 19°C warm und ein Gefühl sagt mir, dass dies ein guter Tag werden wird.. Ich mach mich mal wieder auf den Weg zum Training und ins Solarium. Später kaufe ich ein und mach die Wohnung sauber. Ich werde stündlich nervöser.
Gegen 19.30 Uhr mach ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof. Ich geh zum Gleis 26 und warte auf den Zug, der um 20.17 Uhr ankommen sollte. Ich bekomme eine SMS von René. Er teilt mir mit, dass der Zug Verspätung hat. Um meine Nerven zu beruhigen, trinke ich einen Jägermeister.
Als ich kurz nach halb neun immer noch keinen René finde, ruf ich ihn an. Wir müssen uns verpasst haben. Da taucht er aus dem Nichts auf. Ein schöner Junge mit einem verschmitzten Lächeln und diesem frechen Blinzeln in den Augen. Er fasziniert mich.
Wir geben uns die Hand, da klingelt mein Handy. Rico, ein alter Bekannter ruft an und meint, er sei gerade am Hauptbahnhof. Er ist überrascht, dass ich da auch gerade bin. Wir treffen uns kurz und gehen in den Burger King. Rico hat seinen Sklaven Gerd dabei und lädt uns auf eine Cola ein.
Anschließend fahren wir zu mir nach Hause, dort bereite ich uns griechischen Salat mit Putenstreifen zu. Wir führen lange und interessante Unterhaltungen. Gegen Mitternacht mach ich eine Flasche guten Wein auf. René steht hinter mir, ich dreh mich um und frage ihn, ob er auch ein Glas möchte. Da berühren sich unsere Lippen das erste Mal. Ein leidenschaftlicher Kuss, zwei, drei… Wir sehen uns einen Film an und kuscheln uns eng aneinander. Die Nacht wird lange, der Morgen früh. Wir haben Sex und schlafen ein, als die Sonne schon aufgeht.

Der Samstag ist grau und trübe – nur in uns scheint die Sonne. Wir sind einkaufen, machen ein paar Spaziergänge und verbringen einen abermals schönen Abend. Gegen 22 Uhr sagt René: „Ich hab mich verliebt. Ich liebe Dich.“ Dieser Satz geht mir durch Mark und Bein. Mir geht es gleich und ich erwidere seine Liebe.
Gegen Mittag machen wir auf in die City. Ich zeige René das Kraftakt, sowie einige Plätze und Sehenswürdigkeiten Münchens.
Gegen Spätnachmittag wird es frisch; wir beschließen, bald wieder nach Hause zu fahren. Zuhause angekommen, entdecke ich eine Message von Max. Die erste freiwillige Nachricht. „Hey John. Süß, Dein Neuer.“ Zähneknirschend lasse ich diese Nachricht unkommentiert.
Der Zeitpunkt für Renés Heimfahrt rückt immer näher. Ich sage ihm, dass ich ihn nicht gehen lassen will. Er antwortet: „Dann lass mich doch einfach nicht gehn.“ René beschließt, noch einen Tag länger zu bleiben und bittet seine Mutter per Telefon, ihn vom Schulunterricht zu befreien. Wir sind beide sehr froh, noch einen Tag zusammen sein zu können. Abends kommt noch Michi vorbei. Er wird später von Falco und Peter nach Österreich abgeholt.
Am Montag zeige ich René einige Plätze in meiner Umgebung, wo ich mich im Sommer gerne aufhalte. Das Wetter ist trüb – aber wir sind glücklich. Die negativen Geschehnisse mit Max entfernen sich Tag für Tag weiter von mir.

Als abends wieder der Zeitpunkt des Abschieds näher rückt, beschließt René, noch einen freien Tag einzulegen und telefoniert noch mal mit seiner Mutter. Wir suchen über Mitfahrgelegenheit.de eine feste Heimfahrt für Dienstag spätabends.
Gegen Mittag ruft Bertram an. Wir wollten ihn schon die Tage zuvor besuchen, aber er war nicht erreichbar. Gegen 14 Uhr fahren wir zu ihm. Wir haben viel zu lachen und spazieren anschließend noch durch den Englischen Garten. Wir unterhalten uns über sehr vieles. Meist über unsere Vergangenheit. An diesem Tag überkommt uns eine Art Verbundenheit.
Irgendwann Frühabends kommen wir nach Hause. Gegen 22 Uhr fahren wir Richtung Stachus. Dort trifft René den Studenten, der im Internet die Mitfahrgelegenheit nach Nürnberg anbietet. Wir verabschieden und mit langen Küssen und dann fährt er. Mit gemischten Gefühlen fahre ich nach Hause und beginne, diese Ereignisse dieses Jahres aufzuschreiben. Der Horrormonat März, den ein Junge mit seiner Liebe zu mir beendete.

Schon am 1. April kommt René wieder zu mir und bleibt für eine ganze Woche. Zwei Tage später kommt Matze angeflogen und am 5. Heiko. Wir verbringen die Osterwoche zusammen und genießen unser Glück.
Am darauffolgenden Tag meint Heiko, dass Max sich angekündigt hätte. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen sollte. Wir sind gerade fünf Wochen auseinander und ich finde es nicht gut, dass er hier her kommt. Rene macht sich lieber aus dem Staub; ich bin hypernervös. Als Max kommt, wünschte ich, ich wäre doch lieber mit René mitgegangen. Aber es geschah um mich. Als versucht wird, eine lockere Unterhaltung zwischen Heiko, Max und mir zu beginnen, merke ich, wie mich Max’ Blicke immer nervöser machen.
Schließlich steht er auf, kommt auf mich zu, nimmt mich an der Hand und sagt: „Komm mal bitte mit.“ und führt mich ins Bad. Heiko und Matze sehen uns verdutzt nach. Dort setzt er sich auf den WC Deckel und sieht mich an. „Es tut mir leid. Wie das alles gelaufen ist. Echt. Ich hab nicht geglaubt, dass sowas jemanden so aus der Bahn werfen würde und sich jemand wegen mir sowas antut.“ Überrascht nehme ich seine Worte entgegen und zucke mit den Schultern. „Was soll ich sagen…ich lass es besser…“ antworte ich. Entsetzt sieht Max die Narben auf  meinem linken Arm und streicht darüber. „Tut mir echt leid, John.“ sagt er nochmals mit traurigem Blick und geht.
Das hat mich für den Rest des Tages durcheinander gebracht und mir wird klar, dass ich noch nicht stabil genug für ein Treffen mit ihm bin. Diese Erkenntnis wird hart für René, sowie für mich.
So sitze ich auf der Bank im Park und schreibe einen Brief an René, der gerade bei mir zuhause sitzt. Ich schreibe ihm, dass ich große Angst habe, ihm wehzutun. Und dass ich gemerkt habe, dass ich noch nicht frei genug für eine neue Beziehung bin. Manu kommt in den Park und sagt mir, dass René es schon erfahren hätte. Eine Bierflasche hat er auf den Boden geworfen. “Ohje, nun ist das Drama perfekt..” sage ich leise. René kommt mit großen Schritten auf mich zugelaufen und reißt mir den Block aus der Hand. “Was soll das, hä?” brüllt er mich an. “Hat sich Arschloch Max wieder bei Dir eingeschleimt oder was ist los? Hat der Dir nicht schon genug Schaden zugefügt?” “René, ich…äh…” “Ach halt´s Maul, Du Arschloch!” brüllt René und geht weinend davon. Nun sitze ich da, vor dem Scherbenhaufen, den ich angerichtet habe. Aber Max hat mir das Porzellan dazu gereicht….

Wir versuchen, uns zu verstehen und wollen in Kontakt bleiben. Irgendwie läuft unsere Beziehung weiter – irgendwie auch nicht. Wir sind uns beide nicht sicher.

Am Ostersonntag den 8. April geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Ich stehe schon früh auf, laufe zum Krötenweiher auf die Wiesen und pflücke Blumen, mit denen ich das Osternest für René ausstatte. Gegen Vormittag fahren Heiko, Matze, Manu, René und ich nach Garmisch. Wir spazieren dort ein wenig durch die Ortschaft und essen in einem Gasthaus.

wz-renovAm 19. April komme ich wieder in Kontakt mit Klaus, den ich sieben Jahre zuvor in einer Schwabinger Pension kennengelernt hatte. Er hilft mir beim Renovieren des Wohnzimmers. Zugleich stelle ich die Möbel wieder neu um – Ich brauche nun diese Veränderung.
Eine Woche später ist René wieder für einige Tage bei mir. Er bleibt von 25. bis zum 28. April. An diesem Tag grillen wir mit Heiko, Susann und den Nachbarn. Stephan, ein guter Freund von Rene, kommt aus Amberg angereist. Er feiert mit uns bis in den späten Abend, als man bemerkt, dass Rene zusehends depressiver wird. Er möchte schließlich mit Stephan zurückfahren. Ich finde das schade. Heiko blickt mich etwas misstrauisch an und sagt: „Der liebt dich noch unheimlich John.“

Am 03. Mai 2007 fahre ich nach Wolfratshausen um in Erinnerungen zu schwimmen. Ich fotografiere die Gegend in Waldram und spreche mit ehemaligen Nachbarn vom Haus. S., der Blockwart, der uns Michi und mir damals dort ständig die Hölle heiß zu machen versuchte, lebt immer noch; sogar die alte Dame vom Parterre hat mich recht schnell wieder erkannt. Auch die Frau von Gegenüber kam sehr freundlich auf mich zu und gab mir die Hand. So schlimm kann ich also gar nicht gewesen sein. Der mann, der nun unsere alte Wohnung bewohnt, meint, er hätte nun ähnliche Probleme wie ich damals, mit unserem werten Herrn S.
Ich besuche noch Adrian und Flo, die ich noch von damals kenne und geh mit ihnen durch den Ort. Später besuche ich Mario in seinem Bahnhofslokal und trinke zwei Rotwein und einen Whisky und fahre gegen Abend wieder wohlgesonnen nach Hause.

