Januar - März 2008
Michi begleitet mich mit dem Bus zum Laimer Platz. Er muss woanders hin. Und ich bin nervös. Wie bei jedem ersten Treffen. Aber ich möchte unbedingt nüchtern bleiben. Wenigstens dieses eine Mal. In einer Apotheke am Laimer Platz kaufe ich mir auf Michis Anraten ein Fläschchen Baldriantropfen. Als diese mich nicht zureichend beruhigen, trinke ich doch ein Bier auf dem Weg zum Bahnhof. Und trotzdem bin ich nüchterner, wie nie oder selten zuvor bei einem Date.
Am Bahnhof muss ich nicht lange warten, da kommt er mir entgegen. Er ist weniger als 1,70 groß, hat dunkle, geheimnisvolle Augen und einen kleinen, spitzen Mund. Wir gehen nach draußen und nehmen ein Taxi zu mir. Noch mehr U-Bahn kann ich mir nun nicht mehr antun. Während der Fahrt wechseln Daniel und ich nur oberflächliche, kurze Phrasen, wie etwa, ob viele Menschen im Zug waren. Aber mit dem Fahrer rede ich wie ein Wasserfall. Vermutlich aus Nervosität und weil ich in so einer Situation diese Stille nicht ertrage, wenn keiner weiß, was er sagen soll.
Zuhause angekommen, beginnt das Prozedere, wie meist sonst auch. Ich bereite dem Gast und mir ein Essen, während ich mich abwechselnd angeregt mit ihm unterhalte. Ofenmakkaroni sollten es sein. Selten, nicht mal im größten Suff brennt mir Essen an, aber dieses Mal bin ich so nervös, dass ich die Soße, sowie die Nudeln ein zweites Mal machen muss. Er ist Nichtraucher. Ich versuche, ihn nicht anzurauchen und mindere meinen Zigarettenkonsum etwas. Schließlich können wir dann doch noch essen und sehen uns den Film Death Proof an, während Daniel mich mit einem Blick ansieht, als wolle er sagen: „Das geht schon okay, oder?“ und seinen Kopf auf meinen Bauch legt. Schmetterlinge. War das bei Max nicht auch so vor zweieinhalb Jahren? Ich streichle ihm über den Kopf, übers Gesicht und bemerke, dass er das genießt, ebenso wie ich. Fast vergesse ich dabei den Film und mich überkommt ein Gefühl, als möchte ich aus dieser Haltung mit ihm nie wieder heraus. Irgendwann küssen wir uns auch recht intensiv und genießen intime Stunden, bis der Film endet und das Schlusslied in Endlosschleife läuft, während wir nicht aufhören, uns zu lieben.
Morgens wache ich neben ihm auf und wir kommen uns erneut sehr nahe, bis er gegen Mittag leider schon abfahren muss, weil er noch ungeheuer viel für seine Abiturprüfungen lernen muss. Ich bringe ihn zum Bahnhof und fahre zufrieden nach Hause. Nein, ich denke nicht, dass ich verliebt bin. Es war nicht, wie sonst. Aber trotzdem muss da was sein, sonst würde mich nicht ein paar Stunden später am Schreibtisch dieses grauenvolle Gefühl einer unheimlichen Leere beflügeln. Plötzliche, depressive Verstimmung und ein Heulkrampf. Warum, weiß ich selbst nicht. Ich sehe nur wieder diese Bilder vor mir, dass ich wohl auch in dieser Beziehung, sollte es denn je eine werden, nur Fehler machen würde…
Abends schreibt mir Daniel, wie irre toll er es findet, dass mein Kater so zutraulich ist. Seine Katze wäre ganz anders. „Er ist wie ich.“ antworte ich ihm. Auch eine Antwort von Manu kommt. Vor einiger Zeit hatte ich ihn wieder mal angeschrieben und nachgehakt, warum er die gesamte Schuld an dem Fick mit Mario auf mich abwälzt und ob das ewig so weitergehen soll. Manu meint, ich müsste mich doch besser im Griff haben, hätte ihn wecken können, wenn ich das nicht hätte wollen, aber ich hätte wohl nur darauf gewartet, dass es passiert und genossen. Und dass ich mich mit meinen Antworten schon immer geschickt aus der Affäre gezogen hätte und er diesmal nicht drauf reinfällt. Dass ich es nicht genossen hätte, konnte ich nicht behaupten, aber wenn er mich doch so gut kenne und seinen Freund wohl auch, was bringt er ihn überhaupt mit? Der Chat ist kurz und knapp. Manu scheint nicht voll überzeugt, verabschiedet sich aber freundlich. Ich schreibe noch einen dreiseitigen Brief an Daniel, stecke ihn in einen roten Umschlag, chatte mit Heiko und gehe ins Bett.