Kein Kommentar »

Kapitel 20 - Absturz

hausdurchsuchungMai - Oktober 2007

Am Morgen des 15. Mai um 6.00 Uhr früh klingelt es Sturm an meiner Türe. Drei Polizisten und ein Finanzbeamter stehen vor der Türe und halten mir einen Durchsuchungsbeschluss vor die Nase. „Kömma eintreten?“ „Was wird mir anderes bleiben?“ erwidere ich und grinse ihn dabei an. Aber wohl ist mir keineswegs. Verdacht der Steuerhinterziehung, so die Anklage. Die Beamten suchen jeden Winkel der Wohnung ab, nehmen meinen PC und einige Akten mit und sind so schnell weg, wie sie gekommen waren. Ich bin mit den Nerven am Ende. Um viertel nach sieben holt mich Manni ab, wir müssen einige  TV-Geräte ausliefern. Gegen 10.30 Uhr, kurz nachdem ich Zuhause ankomme, klingelt es wieder. Der Gerichtsvollzieher! Das nimmt ja kein Ende mehr; haben die sich alle abgesprochen?
hausdurchsuchung
Einen älteren Zweit-PC, den ich noch habe, kann ich noch zum Chatten nutzen. Der hat auch nur 256 MB Arbeitsspeicher. Einen Tag  später schon kommt Heiko mit René und überlässt mir sein altes Notebook, solange, bis ich meinen PC von den Behörden wiederbekomme.

Am 25. Mai beschließe ich frühmorgens um 4, zu Heiko zu trampen. Michi, Matze, René und Manu waren schon am Vorabend zu ihm gefahren, bzw. geflogen. Matze und Manu sind seit einiger Zeit zusammen. Sie haben sich im Forum kennengelernt. Es herrscht große Freude. Wir verbringen dort ein recht schönes Wochenende. Am Pfingstmontag fährt Manu Rene, Michi und mich nach Nürnberg, wo wir noch eine Sauftour um die Kneipen machen und Dart spielen. So langsam zeichnet sich ein böser Absturz bei mir ab.

Der Juni dümpelt so dahin, ohne nennenswerte Erlebnisse. René ist ab und an zu Besuch; auch Heiko. Das Wetter passt; aber ich bin bis auf die Arbeit bei dem Lieferanten nur Zuhause. Mein Alkoholkonsum steigt und steigt. In der Mitte des Monats rasiere ich meine Haare nach und färbe mir den Irokesen blond. Ich sehe krass aus. Zu Ende Juni fahren Michi und ich mit Bertram auf eine Messe in Ingolstadt. Wir helfen ihm dort. Ich bin aber durchgehend nur betrunken und kann mich an den Tag kaum noch richtig erinnern.

Auch der Juli bietet keine großen Ereignisse. Heiko und René besuchen mich regelmäßig und dämpfen  meine depressiven Phasen. René und mich verbindet immer noch dieses Gefühl von Liebe. Wir haben auch weiterhin Sex miteinander. Zu Ende des Monats lerne ich Ugur kennen. Er ist 22 und lebt mit seiner Freundin und dem Baby im Block gegenüber. Wir treffen uns öfters zum Rauchen. Ich erreiche mein Höchstgewicht von 84 Kilo. Ich finde meinen Körper hässlich.

Am 01. August steht Max plötzlich vor der Türe. Er trinkt mit mir einen Kaffee; wir sprechen nicht sehr viel und er geht nach etwa einer Stunde wieder. Was er wirklich von mir wollte, weiß ich nicht. Ich bin etwas verwirrt.
Später am Abend habe ich wieder mal Besuch von einigen meiner Heterokumpels. Wir trinken und labern. Später meint einer der Jungs, den ich seit einigen Monaten kenne, er würde gern mal ausprobieren, wie es mit einem Kerl ist. Seine Kumpels ziehen ihn damit auf und lassen uns später schließlich allein. Gegen 4 Uhr morgens haben wir Sex bis in die Morgenstunden. Der 19jährige Roberto hat in Brasilien eine Freundin, daher bleibt dieses Erlebnis zwischen uns einmalig.

NürnbergAm 18. August beschließen Heiko und ich, zu René nach Nürnberg zu fahren. René weiß nichts davon, dass ich mitkomme. Aber ich weiß, dass er sich riesig freuen würde. Unter dem Vorwand, dass ich arbeiten müsse, sage ich ihm, dass ich leider nicht mitkommen kann.
Als wir in Nürnberg ankommen, verstecke ich mich. Heiko geht mit René in ein Straßencafe. Ich schleiche mich von hinten an. René´s Freude ist riesengroß. Wir unternehmen viel. Das Wetter ist wunderbar und wir laufen quer durch die Stadt, trinken Bier und besuchen am Abend einige Szene Bars. Spät in der Nacht fahren wir zu René und pennen bei ihm.
Heiko fährt am nächsten Tag zurück und ich bleibe, um mit René noch ein paar gemeinsame Stunden zu verbringen. Es ist wie Liebe - wie eine nie endende Liebe…

Am 01. September fahre ich mit Michi nach Nürnberg zu René. Da erfahre ich, dass die Beiden schon seit einiger Zeit zusammen sind. Das schockiert mich innerlich und ich komme nicht recht damit klar. So plötzlich. Ex und Ex. Wir verbringen zwar einen recht unterhaltsamen Tag, aber die Gewissheit, dass nun zwei Exfreunde von mir miteinander zusammen sind, hat einen etwas faden Beigeschmack. Vor allem, weil René und mich noch immer eine heimliche Liebe verbindet.

Mein Alkoholkonsum artet aus. Ich brauche schon nach dem Aufstehen Schnaps. Wenn ich arbeiten oder raus muss, komme ich ohne Flachmänner gar nicht mehr aus. Mir geht es hundeelend; ich bin kurz davor, mein Leben zu beenden. Aber ich denke, der Alkohol rafft mich auch bald dahin.
Viele meiner Freunde sorgen sich um meinen Zustand, raten mir immer wieder, ich solle in ein Krankenhaus gehen, um mich zu entziehen. Aber ich habe Angst davor. Ich hasse Krankenhäuser; ich war schon unzählige Male in solchen Einrichtungen.
Eines Tages, Ende September fasse ich die Entscheidung. Ich habe keine andere Wahl mehr. Ich rufe im Klinikum Gauting an und lasse mich vom Hausarzt für den 26. einweisen.

24. September - Tag der Gerichtsverhandlung. Mein Anwalt und ich sind gut vorbereitet. Ich bin stockbesoffen. Eine halbe Flasche Wodka trinke ich schon vor der Verhandlung, den Rest in einer zur Hälfte gefüllten Wasserflasche im Gerichtssaal. Die Staatsanwältin, die gut vier Meter von mir entfernt sitzt, bemerkt meinen Alkoholgeruch. Als ich dann auch noch ausfallend werde und schier einen Nervenzusammenbruch bekomme, vertagt der Richter die Verhandlung, da er unter diesen Umständen diese Verhandlung nicht weiterführe.

Klinikum GautingAm 26.09. 2007 gegen 8.00 Uhr wache ich auf. Hab Rene im Arm. Er und Michi machen sich ziemlich bald auf den Weg nach Amberg zur Beerdigung von Michis Oma. Ich stehe auch bald auf und weiß, dass ich nur noch ein paar Stunden habe. Ich trinke den restlichen Amaretto und Rotwein, packe noch meine Sachen für die Klinik und versuche, etwas Ordnung zu machen.
Stündlich werde ich nervöser. Telefoniere noch mit Heiko. Er wünscht mir alles erdenklich Gute. Robert ruft an, er ist gegen kurz nach 11 bei mir. Ich föhne noch meine weißen Socken trocken, dann fahren wir los. Bei REWE hol ich mir noch 2 Päckchen Kräuterlikör und trinke 5 Fläschchen während der Fahrt. Den letzten Schluck um 11.50 Uhr.
Klinik RaucherzimmerIn der Klinik angekommen, begleitet mich Robert nach kurzem Warten auf mein Zimmer, das mir zugeteilt wird. Ich bin nach wie vor nervös, packe meine Sachen aus und verstaue sie im Schrank. Das Klinikpersonal ist sehr nett; auch die Mitpatienten. Es gibt ein Raucherzimmer und das beruhigt mich. Später lerne ich Herrn Spörl, meinen behandelnden Arzt kennen. Er unterhält sich 20 Minuten über meine Anamnese und nimmt mir anschließend Blut ab. Mit 1,45 Promille war ich angekommen – bedeutend wenig für meine Verhältnisse; nun sind es noch 1,41.
Gegen 14 Uhr lege ich mich hin und schlafe 2 Stunden. Der Oberarzt weckt mich. Alkoholkontrolle. 0,71 Promille. Ich bekomme 2 Kapseln Distra-Neurin. Die Nebenwirkungen sind nicht schön. Stechen und jucken Zimmerin Kopfbereich und Ohren. Dazu heftige Niesanfälle. Das hatte ich schon mal vor sieben Jahren in der JVA Stadelheim. Ich sage den Ärzten Bescheid. Es war eine allergische Reaktion auf das Medikament.
Um 19 Uhr wird mein Entzug stärker. Ich bin auf 0 Promille. Das erste Mal seit 2,5 Jahren. Ich bekomme 5mg Diazepam, das aber nicht recht anschlägt. Mein Entzug wird wieder stärker. Ich bekomme um 20 Uhr 10mg Diazepam.

Ich halte mich überwiegend im Raucherraum auf, sehe mir was  auf Sat 1 an, danach bleibt der TV auf Wunsch einiger Patienten erst mal aus.
Ab 21 Uhr gehen so einige zu Bett und ich sehe wieder fern. Körperlich werde ich ruhiger. Bis 0.00 Uhr. Da bekomme ich nochmal 5mg Diazepam, nehme mein Laptop in den Raucherraum und sehe fern.
Gegen 4.00 Uhr bekomme ich nochmal 5mg Diazepam, rauche noch eine und versuche dann zu schlafen. Es klappt dann auch, auch wenn es ungewohnt dunkel und still ist. Zuhause schlafe ich immer mit dem TV ein.
Am nächsten Morgen um 8 Uhr werde ich geweckt zum Blutdruck messen. Ich bekomme eine Diazepam und darf noch weiterschlafen. Um 10 frühstücke ich dann und muss Urin abgeben. Ein EKG wird durchgeführt, da ich auch an Schwierigkeiten mit dem Herzen leide. Der erste absolut nüchterne Tag seit April 2005. Ziemlich ungewohnt. Es regnet den ganzen Tag und es ist arschkalt.
Um 12 ist dann Mittagessen, danach schlafe ich bis etwa 17 Uhr. Nochmal Blutdruck und Diazepam. Ich esse zu Abend und mache mir dann meinen Platz im Raucherraum.
Um 20 Uhr nochmal Blutdruck messen und Vergabe von Diazepam. Es kann nun langsam abgesetzt werden. Ich bekomme Heimweh. 10 Tage sollte ich vorerst keinen Ausgang bekommen.
Um 20.40 Uhr ruft Rene an und fragt wie es mir geht und ob er am Samstag mit Stephan und Michi in meiner Wohnung schlafen könne. Natürlich ist das für mich in Ordnung; so weiß ich zumindest, dass jemand nach der Wohnung und Katze sehen kann.
Ich bin noch bis 0.30 Uhr im Raucherraum. Bekomme noch eine Diazepam und schlafe bis 6 Uhr durch bis man mich weckt. Da wird nochmal gemessen und ich bekomme eine weitere Pille.
28.09. um 8 Uhr werde ich geweckt. Frühstück, Blutdruckmessen und erst mal eine rauchen. Danach wird ein EEG gemacht. Ob mein Hirn noch in Ordnung ist. Die zwei Mitpatienten aus meinem Zimmer sind gegangen. Heute kommt ein Neuzugang. Ein junger, nett aussehender Türke.
Mittags noch eine Diazepam. Nach dem Mittagessen ist Arztvisite. Wohl darf ich Montag oder Dienstag entlassen werden. Danach werde ich eine ambulante Therapie in Anspruch nehmen, sofern ich das schaffe. Ansonsten stationär. Sonst verläuft der Tag wie jeder andere. Langeweile pur. Das Wetter ist immer noch beschissen; es ist kalt und es regnet. Der junge Türke hat sich rasiert und sieht sehr geil aus.
Mir geht es körperlich Tag für Tag besser. Ich sehe und fühle alles ganz anders als in den Jahren zuvor. Ich bin noch bis 0.00 Uhr wach, bekomme eine Dia und leg mich dann schlafen.
29.09. 2007 Um kurz nach 8 stehe ich auf und esse ein Brötchen. Lese die SMS von Michi der letzten Nacht. Bekomme um halb 9 noch eine Dia. Heiko hat mir mein Guthaben aufgeladen, so hab ich wieder Kontakt nach draußen.
Hoffe, dass Michi mich besucht und mir Tabak und etwas Geld mitbringt. Bei mir ist alles aus und ich kann nicht zur Bank. Wir haben wunderschönes Herbstwetter. Vor dem Mittagessen schlafe ich zwei Stunden, danach verbringe ich viel Zeit draußen im Innenhof. Gegen 15 Uhr ruft Heiko an. Manni hatte sich auch schon gemeldet. Michi hatte auf meine SMS noch nicht reagiert.
Nach dem Abendessen ruft Michi an. Vielleicht kommt er morgen. Ich sehe noch fern, kaufe einem Patienten für meine letzten 2, 40 Tabak ab und gehe gegen 0.00 Uhr ins Bett.
30.09.2007 Ich stehe um 9 Uhr auf und esse ein Brötchen zum Frühstück. Gegen 10 Uhr lege ich mich für 2 Stunden hin und habe wieder total wirre Träume. Der gleiche Ablauf wie immer. Mittagessen und warten, ob mich irgendwer besucht. Sitze im Garten, höre Musik aus dem MP3 Player, aber freue mich auf morgen, wo ich die Klinik endlich verlassen kann. Mit Gökhan, meinem Zimmerkollegen verstehe ich mich ganz gut, auch wenn er anfangs etwas verschlossen schien. Aber das war ich ja anfangs auch. Das Wetter ist heute nicht ganz so toll wie gestern, aber zumindest regnet es nicht und ab und an schaut auch die Sonne raus.
Ich warte wieder mal vergeblich auf Besuch. Jeder hat hier seit gestern schon Besuche von Freunden und Angehörigen, außer mir. Nach einigem SMS-Terror bekomme ich endlich gegen 16 Uhr einen Anruf von Rene und Michi. Sie werden gegen 17.30 Uhr hier sein.
Kurz nach 18 Uhr kommen Michi, Rene und Stephan. Michi hat mir Tabak und Hülsen mitgebracht. Wir unterhalten uns im Raucherzimmer. Ich führe sie etwas durch die Station und zeige ihnen mein Zimmer. Um 19.20 müssen sie wieder los.
Abends dann wie immer das Gleiche. Ich sehe fern im Raucherzimmer und quatsche ab und an mit dem Zimmerkollegen und mit Elli, der „Klinik-Mama“. Gegen 23.30 gehe ich ins Bett und habe wieder heftigste Albträume.
01.10.2007 Ich stehe um 8 auf und esse ein Brötchen. Wartete auf Herrn Spörl und Herrn Kempe wegen der Entlassung. Verabschiede mich von allen, packe meine Sachen und verlasse gegen halb 11 die Klinik.
Ein komisches Gefühl ist das draußen. Mit Laptoptasche und Trolly bepackt, laufe ich zum 2 km entfernten Bahnhof in Gauting, wo Michi mich abholt. Dann fahren wir nach Hause um etwas klar Schiff in der Wohnung zu machen. Schon als ich zur Tür hereinkomme, werde ich von Nachbarn herzlich begrüßt.
Nun bin ich wieder Zuhause. Es wird aufwärts gehen. Ein schwieriger, großer Haufen Steine, aber jeder Stein ist ein Stück von dem Weg, den ich mir nun pflastern muss.

Kein Kommentar »

Kapitel 21 - Wider dem Schnaps

teetrinkenOktober 2007 - Januar 2008

Meine Eltern waren indessen umgezogen. Sie wohnen nun ein paar Straßen weiter in dem Haus neben der Firma, in der mein Vater arbeitet. Voller Freude schickt mir meine Mutter die Bilder vom Haus per Skype. Es gefällt mir. Sie haben es sich schön eingerichtet.
Ich kann wirklich nach langer Zeit behaupten, dass es mir besser geht. Das ständige, widerliche Verlangen nach Alkohol ist weg. Ich räume die Wohnung auf und entmülle meinen Balkon.

Am 12. alkoholfreien Tag werde ich von Robert ins kalte Wasser geworfen. Er nimmt mich mit zu einem Probetraining. Mir behagt die Umgebung und die vielen Menschen dort nicht und ich gehe sehr bald wieder, trinke ein Radler. Der erste Alkohol seit fast zwei Wochen. Ich belasse es bei diesem einen Bier. Am nächsten Abend ist Han aus Amsterdam zu Besuch. Ich trinke zwei Bier und die darauf folgenden Tage nichts mehr.

Am Abend des 19.10. fällt der erste Schnee. Ich bin derzeit auf einem Konsum bei etwa zwei Bier pro Woche.
Anfang November, tritt Sascha erneut in mein Leben. Kurz. Er ist aus dem Gefängnis raus. Ich hab mit ihm über ein Jahr lang ab und zu Briefe geschrieben. Aber versteht es wieder zu gut, mich um den Finger zu wickeln, mich zwei Mal ins Bett zu kriegen und mit 20 Euro für immer fernzubleiben, für die er mir eigentlich was zu Rauchen bringen sollte. Ich scheiß auf diesen Menschen. Einmal Junkie – immer Junkie. Vermutlich wird er so zugrunde gehen, wie Marian…

Am 02. November statten Heiko, Michi, René und ich einen Besuch bei meinen Eltern im neuen Haus ab. Meiner Mutter gefällt ihr nüchterner Sohn. Wenngleich ich auch  in den letzten beiden Wochen wieder gerne abends mal Rotwein getrunken hab.

Am 05. November gegen Mittag, klingelt mein Handy. Max ist dran. „Magst mir bitte aufmachen? Ich bin vor Deiner Tür.“ sagt er. Ich öffne und bin etwas erstaunt, über diesen seltenen Besuch. „Na, hast gestern Party gefeiert?“ fragt Max und nimmt dabei eine leere Bierflasche in die Hand, die noch auf meinem Schreibtisch steht. „Party? Ne, ich kam nur noch nicht zum Aufräumen.“ erwidere ich.
Schnell stellt sich aber heraus, dass Max seinen Besuch nutzte, um seinen Freund Phillip aus dem Knast zu holen. Sie hatten ihn vormittags im KVR festgenommen. „Du hast schon seltsame Freunde.“ sag ich und grinse ihn an. Als er mich dann noch bittet, den Anruf bei der Dienststelle in der Ettstraße zu machen, mach ich das auch noch. Er trinkt noch einen Kaffee mit mir und als er um einiges an juristischem Wissen reicher ist, geht er wieder.

Ab dem 06. November habe ich einen ambulanten Therapeuten. Herrn Obermayr in Pasing. Er wurde mir von Herrn Kempe empfohlen, der mir auch die Klinik in Gauting empfahl.
Zu Ende des Monats gestalte ich mein Wohnzimmer etwas um und installiere mit ein paar Freunden einen Lichterhimmel über der Couchecke.

Der Rest der Zeit dümpelt tot dahin, immer wieder mal falle ich in ein depressives Loch, aus dem ich mir immer schwer tue, wiederherauszukommen. Ich beginne in solchen Momenten vermehrt, zu viel Psychopharmaka mit einigen Bieren in mich rein zuknallen. Anfangs noch mit Hemmungen, wegen eventuellen, unerwünschten Nebenwirkungen, knalle ich mir einige Wochen später schon ganz locker fünf Schmerzmittel, ein paar Antidepressiva und ein paar Bier oder Rotwein rein, wenn es mir schlecht geht. Ich bringe es jedoch zu keinem erneuten körperlichen oder sozialen Abstieg; ich kontrolliere mein Trinken und auch die Medikation. Ich empfange Besuche, ich koche, ich pflege mich und gehe durch eine gemäßigte Zeit mit nur wenigen Abstürzen und gänzlich ohne Schnaps.