Am nächsten Tag habe ich den unheimlichen Drang, meine Idee, Heiko an den Mann zu bringen, zu verwirklichen und drucke um die 60 Flyer mit Bildern, Beschreibungen über ihn und seinen Partnerwünschen. Diese möchte ich dann in einigen Szenebars auslegen. Vielleicht hat diese verrückte Idee Erfolg und Heiko lernt jemanden kennen, der es ehrlich mit ihm meint.
Am kommenden Montag erscheine ich in der Zahnarztpraxis in Pasing zu meiner ersten Behandlung. Mir ist schrecklich unwohl. Schon im Wartezimmer schwitze ich Blut. Eine komplette Zahnsteinbehandlung wird durchgeführt, die aufgrund meiner schmerzempfindlichen Zähne zu einer Tortour wird. Anschließend bekomme ich einen Heil- und Kostenplan überreicht. 6400,00 EUR und ich hätte mein Lächeln zurück. Angesichts dieser Summe bleibt mir jede Hoffnung über ein Lächeln vorerst verwehrt.
Am Dienstag ruft Michi an. Er klingt nervös. Als er von seiner Arbeit in Österreich zurückkam, stellte er fest, dass die Küche in der WG, in der er mit Udo und Mario lebt, ausgebaut ist. Alles sieht danach aus, als ziehe Udo in einer Nacht- und Nebelaktion aus. Sehr unsanfter Rauswurf, so finde ich. Aber man weiß ja nie, was da im Vorfeld schon alles passiert ist… Er kann nach Absprache erst mal die Kellerwohnung von Roman beziehen. Und schon zum ersten Februar hab ich ihm zusammen mit Judith eine Wohnung hier im Haus klar gemacht. Sie möchte mit ihrem Freund nach Moosach ziehen, somit wäre die Dachgeschoßwohnung frei. Huber, der Vermieter stimmt zu und schon im März könnte Michi hier einziehen. Ich finde das Einzigartig und wir stoßen schon bald mit den Nachbarn darauf an.
Am 02. Fahre ich am frühen Abend mit Michi zu Heiko nach Wirsberg. Ich hatte ihm versprochen, sein Wohnzimmer zu renovieren. Ich finde Zugfahren zwar nach wie vor nicht toll, aber zu zweit und mit etwas Alkoholproviant ziehe ich es schließlich durch. Unterwegs gabeln wir Rene in Nürnberg auf und kommen spätabends bei Heiko an. Erst mal rauchen wir was aus der kleinen Bong und ich verspüre kurz vor Mitternacht den Drang, nun mit der Renovierung zu beginnen. Was Heiko anfänglich für einen Scherz hält, setze ich recht schnell in die Tat um und arbeite mit Pausen bis acht Uhr morgens, während die drei, in Folie verpackt, zusehen und feiern.
Als ich fertig werde, schlafen alle bereits. In Heikos Küche höre ich einen Track von Moby. „18“ heißt er. Es ist das Stück, welches ich nach Daniels Abreise zufällig entdeckt und nicht mehr losgelassen hatte. Daran ersticke ich vollends. Ich sehe einen zerbrechlichen, verletzlichen Daniel vor mir, den ich seit unserem ersten Treffen unheimlich vermisse. Rene kommt gegen neun Uhr in die Küche und erlebt mich so. Kurz. Dann bessere ich mich schnell und wische mir heimlich die Tränen aus dem Gesicht. „John, alles OK mit Dir?“ fragt er. „Klar, bin nur bissl kaputt von der Arbeit.“ erwidere ich und bemerke, dass Rene mich dabei skeptisch ansieht. „Magst nicht mal bisschen schlafen?“ fragt René erneut. „Nein, das ist jetzt nimmer möglich. Magst Du mit mir essen gehen?“ Wir gehen aus dem Haus und die Sonne scheint uns aus allen Richtungen anzustrahlen. Wir genießen die warme Frühlingssonne, spazieren durch den Ort und kehren in einer Gastwirtschaft ein, wo uns ein recht witziger Koch, es wäre auch anzunehmen, dass er leicht verrückt ist, bedient werden, der uns die leckerste Mahlzeit serviert. Ich trinke ein dunkles Weißbier, René eine Cola. Es ist Vormittag.