Anfang Dezember entschließe ich mich, fortan in einem Bett zu schlafen und besorge eines. Die Schlafcouch bleibt nun Gästen überlassen. Ein wenig eng wird es schon, aber ich schlafe nun viel besser.

fahrt-suedtirolDen 24. Dezember verbringe ich allein mit einer Flasche Rotwein. Wie ein Single eben Weihnachten feiert. Am Tag darauf kommen Heiko und René eingetrudelt. Sie feiern Silvester mit. Am 27.12.2007 fahren Heiko, Rene, Michi und ich nach Südtirol. Heiko kauft dort für seinen Vater einen speziellen Pflaumenlikör und wir sehen uns um. Als wir anschließend in einer Trattoria zum Essen einkehren, erfahre ich zum ersten Mal, wie sich Rauchverbot in einer Gaststätte anfühlt. In Deutschland kommt das wohl 2008 auf uns zu. Wir essen sehr günstig aber gut und machen uns auf den Heimweg, während es dämmert und ich noch einige Bilder schieße.

silvester 2007Der Ablauf für die Silvestervorbereitungen verläuft eigentlich wie fast jedes Jahr. Michi, mein langjähriger Exfreund mit seinem Freund Rene und Heiko, mein vertrautester Freund sind zu Besuch und schnibbeln an den Silvestermahlzeiten herum, während ich mich mit der Dekoration und den kalten Platten beschäftige.
Das Telefon klingelt und ich bitte Heiko, ranzugehen, da ich mich gerade gar nicht in Sprechlaune befinde. Da ich mir mit den Vorbereitungen immer am Meisten Zeit lasse, stehe ich meist noch an der Anrichte in der Küche, während die ersten Gäste schon eintrudeln. Diesmal sollte es anders sein, und ich geb mir Mühe, mit den anderen Dreien mitzuhalten.
„John, ich soll Dir nen Gruß von Manu ausrichten; wenn es Dir Recht ist, käme er heute Abend mit seinem silvester 2007Freund Mario zu Besuch.“ sagt Heiko. „Wird Zeit, dass Du den Freund von Manu mal kennenlernst, der ist zuckersüß.“ fügt er hinzu.
Da ich schon seit neun Monaten Single bin, kann ich glückliche Pärchen um mich eigentlich gar nicht so ab. Muss ja schon Michi und Rene seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag erdulden, obwohl ich beide sehr mag. Ich war mit Beiden schon liiert, zuletzt mit dem 18jährigen Rene. Nun gut, bevor Manu denkt, ich hätte was gegen ihn, sage ich zu. Klar freue ich mich auf seinen Besuch. Aber muss unbedingt sein 16jähriger Freund mit dabei sein? Ich verziehe mich wieder in die Küche.
Ich selbst bin nun 27 und hatte irgendwie mit fast allen Beteiligten schon eine Beziehung. Mit Michi (23) zwei silvester 2007Jahre, mit Manu (19) drei Monate und mit Rene leider nur ein paar Wochen. Heiko ist mit 31 der älteste in unserer Truppe und irgendwie der beste Freund von uns allen. Wir verstehen uns alle gut und ergänzen uns in den verschiedensten Dingen.
Rene kommt in die Küche. „Na John?“ sagt er und lächelt mich an. Mit Rene verbindet mich immer noch ein seltsames Gefühl der heimlichen Liebe, obwohl wir schon über ein halbes Jahr auseinander sind. Ich drücke ihm einen Kuss auf die Backe. „Geht’s dir gut, John?“ fragt er weiter. „Naja, ich bin nicht recht begeistert, dass heut Abend noch n glückliches Pärchen kommt. Genügt ja schon ihr Beide…“ sage ich scherzhaft und kneife ihm in die Backe. „In dem Punkt geht’s mir wohl ähnlich wie Heiko.“ Rene umarmt mich und meint, ich solle den Kopf nicht hängenlassen. Der Richtige habe mich nur noch nicht gefunden.
Christine, meine Nachbarin klingelt und bringt den Kartoffelsalat für den Silvesterabend. „Aber nicht gleich alles wegessen!“ sagt sie mit hämischem Grinsen. Die Kinder von ihr dekorieren meine Haustüre mit Luftschlangen.
„Hey John, jetzt hilf halt mal mit! Du suchst Dir immer die einfachsten Sachen aus, während wir hier schuften wie die Blöden!“ ruft Michi aus dem Wohnzimmer. Die kleine Zankerei hat Heiko, der „Betriebsälteste“ schnell im Griff und die Vorbereitungen laufen weiter.
Gegen 17.00 Uhr trudeln dann Manu und sein Freund ein. Sie hatten Ralf, Manus Exfreund mitgebracht. Nun sitzen wir alle sieben Freunde, Exfreunde und ExExfreunde auf einem Haufen. Als ich Mario, Manus Freund seh, fallen mir fast die Augen raus. So einen Traum von einem Jungen sehe ich nicht alle Tage. Schnell verziehe ich mich mit meinem Glas Wein und der Zigarette wieder in die Küche. Meine Schüchternheit hatte gesiegt; ich will lieber im Hintergrund bleiben.
Während ich die kalten Platten anrichte und Gurkenscheiben schneide, kommt plötzlich Mario in die Küche und lässt  meinen Puls ansteigen. „Was machst denn da schönes?“ fragt er. Als guter Schauspieler ist meine Nervosität schnell überspielt und ich antworte: “Das sind die Häppchen für später.“ Mario blickte mir tief in die Augen und fragt weiter, ob er ein Stück von der Gurke haben könne. Ich geb ihm eines und er geht wieder zurück ins Wohnzimmer. Eins muss man ihm lassen. Der weiß genau was er will. Der Blick war eindeutig.
-Tief durchatmen und ihm aus dem Weg gehen- denke ich bei mir und konzentriere mich wieder auf meine Arbeit.
Um 18 Uhr hole ich die angesetzte Bowle vom Balkon und mache sie fertig. Dann ist Ausschank. Jeder bedient sich reichlich und es wird ein doch lustiger Abend. Gegen 20 Uhr sitze ich an meinem Schreibtisch hinter der Couch. Rene, daneben, auf meinem Bett. Er hört Musik über meinen Laptop. Ich setze mich zu ihm und es entfaltet sich ein fünf Minuten langer, intensiver Kuss, während sein Freund Michi im Bad duscht. „Lass uns vernünftig sein…“ sage ich, als ich bemerkte, dass auf der Couch schon zu uns rüber geblickt wird. Rene versinkt wieder in seiner Musik.
So langsam taue ich auch auf und setze mich zu unseren Gästen. „Hey John, was bist’n so schüchtern?“ fragt Mario laut lachend. Und ich überspiele locker: „ Ich? Schüchtern? Soll ich mich jetzt vor Euch ausziehen?“ Alle lachen und gackern. John ist nicht nervös.
Irgendwann, als ich gerade Getränke für die Gäste bringe, macht sich Mario plötzlich an meiner Hose zu schaffen und greift mir unverstohlen vor allen Gästen in den Schritt. Alle sehen zu. Dann meint er nur „Geil“ und rollt dabei seine Augen. Ich grinse peinlich berührt und verschwinde in der Küche. Die anderen kichern.
Gegen 22 Uhr kommt Christine, meine Nachbarin und ihre Tochter Lisa dazu. Eine erwachsene Mama ist genau das Richtige in unserer schwulen Truppe. Der Abend ist sehr unterhaltsam und lustig. Manu und sein Ex, der Ralf fahren kurz weg, um was zu besorgen und lassen Mario bei uns.
Ich verziehe mich öfter an meinen Schreibtisch, da ich die Musikauswahl regelmäßig ändere und Mario sucht dabei stets meine Nähe. Ich denke mir dabei nichts Besonderes; vielleicht will er einfach Flirten.
Gegen viertel vor zwölf packen wir unsere Gläser, Schampus und das Feuerwerk und gehen nach draußen. Christines Freund ist überraschend gekommen und hatte selbst noch Feuerwerk besorgt. So umarmen wir uns alle, wünschen uns das Beste und machen uns über das Feuerwerk her. Ne halbe Stunde später sind wir alle drinnen uns feiern weiter. Christl verabschiedet sich bald. Gegen 2.00 Uhr schlafen Manu und Ralf auf der Couch ein; Michi und Rene sitzen auf dem Balkon. Mario, Heiko und ich sind noch aktiv am feiern, bis ich gegen halb drei auch müde werde und mich ins Bett lege.
Plötzlich legt sich Mario zu mir. Ich denke mir erst nichts dabei, schließlich möchte ja jeder irgendwo pennen. Heiko sitzt am Bettrand.
Als ich so neben ihm liege, steigt mein Puls rasant an. Er berührt mich. Aber außer ihm etwas über die Wange zu streicheln, kommt mir nichts in den Sinn. Mario ist für mich wie ein Porsche. Schön zum Ansehen, mal drüber streicheln, aber zum Fahren – leider nein.
Mario’s Hand kommt in die Nähe meines Intimbereichs. Ich bin verwirrt. Plötzlich fällt er hemmungslos über mich her. Ich scheine fast machtlos und möchte es dann auch bleiben. Wir überschütten uns mit heißen Küssen und ziehen uns dabei gegenseitig aus. Im Dämmerlicht meiner Lichterkette sehe ich die zarten Umrisse seines Körpers. Ich bekomme Gänsehaut.
Heiko scheint sauer zu sein, dass er wieder mal ein fickendes Paar neben sich sieht, und ergreift die Flucht. Nur kurz habe ich ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber.
Mario küsste und zeigt mir, wie sehr er von mir glücklich gemacht werden will. Mein Verstand schaltet ab. Nur kurz noch denke ich an seinen Freund und meinen Ex Manu, der etwa zwei Meter entfernt auf der Couch schläft, die mit der Rückseite zum Bett steht. Unser Liebesspiel ist nach etwa 40 Minuten beendet; Mario zieht sich schnell seine Klamotten an und bemerkt, dass Manu auf der Couch hustet. Er schleicht sich zu ihm.
Gegen halb vier ziehe ich mich an und muss raus. Ich muss einfach mal raus, um nachzudenken. Ich setz mich in den 200m entfernten Park, trinke aus der Flasche Wein und höre das Lied von Michel Polnareff „La Poupee Qui Fait Non“ und das Stück passt etwas zur Situation und zu den kommenden Ereignissen.. Ich hatte mich verknallt. Das darf nicht sein; ich weiß das…Ich hab ein sehr schlechtes Gewissen Manu gegenüber.
Ich komme zu mir. Ein junger Mann mit osteuropäischem Akzent spricht mich an: „Hey Junge! Alles klar? Hey!“ Ich bin völlig durchgefroren. Der Mann hilft mir von der Bank, da ich kaum gehen kann. Sprechen fällt mir auch schwer. Er leuchtet mir mit einer Taschenlampe ins Gesicht. „Du erfrierst! Komm, ich wohnen hier in Block, ich machen Dir Kaffee!“ Ich gehe mit. Der etwa 30jährige ist sehr freundlich. Ich setzte mich an den Küchentisch und quatsche ein wenig mit ihm. Als ich etwas aufgewärmt bin, gehe ich nach Hause, gleich 100 Meter um die Ecke.
Als ich zuhause ankomme, liegen Michi, Rene und Heiko in meinem Bett. Manu und Mario schlafen auch, nur Ralf ist noch wach. Ich lege mich zu ihm auf die ausgeklappte Couch und schlafe ein.
Gegen Mittag stehen wir alle auf. Ich bin verkatert, etwas depressiv gestimmt. Manu, Mario und Ralf fahren ab – die Verabschiedung ist kurz und kühl. Ob Manu von der Sache letzte Nacht weiß? Oder war es nur ein Traum, den ich während dem Erfrieren auf der Parkbank hatte, als ich mich nimmer heim traute. Zumindest glaube ich solange an die Version des Traumes, bis mich Heiko, Michi und Rene eines Besseren belehren. Sie hatten ja alles mitbekommen. Es war kein Traum.
Abends schreibt mir Manu in Skype, dass sie gut angekommen seien. Dann kommt die Frage: „Hattest du was mit dem Mario?“ Ich erstarre. Sollte ich drauf antworten? Ich frage ihn, wie er darauf käme. Nur so, meint er, es würde ihn interessieren. „Ja, wir hatten Sex.“ antworte ich kurzentschlossen.
„Soll ich jetzt sagen es tut mir leid? Ich würd‘s gerne sagen, wenn Du es annehmen würdest… ich würde wollen, dass es nie dazu gekommen wäre… ich weiß selbst nicht, wo mir momentan der Kopf steht. Ich würde am liebsten haben, dass ein Loch vor mir aufgeht, wo ich verschwinden kann…“ füge ich noch hinzu und ich bekomme nun ein richtig schlechtes Gewissen.
Manu beruhigt mich, indem er sagt, dass ich mir deswegen keinen Kopf machen brauche, ihm war eh klar, dass sich sein Freund quer durch die Party ficken würde. Und zuvor wollte Mario ja eigentlich mit Ralf, Manus Exfreund Sex haben. Ich bin zunächst beruhigt.
Mit Mario pflegte ich unterdessen keinen weiteren Kontakt mehr. Und Manus wirkliche Wut, darüber, dass ich auf der Party mit seinem Freund poppte, zeigt er mir die Wochen danach, als er mich ignoriert.

renovierungAm 14. Januar 2008 beginne ich, mein Wohnzimmer wieder mal umzugestalten. Klaus, mit dem ich nach langer Zeit wieder in Kontakt bin, kommt um zu helfen. Das Ergebnis nach rund 12 Stunden Arbeit gefällt mir ganz gut.
17. Januar 2008. Heute um 11.00 Uhr vormittags steht wieder ein Termin mit Dauernörgler Dr. Obermayr an. Ich bin vorher noch in Gayromeo unterwegs und sehe mir Profile aus Bayern an. Da fällt mir ein Junge aus Weißenburg auf. 18 Jahre, nette Bilder, sucht bis 22. Ich entschließe mich, ihm trotzdem zu schreiben. Anschließend gehe ich raus, ins schönste Frühlingswetter, zum Seelenklempner Obermayr, der mich heute das erste Mal gut gelaunt und ohne Mütze erlebt.
Auf dem Rückweg besuche ich  Carmen in ihrem Laden. Sie freut sich über meine gute Laune und mein Vorhaben, meine oberen Zähne endlich richten zu lassen. Gleich ordnet sie forsch an, dass ich mir einen Termin geben lassen soll und empfiehlt mir ihre Zahnärztin, die gleich um die Ecke ihre Praxis hat. Schwitzend betrete ich die Praxis und warte angespannt auf die Ärztin. Ich bekomme einen Termin für den 28. Januar.
Abends sehe ich in Gayromeo, dass mir der Junge aus Weißenburg zurück geschrieben hat. Er heißt Daniel. Wir chatten lange. Ich bin der erste „Ältere“ für den er sich interessiert, so schreibt er später. Er hat bezüglich Beziehungen noch keine Erfahrung. Wir finden viele interessante Gesprächsthemen und ich kann ihn bald dazu überreden, sich Skype hochzuladen.
Am nächsten Tag berichte ich Heiko von ihm. Ich gerate ins Schwärmen. Abends singt meine Mum einen alten Schlager von Conny Francis und schickt ihn mir als mp3.
An den darauffolgenden Tagen gibt mir dieser Junge etwas, was ich wohl lange vermisst hatte. Ich war wohl nur zu abgestumpft geworden. Immer, wenn ich nach Hause komme, sehe ich ungeduldig in Romeo nach, ob er schon online ist. Auch mit Heiko scheint er sich von Anfang an gut zu verstehen und chattet öfter mal mit ihm.
Schon zwei Tage nach unserem ersten Chat verabreden Daniel und ich uns für kommenden Freitag, den 25. Januar 2008.

Kein Kommentar »

Kapitel 22 - Daniel

Januar - März 2008

Michi begleitet mich mit dem Bus zum Laimer Platz. Er muss woanders hin. Und ich bin nervös. Wie bei jedem ersten Treffen. Aber ich möchte unbedingt nüchtern bleiben. Wenigstens dieses eine Mal. In einer Apotheke am Laimer Platz kaufe ich mir auf Michis Anraten ein Fläschchen Baldriantropfen. Als diese mich nicht zureichend beruhigen, trinke ich doch ein Bier auf dem Weg zum Bahnhof. Und trotzdem bin ich nüchterner, wie nie oder selten zuvor bei einem Date.
Am Bahnhof muss ich nicht lange warten, da kommt er mir entgegen. Er ist weniger als 1,70 groß, hat dunkle, geheimnisvolle Augen und einen kleinen, spitzen Mund. Wir gehen nach draußen und nehmen ein Taxi zu mir. Noch mehr U-Bahn kann ich mir nun nicht mehr antun. Während der Fahrt wechseln Daniel und ich nur oberflächliche, kurze Phrasen, wie etwa, ob viele Menschen im Zug waren. Aber mit dem Fahrer rede ich wie ein Wasserfall. Vermutlich aus Nervosität und weil ich in so einer Situation diese Stille nicht ertrage, wenn keiner weiß, was er sagen soll.

daniel-johnZuhause angekommen, beginnt das Prozedere, wie meist sonst auch. Ich bereite dem Gast und mir ein Essen, während ich mich abwechselnd angeregt mit ihm unterhalte. Ofenmakkaroni sollten es sein. Selten, nicht mal im größten Suff brennt mir Essen an, aber dieses Mal bin ich so nervös, dass ich die Soße, sowie die Nudeln ein zweites Mal machen muss. Er ist Nichtraucher. Ich versuche, ihn nicht anzurauchen und mindere meinen Zigarettenkonsum etwas. Schließlich können wir dann doch noch essen und sehen uns den Film Death Proof an, während Daniel mich mit einem Blick ansieht, als wolle er sagen: „Das geht schon okay, oder?“ und seinen Kopf auf meinen Bauch legt. Schmetterlinge. War das bei Max nicht auch so vor zweieinhalb Jahren? Ich streichle ihm über den Kopf, übers Gesicht und bemerke, dass er das genießt, ebenso wie ich. Fast vergesse ich dabei den Film und mich überkommt ein Gefühl, als möchte ich aus dieser Haltung mit ihm nie wieder heraus. Irgendwann küssen wir uns auch recht intensiv und genießen intime Stunden, bis der Film endet und das Schlusslied in Endlosschleife läuft, während wir nicht aufhören, uns zu lieben.

Morgens wache ich neben ihm auf und wir kommen uns erneut sehr nahe, bis er gegen Mittag leider schon abfahren muss, weil er noch ungeheuer viel für seine Abiturprüfungen lernen muss. Ich bringe ihn zum Bahnhof und fahre zufrieden nach Hause. Nein, ich denke nicht, dass ich verliebt bin. Es war nicht, wie sonst. Aber trotzdem muss da was sein, sonst würde mich nicht ein paar Stunden später am Schreibtisch dieses grauenvolle Gefühl einer unheimlichen Leere beflügeln. Plötzliche, depressive Verstimmung und ein Heulkrampf. Warum, weiß ich selbst nicht. Ich sehe nur wieder diese Bilder vor mir, dass ich wohl auch in dieser Beziehung, sollte es denn je eine werden, nur Fehler machen würde…

Abends schreibt mir Daniel, wie irre toll er es findet, dass mein Kater so zutraulich ist. Seine Katze wäre ganz anders. „Er ist wie ich.“ antworte ich ihm. Auch eine Antwort von Manu kommt. Vor einiger Zeit hatte ich ihn wieder mal angeschrieben und nachgehakt, warum er die gesamte Schuld an dem Fick mit Mario auf mich abwälzt und ob das ewig so weitergehen soll. Manu meint, ich müsste mich doch besser im Griff haben, hätte ihn wecken können, wenn ich das nicht hätte wollen, aber ich hätte wohl nur darauf gewartet, dass es passiert und genossen. Und dass ich mich mit meinen Antworten schon immer geschickt aus der Affäre gezogen hätte und er diesmal nicht drauf reinfällt. Dass ich es nicht genossen hätte, konnte ich nicht behaupten, aber wenn er mich doch so gut kenne und seinen Freund wohl auch, was bringt er ihn überhaupt mit? Der Chat ist kurz und knapp. Manu scheint nicht voll überzeugt, verabschiedet sich aber freundlich. Ich schreibe noch einen dreiseitigen Brief an Daniel, stecke ihn in einen roten Umschlag, chatte mit Heiko und gehe ins Bett.

Am nächsten Tag habe ich den unheimlichen Drang, meine Idee, Heiko an den Mann zu bringen, zu verwirklichen und drucke um die 60 Flyer mit Bildern, Beschreibungen über ihn und seinen Partnerwünschen. Diese möchte ich dann in einigen Szenebars auslegen. Vielleicht hat diese verrückte Idee Erfolg und Heiko lernt jemanden kennen, der es ehrlich mit ihm meint.

Am kommenden Montag erscheine ich in der Zahnarztpraxis in Pasing zu meiner ersten Behandlung. Mir ist schrecklich unwohl. Schon im Wartezimmer schwitze ich Blut. Eine komplette Zahnsteinbehandlung wird durchgeführt, die aufgrund meiner schmerzempfindlichen Zähne zu einer Tortour wird. Anschließend bekomme ich einen Heil- und Kostenplan überreicht. 6400,00 EUR und ich hätte mein Lächeln zurück. Angesichts dieser Summe bleibt mir jede Hoffnung über ein Lächeln vorerst verwehrt.