Ich verschlafe dann den restlichen Tag und fahre mit Michi am nächsten Tag, den 05. Februar 2008 wieder nach Hause. Volltrunken. Auf dem Rückweg rauchen wir im Zugabteil und ich flirte mit zwei Emo-Jungs, die aussehen, als wären sie Zwillinge.
Klaus holt uns am Bahnhof ab. Dort treffe ich kurz auf Hermann aus dem früheren Adamatschka und lerne zwei, leider durchreisende Jungs, um die 20 kennen, mit denen ich noch vor der Kamera und der Flasche Wein posiere, ehe uns kurz später ein langhaariger, etwas gammlig wirkender Kerl um die 40 anspricht. Zu meinem großen Erstaunen zeigt er mir mitten auf dem Bahnhofsgelände, vor unzähligen Kameras und Zeugen eine Tüte voller Gras. Billiges Homegrow, aber immerhin. Ich halte gerade recht entzückt meinen Kopf und die Nase hinein und rufe noch: „Geil!“, als plötzlich vier bis fünf Polizeibeamte vor uns stehen. Was dann geschieht, klingt unglaublich, hat sich aber ebenso abgespielt. Ich frage die Beamten lächelnd, ob ich ihnen helfen kann, während ich ganz unauffällig dem Mann seine Tüte wieder in den Rucksack stecke und ihm zurückgebe. Sie führen unter allen Beteiligten eine Personenkontrolle durch und ermahnen uns, dass dies hier kein Treff zum saufen sei. Ich erwidere freundlich, dass wir sowieso dabei wären zu gehen, schnappe den Kerl kurz darauf am Arm und laufe mit Michi zu den S-Bahnen. Wir alle können gar nicht glauben, was sich da eben vor uns abgespielt hatte und der Kerl meint darauf, wir sind alle eingeladen, das Zeug mit ihm zu rauchen.
In Pasing angekommen warten wir auf den Bus und fahren nach Hause zu mir. Im Bus fällt mir plötzlich auf, dass die Laptoptasche fehlt. „Scheiße! Scheiße!“ rufe ich und renne mit Michi zum Bus zurück und kann noch rechtzeitig einen Fahrer erwischen, der auf meine Erzählung hin sofort einen Funkspruch loslässt und uns mitnimmt nach Pasing. Dort muss ich ihn an der Bushaltestelle stehenlassen haben. Der Mann fährt mit überdurchschnittlichem Tempo, ich denke, wir haben nur sechs Minuten gebraucht, zum Pasinger Bahnhof und ich traue meinen Augen kaum: Die Tasche samt Laptop steht da noch, ganz mutterseelenallein im Licht der Straßenlaterne. Glücklich reiße es an mich, bedanke mich bei dem Busfahrer für seinen beherzten Einsatz und wir fahren mit dem nächsten Bus zurück.
Klaus hatte in meiner Wohnung mit dem Typen auf unsere Rückkehr gewartet und wir alle dampfen und trinken bis in die Morgenstunden. Dabei singen wir ein Lied von Reinhardt Mey, dichten es in unserer Fäkalsprache um und nehmen es auf.
Am nächsten Abend chatte ich wieder mit Heiko und erzähle ihm, was uns gestern während der Heimfahrt alles passiert ist. Und ich schicke ihm die fertige Grafik des Flyers, mit dem ich glaube, ich bekäm ihn unter die Haube. Er scheint von dieser Sache und dem Wochenende sehr beeindruckt und schreibt:
Wenn ich nochmal so über meine Eindrücke von dem Wochenende nachdenke, bin ich ja absolut gebügelt…ich hab irgendwie das Gefühl, dass Du endlich was zurückgeben willst, und das mit aller Macht. Alleine diese Flyer-Geschichte - das zeigt ja schon, dass Du wirklich alles in Bewegung setzen würdest, um mir aus meinem Loch zu helfen…Du hast mir am Wochenende etwas zurückgegeben, was seit fast einem Jahr phasenweise beinahe weg war. Weil Du es mir nach und nach genommen hast. Nun ist es wieder da und stärker als je zuvor. Und das ist fast das wertvollste Geschenk das ich je von Dir bekommen habe…
Ich bin von diesem Text auch etwas gebügelt und freue mich sehr, wie Heiko es ausdrückt, welche Freude ihm meine kleine, persönliche Veränderung und meine Freundschaft bereiten. Und überhaupt, welche Geduld und Weisheit ich in mir entdecke, seit ich nicht mehr dauerhaft trinke. Ein Glanz für meine verdorrte Seele!