Am Dienstag ruft Michi an. Er klingt nervös. Als er von seiner Arbeit in Österreich zurückkam, stellte er fest, dass die Küche in der WG, in der er mit Udo und Mario lebt, ausgebaut ist. Alles sieht danach aus, als ziehe Udo in einer Nacht- und Nebelaktion aus. Sehr unsanfter Rauswurf, so finde ich. Aber man weiß ja nie, was da im Vorfeld schon alles passiert ist… Er kann nach Absprache erst mal die Kellerwohnung von Roman beziehen. Und schon zum ersten Februar hab ich ihm zusammen mit Judith eine Wohnung hier im Haus klar gemacht. Sie möchte mit ihrem Freund nach Moosach ziehen, somit wäre die Dachgeschoßwohnung frei. Huber, der Vermieter stimmt zu und schon im März könnte Michi hier einziehen. Ich finde das Einzigartig und wir stoßen schon bald mit den Nachbarn darauf an.

heiko-renovierungAm 02. Fahre ich am frühen Abend mit Michi zu Heiko nach Wirsberg. Ich hatte ihm versprochen, sein Wohnzimmer zu renovieren. Ich finde Zugfahren zwar nach wie vor nicht toll, aber zu zweit und mit etwas Alkoholproviant ziehe ich es schließlich durch. Unterwegs gabeln wir Rene in Nürnberg auf und kommen spätabends bei Heiko an. Erst mal rauchen wir was aus der kleinen Bong und ich verspüre kurz vor Mitternacht den Drang, nun mit der Renovierung zu beginnen. Was Heiko anfänglich für einen Scherz hält, setze ich recht schnell in die Tat um und arbeite mit Pausen bis acht Uhr morgens, während die drei, in Folie verpackt, zusehen und feiern.

Als ich fertig werde, schlafen alle bereits. In Heikos Küche höre ich einen Track von Moby. „18“ heißt er. Es ist das Stück, welches ich nach Daniels Abreise zufällig entdeckt und nicht mehr losgelassen hatte. Daran ersticke ich vollends. Ich sehe einen zerbrechlichen, verletzlichen Daniel vor mir, den ich seit unserem ersten Treffen unheimlich vermisse. Rene kommt gegen neun Uhr in die Küche und erlebt mich so. Kurz. Dann bessere ich mich schnell und wische mir heimlich die Tränen aus dem Gesicht. „John, alles OK mit Dir?“ fragt er. „Klar, bin nur bissl kaputt von der Arbeit.“ erwidere ich und bemerke, dass Rene mich dabei skeptisch ansieht. „Magst nicht mal bisschen schlafen?“ fragt René erneut. „Nein, das ist jetzt nimmer möglich. Magst Du mit mir essen gehen?“ Wir gehen aus dem Haus und die Sonne scheint uns aus allen Richtungen anzustrahlen. Wir genießen die warme Frühlingssonne, spazieren durch den Ort und kehren in einer Gastwirtschaft ein, wo uns ein recht witziger Koch, es wäre auch anzunehmen, dass er leicht verrückt ist, bedient werden, der uns die leckerste Mahlzeit serviert. Ich trinke ein dunkles Weißbier, René eine Cola. Es ist Vormittag.
Ich verschlafe dann den restlichen Tag und fahre mit Michi am nächsten Tag, den 05. Februar 2008 wieder nach Hause. Volltrunken. Auf dem Rückweg rauchen wir im Zugabteil und ich flirte mit zwei Emo-Jungs, die aussehen, als wären sie Zwillinge.
Klaus holt uns am Bahnhof ab. Dort treffe ich kurz auf Hermann aus dem früheren Adamatschka und lerne zwei, leider durchreisende Jungs, um die 20 kennen, mit denen ich noch vor der Kamera und der Flasche Wein posiere, ehe uns kurz später ein langhaariger, etwas gammlig wirkender Kerl um die 40 anspricht. Zu meinem großen Erstaunen zeigt er mir mitten auf dem Bahnhofsgelände, vor unzähligen Kameras und Zeugen eine Tüte voller Gras. Billiges Homegrow, aber immerhin. Ich halte gerade recht entzückt meinen Kopf und die Nase hinein und rufe noch: „Geil!“, als plötzlich vier bis fünf Polizeibeamte vor uns stehen. Was dann geschieht, klingt unglaublich, hat sich aber ebenso abgespielt. Ich frage die Beamten lächelnd, ob ich ihnen helfen kann, während ich ganz unauffällig dem Mann seine Tüte wieder in den Rucksack stecke und ihm zurückgebe. Sie führen unter allen Beteiligten eine Personenkontrolle durch und ermahnen uns, dass dies hier kein Treff zum saufen sei. Ich erwidere freundlich, dass wir sowieso dabei wären zu gehen, schnappe den Kerl kurz darauf am Arm und laufe mit Michi zu den S-Bahnen. Wir alle können gar nicht glauben, was sich da eben vor uns abgespielt hatte und der Kerl meint darauf, wir sind alle eingeladen, das Zeug mit ihm zu rauchen.
In Pasing angekommen warten wir auf den Bus und fahren nach Hause zu mir. Im Bus fällt mir plötzlich auf, dass die Laptoptasche fehlt. „Scheiße! Scheiße!“ rufe ich und renne mit Michi zum Bus zurück und kann noch rechtzeitig einen Fahrer erwischen, der auf meine Erzählung hin sofort einen Funkspruch loslässt und uns mitnimmt nach Pasing. Dort muss ich ihn an der Bushaltestelle stehenlassen haben. Der Mann fährt mit überdurchschnittlichem Tempo, ich denke, wir haben nur sechs Minuten gebraucht, zum Pasinger Bahnhof und ich traue meinen Augen kaum: Die Tasche samt Laptop steht da noch, ganz mutterseelenallein im Licht der Straßenlaterne.  Glücklich reiße es an mich, bedanke mich bei dem Busfahrer für seinen beherzten Einsatz und wir fahren mit dem nächsten Bus zurück.
Klaus hatte in meiner Wohnung mit dem Typen auf unsere Rückkehr gewartet und wir alle dampfen und trinken bis in die Morgenstunden. Dabei singen wir ein Lied von Reinhardt Mey, dichten es in unserer Fäkalsprache um und nehmen es auf.

Am nächsten Abend chatte ich wieder mit Heiko und erzähle ihm, was uns gestern während der Heimfahrt alles passiert ist. Und ich schicke ihm die fertige Grafik des Flyers, mit dem ich glaube, ich bekäm ihn unter die Haube. Er scheint von dieser Sache und dem Wochenende sehr beeindruckt und schreibt:
Wenn ich nochmal so über meine Eindrücke von dem Wochenende nachdenke, bin ich ja absolut gebügelt…ich hab irgendwie das Gefühl, dass Du endlich was zurückgeben willst, und das mit aller Macht. Alleine diese Flyer-Geschichte - das zeigt ja schon, dass Du wirklich alles in Bewegung setzen würdest, um mir aus meinem Loch zu helfen…Du hast mir am Wochenende etwas zurückgegeben, was seit fast einem Jahr phasenweise beinahe weg war. Weil Du es mir nach und nach genommen hast. Nun ist es wieder da und stärker als je zuvor. Und das ist fast das wertvollste Geschenk das ich je von Dir bekommen habe…
Ich bin von diesem Text auch etwas gebügelt und freue mich sehr, wie Heiko es ausdrückt, welche Freude ihm meine kleine, persönliche Veränderung und meine Freundschaft bereiten. Und überhaupt, welche Geduld und Weisheit ich in mir entdecke, seit ich nicht mehr dauerhaft trinke. Ein Glanz für meine verdorrte Seele!

Am Abend des 07. Februar besprechen Daniel und ich unser zweites Wochenende, das bereits morgen beginnt. 13.35 Uhr würde er mit dem Zug ankommen. Er meint, er freut sich auch. Und ich mich erst…Allein bei dem Gedanken an ihn bekomme ich schon Gänsehaut. Nun ja, er mag ein verschlossener und geheimnisvoller Einzelgänger sein. Aber diese einzelnen, auch Mensch-untypischen Charaktereigenschaften mag ich irgendwie an ihm. Ich erzähle ihm, dass ich um 11.00 einen Termin bei meinem Seelenklemptner habe und danach ihn am Bahnhof abhole. >Ich bin doch morgen hoffe ich, weniger nervös als beim letzten Mal, wo ich Dich abgeholt habe..< Schreibe ich ihm. Er meint, er wäre morgen sicher weniger nervös als beim letzten Mal. Ich antworte, dann könne ich ja noch einen draufsetzen und ihn am Bahnhof abknutschen. „Ok, hätte ich nix dagegen“ erwidert er.
Gesagt, getan. Um 13.30 stehe ich nüchtern am Bahnhof, schon vorne, bei den Zügen. Er hatte mir zuvor noch erklärt, aus welchem Waggon er aussteigen wird. Da kommt er auch schon mit seiner großen Nike-Tasche aus dem Zugabteil und umarmt mich lächelnd. Ich löse mein halbes Versprechen ein und küsse ihn. Er erwidert es und wir gehen zusammen, diesmal zur U-Bahn und fahren zu mir. Ja, ich versuchte es zumindest. Mir ist nicht wohl während der Fahrt, aber wenn ich in sein Gesicht sehe, sei es durch die Spiegelung im Fenster, oder direkt, dann zaubert mir das ein Lächeln in mein Gesicht.
Dieses Mal soll es hausgemachte Pizza geben, die wir zusammen belegen. Da kann nicht viel schief gehen. Ich weiß aus unseren Chats, dass Daniel Tiefkühlpizza im Grunde genommen hasst, daher kam mir die Idee mit der selbstgemachten. Während ich meine Hälfte mit allerlei Zutaten auftürme, wählt Daniel nur wenige, klassische Zutaten wie Salami und Käse, vor allen Dingen keine Champignons. Irgendwie scheine ich Menschen anzuziehen, die Pilze nicht mögen. Ich finde das seltsam und ich denke oft darüber nach.
Nach dem großen Schlemmen kommt Christine vorbei und bietet uns Baileys an. Ich weiß, dass Daniel sich unter fremden Menschen nicht wohlfühlt, aber ich freue mich dann kurze Zeit später um so mehr darüber, als er mit mir bei Christine drüben sitzt und eine halbe Stunde später wir alle bei Markus und er mit allen ganz herzlich kommuniziert. Später schließt er diese „Empathie“ auf den Alkohol zurück. Wie ich, beim U-Bahnfahren… Wir sind uns da ähnlich; nur er scheint viel besser damit umgehen zu können, als ich es mir je erträume. Er hat Willen, Träume, Durchsetzungsvermögen in vielerlei Hinsicht und vor Allem besitzt er den nötigen Ehrgeiz für dies alles. Und: Er ist nicht dumm.

Das alles hilft uns aber nicht wirklich weiter. Daniel hat große Probleme, sich mir innerlich zu nähern und über Liebe kann er nicht sprechen. Für ihn ist es ein Wort, kein Erlebnis. Er kennt es nicht. Weder sie geben zu können, ihre Pflichten, wie er sie nennt, einzuhalten und diese Pflichten vom Partner zu fordern, noch dieses Gefühl zu kennen, wenn diese berühmten Schmetterlinge im Bauch einen schier verrückt machen. Ich fühle das schon teilweise bei ihm; er kennt es nicht. Er kennt die Stunden und Tage mit mir als eine Art Geborgenheit, jemanden lieb zu haben und nach und nach etwas mehr zu vertrauen. So sehr schwer es mir fällt, aber ich möchte diese Haltung akzeptieren und sie ihm nicht ausreden. Auch wenn ich leider, vermehrt unter Alkoholeinfluss meinen Faden verliere und seinen schulischen Druck sowie seine Anti-Haltung, sei es gegen wen und was auch immer, nicht verstehen kann. Ich bin schon zu Anfang dieser zwischenmenschlichen Annäherung viel zu fordernd und ungeduldig und übersehe dabei, dass dieser achtzehnjährige Junge damit völlig überfordert ist.
In dieser Nacht, ich muss sagen, sie war wunderbar, träume ich anschließend sehr wirre Phrasen, in denen Max die Hauptrolle spielt. Ich stehe im Speisesaal eines Hotels. Die Menschen haben zum Großteil einen Tiroler Akzent. Ich bemerke, dass ich mich in diesem Kitzbüheler Hotel befinde, in dem Max einst gelernt hat. Er kommt auf mich zu und erklärt mir, er müsse mich hier anlernen, ich solle bitte mitkommen. Er muss mir die Zimmer zeigen. Und plötzlich nimmt er mich an der Hand, sieht mich flehend an und sagt: Ich wollte nie einen andren als Dich! Aber wie Du mich behandelt hast… Ich will wieder zurück, dahin, wo alles angefangen hat! Und ich: Das is jetzt n Scherz oder?“ Und plötzlich verschwindet alles um mich herum und ich sehe Daniel neben mir liegen. Ich bin wach und schweißgebadet. Zum Glück bemerkt er es nicht. Er sieht gequält aus, wenn er schläft. Unzufriedener kann ich ein Gesicht kaum beschreiben.

Am Vormittag des 10.02., bevor Daniel zurück muss, frag ich ihn auf dem Balkon, wie er das mit uns sieht. Allzu viel Euphorie bringt er mir nicht entgegen. Er meint, er weiß es nicht und dass er mir wohl nicht das geben kann, was ich brauche, weil er nicht lieben kann. Er erklärt mir alles, was er auch zuvor schon erklärt hatte, auch schon allein die “Verpflichtung” seinen Partner regelmäßig sehn zu müssen, ist ihm zu viel. So fühle ich mich nach seiner Abreise auch hilflos und alleine stehen gelassen und weiß nicht recht, was ich mit dieser Haltung anfangen soll. Ob es sich lohnt, diese Geduld aufzubringen? Abends erklärt Daniel, dass es ja nicht so wäre, dass ich ihm nichts bedeute und dass er sich ja auch beim zweiten Mal sehr wohl bei mir fühlte. Aber er denkt, er sei nicht beziehungsfähig. Er müsse einen klaren Kopf bekommen.

Nach unserem zweiten Treffen können wir uns den gesamten Monat nicht mehr sehen. Er begründet es mit dem Druck in den Abiturprüfungen und dass er auf so einige Geburtstage eingeladen sei. Ich glaube, seit ich Daniel kenne, hasse ich Geburtstagsfeiern. Ich ertränke diese ungeliebte Einsamkeit immer wieder im Rotweinrausch und bekunde sie in SMSen an Daniel.

Orkan März 2008Am 01. März wache ich durch einen explodierenden Heizkessel in  meinem Traum auf. Es ist aber kein Heizkessel. Ich gehe zum Fenster und sehe nach draußen. Schwere Sturmböen beuteln die Bäume, die man durch die Regen- und Hagelwand kaum mehr sieht. Zwei schwere Blitzschläge und das Spektakel ist nach nur fünf Minuten vorbei. Feuerwehr und THW fahren vorbei. Im Block nebenan, wo Louis wohnt, hatte der Sturm das Flachdach wie eine Sardinenbüchse aufgeschält.

Am späten Abend erreicht mich bei Gayromeo eine ziemlich lange Nachricht von Daniel. Dass er meine Texte und Reaktionen recht seltsam findet; manchmal komme es ihm vor, als sei ich ein anderer Mensch. Er versichert mir, dass ich ihm sehr wichtig bin, aber ich auch einsehen müsse, dass er noch die Schule und ein paar Freunde hat, die er nächstes Jahr ohnehin nicht mehr sehen würde, weil nach dem Abi jeder woanders hingeht. Und weißt du…schreibt er weiter…was mir am Meisten Sorgen macht? Wenn wir zusammen sind und es nicht klappt, dass du dann wieder genauso endest, wie nach deiner letzten Beziehung. Das will ich nicht. Der Grund sein, dass du so leidest. Vergiss nicht, dass ich dich total lieb hab.

Kein Kommentar »

Kapitel 23 - Borderliner

März - April 2008

Mitte März sehen wir uns endlich wieder für einige Tage. Sie verlaufen perfekt. Ach, würde er nicht so weit weg leben…

michi-renovierungZum Ende des Monats zieht Michi in Judiths ehemalige Wohnung im zweiten Stock. Klaus und ich renovieren die Räume um und richten zusammen alle Möbel ein. Am 27. März ist alles fertig und Michi bekocht uns. Mittlerweile muss ich feststellen, dass ich schleichend tablettenabhängig geworden bin. In Phasen, wo ich kurz vor dem Durchdrehen war, schmiss ich mir immer wieder Tetrazepam, an das ich durch einen befreundeten Arzt kam. Es wurde für mich in nur wenigen Wochen wie Rauchen oder Kaugummis kauen. Und immer mehr. Ich begann irgendwann, die Packungen bei ihm zu klauen, da er sie ohnehin nicht benötigte, weil er kartonweise Muster davon besaß.

Zum April hübsche ich meinen Balkon wieder neu auf. Ich pflanze Frühlingsblumen und entferne das restliche Laub. Einladend soll er sein, wenn Daniel wieder kommt. tablettenWenn er denn bald wieder kommt…

Trotz aller zeitweisen Zusammenbrüche und Durchhänger fahre ich am 04. April 2008 nach Gräfelfing zu einem Vorstellungsgespräch bei Richter &  Wenzel. Ich brauche endlich wieder eine Aufgabe. Das Gespräch mit dem Abteilungsleiter der Firma läuft recht gut. Dank meiner Tetrazepam, die ich vorher einwarf und einem Wodka-Energy sprudelt mir der gute Ton sprichwörtlich aus dem Mund und meine Nervosität bleibt Zuhause. Ich würde von ihm hören, sagt er und begleitet mich freundlich nach draußen. Ein gutes Gefühl.

Am 11.04. ist Daniel übers Wochenende hier. Ich bin mit ihm in der City unterwegs und zeige ihm etwas von München. Das Wetter ist trüb, mein Gesicht ist aufgedunsen.
Zum Ende des Monats wird mein Tablettenkonsum wieder täglicher. Mal ne Hypnorex, wenn die Tetrazepam nicht wie gewünscht wirken und ne Flasche Rotwein hinterher. Meinem Therapeuten Obermair sage ich wiederholt Termine ab, weil ich mich nimmer recht aus dem Haus traue. Erst zum Abend, wenn ich dann ein paar Pillen und Alk intus habe, geht es mir besser. Obermair hat aber keine Abendtermine. So bleib ich Zuhause und schluck meinen Kummer.

Daniel hat mir bis Dato immer noch nicht sagen können, ob er nun eine Beziehung mit mir möchte oder ob es bei dieser 2-3 wöchigen, Wochenend-Fickbeziehung bleibt. Es ist zum Haare ausraufen… Ich ertränke meinen Kummer weiter in abendlichen Räuschen und bemerke dabei selten bis gar nicht, dass ich oft im Unrecht bin. Vielleicht sogar krank…

24. April 2008. Es regnet nach wie vor in Strömen. Meine Depression, die seit Wochen anhält, ist so stark wie selten zuvor. Ich bin leer, ausgebrannt und sehe in nichts mehr einen Sinn, habe keine Freude mehr an Garnichts. Die kleinsten Gründe treiben mir Tränen in die Augen. Ich fühle nur noch Trauer, Wut, Hass und Verzweiflung.
Wie die Tage und Wochen zuvor auch schon, sitze ich an meinem Schreibtisch und starre in den Laptop, surfe sinnlos im Netz umher und trinke ab 14.00 Uhr schon Bier. Etwa 3 Flaschen. Gegen 17.30 Uhr quäle ich mich zu REWE und besorge 4 Flaschen Bockbier und zwei Flaschen Rotwein. Die nette Frau an der Kasse fragt mich, warum ich ein so grimmiges Gesicht mache. „Weils seit Wochen regnet und kein Ende nimmt!“ raune ich. Sie sieht mich betroffen an.

Als ich nach Hause komme, chatte ich weiter mit Daniel. Er weiß, dass es mir beschissen geht. Ständig habe ich den Gedanken, diese Liaison zu beenden. Ich trinke weiter Bier und nehme eine Tetrazepam. Gegen halb acht meine ich, jemanden von draußen mehrmals meinen Geburtsnamen rufen zu hören. Ich bekomme Panik, bis ich mich vergewissern kann, dass da niemand ist. Irgendwann fangen so viele Gedanken in meinem Kopf zu rasen an, dass ich es nicht mehr aushalte.

Ich fasse endgültig den Gedanken, alles zu beenden. Schmerzlos soll es sein. Nach einigen Recherchen im Netz weiß ich, dass ich alles erforderliche in meiner Tablettenbox habe. Die ist im Übrigen mittlerweile fast so groß wie ein Schuhkarton. Ich schmeiß mir schön langsam und genüsslich mit Rotwein alles an Tabletten ein, was ich habe, schalt die cam ein und klink mich bei cam4 ein. In meiner Headline erscheint: „See my last hours!“ Alle sollen zusehen.. Ich sehe nur noch „Schlecht! Schlecht! Schlecht!“ vor meinen Augen. Und Blut. Dieser Blutrausch muss gestillt werden. Ich schwanke ins Bad. Keine Ahnung, warum ich diese uralten Rasierklingen noch hab. Steril und sauber verpackt. Vielleicht genau für heute.

suizidLangsam und voller Genuss schneide ich tiefe Wunden in meinen linken Arm, der schon von anderen Narben übersät ist, ritze den Schriftzug „MAX“ und das Herz, was ich mir im März 2007 zugefügt habe, unkenntlich. Die Besucherzahlen steigen auf über 300. „Los ritz nochmal!“ schreibt einer. Ich zeig ihm den Finger und schmeiß noch ein paar Pillen, spüle Rotwein nach. „Crazy guy“ „WTF?!“ Und viele andere Statements hagelten auf meinen Kanal ein, die ich unkommentiert ließ. Gegen 23 Uhr verfasse ich einen vierseitigen Abschiedsbrief und stelle ihn ins Netz, verlinke ihn in meinen Broadcast-Account. Ich schütte bis in die frühen Morgenstunden Rotwein in mich hinein und nehme meine Tabletten. Irgendwann verliert sich mein Bewusstsein. Ich träume von meinem verstorbenen Großvater. Von meiner Patentante, die ich nie kannte…und von einem schönen, weißen Licht.

notarztIch vermute, es ist gegen sechs Uhr morgens, als ich in einer Art Dämmerzustand auf dem Boden neben meinem Schreibtisch liege und Menschen über mir erblicke. Polizeibeamte, Feuerwehrmänner, Notärzte. Sie sagen irgendwas, aber ich verstehe es nicht, bin kurzzeitig immer wieder weg. Fühle Kotze in meinem Gesicht, kann sie aber nicht riechen, bin bewegungsunfähig, meine Arme und Gliedmaßen wie nicht oder nur zum Teil vorhanden. Ich fühle an einigen wenigen Körperstellen, dass ich aus der Wohnung getragen werde. Gestützt. Meine Beine, wie Gummi, schlendern ein wenig mit. Erst jetzt bemerke ich jemanden neben uns herlaufen, der einen Tropf hält, der in meinem Arm steckt. Ein Arzt watscht mir immer wieder ins Gesicht, aber ich spüre es kaum. Ich fühle mich, wie nach einer Zahnarztnarkose. Nur am gesamten Körper. Im Krankenwagen verstehe ich dann etwas von „Magen auspumpen“. Dann wird mir schwindlig und ich bin weg.

Einige Stunden später komme ich abermals zu mir. Es ist wie ein schlechter Traum aus dem man mehrmals erwacht. Weiße Leinenbettwäsche, ein Krankenhaus. Aber ich fühle mich wohl. Schnell reiße ich mir die Kabel vom Körper und erlebe ein Déjà-vu. Vor fast exakt 11 Jahren hatte ich das schon mal. Als ich mich anziehe und aus der Tür schleichen will, stehen da plötzlich zwei Polizeibeamte, ein Mann und eine blonde Frau vor mir, sagen in ernstem Ton: „Daraus wird wohl erst mal nichts!“ und schieben mich wieder ins Krankenzimmer. „Der Arzt kommt gleich zu ihnen, dann seh ma weiter!“ sagt der Beamte und schließt die Tür. Was ist denn nur geschehen? Was hab ich angestellt? frage ich mich verzweifelt und setz mich aufs Bett. Langsam dämmern mir einige Dinge. Alkohol. Tabletten. Aber woher wussten die…? Wie kamen die in meine Wohnung?

visiteFragen über Fragen und plötzlich geht die Zimmertür auf. Ein Mann im Weißkittel, Mitte 50 kommt mit drei weiteren Weißkittelfrauen herein, sieht ernst über seinen Brillenrand und fragt: „Na wieder halbwegs klar im Kopf?“ „Ja völlig klar.“ antworte ich und fühle mich wie nach 20 Joints. „Keineswegs sind sie klar! Sie haben eine Überdosis an verschiedenen Mitteln eingenommen, dass sie noch gut drei Tage drauf sind! Was haben sie sich eigentlich dabei gedacht?“ raunt er. „Ich…ähm…nichts. Hab wohl aus Versehen zu viel genommen..“ stammle ich. Der Arzt winkt eine der Schwestern, die Tür wird geöffnet. Zwei weitere Polizeibeamte kommen hinzu und halten mir einen vierseitigen Ausdruck unter die Nase. „Haben sie das geschrieben?“ fragte die Beamtin. „Das ist unmöglich von mir!“ erwidere ich, weiß aber, dass mein Blogname, Datum und Uhrzeit darüber steht und möchte es nicht recht glauben, dass ich das geschrieben habe. „Wer hat das dann von ihrer IP aus geschrieben? Was denken sie, wie wir sie fanden, nachdem Dienststellen in halb Europa mit ihrem Fall verrückt gemacht wurden? Wir haben das Dokument sogar auf ihrem Rechner gefunden, also leugnen sie nicht!“ Ich gebe auf. Das war ihr Schachzug. „Ich weiß es nimmer…“ stammle ich.

Ich werde darüber aufgeklärt, dass ich mich zum Selbstschutz in Polizeigewahrsam befände, bis ein Amtsrichter über meine weitere Situation entscheidet. „Aber…Ich will mich doch gar nicht umbringen! Das Leben ist schön! Riechen sie auch den Frühling?“ frage ich den Beamten. „Ja scho. Aber trotzdem kann ich sie nicht laufen lassen. Er spendiert mir eine Zigarette und bewacht mich, während wir beide eine im Innenhof rauchen. Es fühlt sich tatsächlich alles schön an. Ich habe nicht geflunkert. Ich möchte nach Hause und alles besser machen. Aber nun steh ich hier rauchend mit einem Polizisten, der mir erzählt, dass er selbst einen Sohn hat und es nie verstehen könnte, wenn der sich so einfach „wegmacht.“ Und wir warten auf den Krankentransport, der mich in die Psychiatrie Haar fahren wird. Zum fünften Mal unfreiwillig, glaube ich noch zu erahnen.

Ich möchte den Mann verstehen und denke mir aus, wie ich hier flüchten könnte. „Bringt goarnix! Kaum aus der Tür warten da auch schon ein paar Kollegen. Wo wollns denn jetzt hie? Mir warten jetzt und dann kommens wo hin wo ihnen geholfen wird.“ redet er mir zu. „Ich will da aber nicht hin! Und warum ein Richter? Ich hab doch nix getan!“ Fluchtartig renne ich in eine Nebentüre, renne durch verschiedene Gänge, suche einen Ausgang und lande schließlich in den Armen freundlich lächelnder Polizisten. „Sie sollten sich mal sehen, sie können doch kaum mehr stehn, wie breit sie sind!“ sagt einer von ihnen lachend. Wieder werde ich wie Ware um transportiert und nach Haar gefahren. Warum habt ihr mich nicht einfach sterben lassen…

nervenklinikIn Haar angekommen, Station für psychische Störungen, geschlossen. Albtraum. Rastlos gehe ich die Flure auf und ab, schnorre Patienten nach Kippen an. Noch sind es nicht meine Mitpatienten. NOCH nicht! Ich bin mir sicher, dass ich hier raus komme. Ich rufe meinen Anwalt an. Er verspricht mir, dass er sich meinen Fall per Fax schicken lässt und ruft dann an. Eine Krankenschwester lässt mich dazu ein Formular unterschreiben. Ich werde schier wahnsinnig. Ich will hier raus. Wie die mich schon alle ansehen. Laufe wieder die Flure auf und ab, hab endlich Zigaretten bekommen. Nicht mal sowas kann man sich hier selbstständig kaufen.

Wenig später ereilt mich der ersehnte Rückruf vom Anwalt. Er habe mit dem Oberarzt und dem zuständigen Staatsanwalt gesprochen und rate mir dringendst an, den Deal, den der Richter mit mir aushandelt, einzugehen, sonst käme ich die nächsten Wochen hier nicht mehr raus. Fuck! Das ist Wahnsinn! Das ist ein Albtraum! Wie weit hab ich mich gebracht?

beschlussWenig später kommen wichtige Herrschaften auf die Station; ich vermute, dass ich weiß, wer sie sind und trete meinen Gang zum Schafott an. In einer Art Gruppenraum der Psychiatrie werde ich wie in einer Gerichtsverhandlung vernommen. Die Staatsanwältin legt mir meine „Tat“ zur Last und fordert vom Richter mindestens fünf Wochen geschlossene Unterbringung zur Eigensicherung. Ich könne froh sein, sagt man mir, würde sie länger fordern, müsste ich noch auf unbestimmte Zeit entmündigt werden. Nebenbei erfahre ich, dass in Deutschland, Österreich, Schweiz, Lichtenstein, Luxemburg, Tschechei und noch anderen Ländern dutzende Anrufe bei der Polizei eingingen, dass sich da einer vor der Cam mit Tabletten umbringt. Es dauerte Stunden, bis sie mitten in der Nacht über den Provider an meine Adresse kamen. Ich glaub das alles gar nicht, versuche mich geschickt herauszureden. Der Richter, ein sicher weiser Mann, hält mir freundlich lächelnd meine vier Abschieds-Seiten unter die Nase und sieht mich an. „Sie können mich leider nicht überzeugen, dass sie sich nicht umbringen wollten. Nicht nach so einem Text. Sie wollten es. Und darum bleiben sie hier. Weil ich ihr Leben schützen möchte. Vielleicht sind sie eines Tages froh darum.“ Sagt er in ruhigem, gewissenhaftem Ton. „Aber ich bin doch froh, dass ich lebe. Ich bin so froh! Verstehen sie? Ich möchte nur nach Hause und jetzt alles besser machen!“ heule ich rum. Und ich meine das wirklich ernst. Aber der Richter bleibt hartnäckig. „Ich gebe ihnen fünf Tage und eine anschließende, freiwillige Psychotherapie, beginnend ab sofort! Ich denke, ihnen wird die Zeit gut tun, schönen Tag noch und gute Besserung. Die Herrschaften stehen auf und ich bleibe allein zurück, auf diesem Stuhl in diesem kahlen Raum mit ein paar gemalten Bildern von kaputten Seelen an der Wand. „Kommen sie, John. Ich zeig ihnen ihr Zimmer.“ sagt eine Schwester und nimmt mich an der Hand.

In den nächsten Tagen lebe ich mich ein, lerne freundliche, nette Mitpatienten kennen und werde einer Therapeutin zugewiesen, die sich auf BPS – Borderline-Persönlichkeitsstörung spezialisiert hat. Nun bricht doch ein kleines Weltbild in mir zusammen, denn an sowas hätte ich nie gedacht. Kannte ich doch sonst all meine Krankheiten und Wehwehchen aus dem FF. Aber Borderliner? Kleine Mädchen, die sich ritzen? Nein, ich bekam ein neues Weltbild. Ich kannte bisher nur das Klischee.

Kein Kommentar »

kostenloser Counter
Poker Blog

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Bloglinks - Blogkatalog - Blogsuchmaschine Blog Top Liste - by TopBlogs.de