Am Abend des 07. Februar besprechen Daniel und ich unser zweites Wochenende, das bereits morgen beginnt. 13.35 Uhr würde er mit dem Zug ankommen. Er meint, er freut sich auch. Und ich mich erst…Allein bei dem Gedanken an ihn bekomme ich schon Gänsehaut. Nun ja, er mag ein verschlossener und geheimnisvoller Einzelgänger sein. Aber diese einzelnen, auch Mensch-untypischen Charaktereigenschaften mag ich irgendwie an ihm. Ich erzähle ihm, dass ich um 11.00 einen Termin bei meinem Seelenklemptner habe und danach ihn am Bahnhof abhole. >Ich bin doch morgen hoffe ich, weniger nervös als beim letzten Mal, wo ich Dich abgeholt habe..< Schreibe ich ihm. Er meint, er wäre morgen sicher weniger nervös als beim letzten Mal. Ich antworte, dann könne ich ja noch einen draufsetzen und ihn am Bahnhof abknutschen. „Ok, hätte ich nix dagegen“ erwidert er.
Gesagt, getan. Um 13.30 stehe ich nüchtern am Bahnhof, schon vorne, bei den Zügen. Er hatte mir zuvor noch erklärt, aus welchem Waggon er aussteigen wird. Da kommt er auch schon mit seiner großen Nike-Tasche aus dem Zugabteil und umarmt mich lächelnd. Ich löse mein halbes Versprechen ein und küsse ihn. Er erwidert es und wir gehen zusammen, diesmal zur U-Bahn und fahren zu mir. Ja, ich versuchte es zumindest. Mir ist nicht wohl während der Fahrt, aber wenn ich in sein Gesicht sehe, sei es durch die Spiegelung im Fenster, oder direkt, dann zaubert mir das ein Lächeln in mein Gesicht.
Dieses Mal soll es hausgemachte Pizza geben, die wir zusammen belegen. Da kann nicht viel schief gehen. Ich weiß aus unseren Chats, dass Daniel Tiefkühlpizza im Grunde genommen hasst, daher kam mir die Idee mit der selbstgemachten. Während ich meine Hälfte mit allerlei Zutaten auftürme, wählt Daniel nur wenige, klassische Zutaten wie Salami und Käse, vor allen Dingen keine Champignons. Irgendwie scheine ich Menschen anzuziehen, die Pilze nicht mögen. Ich finde das seltsam und ich denke oft darüber nach.
Nach dem großen Schlemmen kommt Christine vorbei und bietet uns Baileys an. Ich weiß, dass Daniel sich unter fremden Menschen nicht wohlfühlt, aber ich freue mich dann kurze Zeit später um so mehr darüber, als er mit mir bei Christine drüben sitzt und eine halbe Stunde später wir alle bei Markus und er mit allen ganz herzlich kommuniziert. Später schließt er diese „Empathie“ auf den Alkohol zurück. Wie ich, beim U-Bahnfahren… Wir sind uns da ähnlich; nur er scheint viel besser damit umgehen zu können, als ich es mir je erträume. Er hat Willen, Träume, Durchsetzungsvermögen in vielerlei Hinsicht und vor Allem besitzt er den nötigen Ehrgeiz für dies alles. Und: Er ist nicht dumm.
Das alles hilft uns aber nicht wirklich weiter. Daniel hat große Probleme, sich mir innerlich zu nähern und über Liebe kann er nicht sprechen. Für ihn ist es ein Wort, kein Erlebnis. Er kennt es nicht. Weder sie geben zu können, ihre Pflichten, wie er sie nennt, einzuhalten und diese Pflichten vom Partner zu fordern, noch dieses Gefühl zu kennen, wenn diese berühmten Schmetterlinge im Bauch einen schier verrückt machen. Ich fühle das schon teilweise bei ihm; er kennt es nicht. Er kennt die Stunden und Tage mit mir als eine Art Geborgenheit, jemanden lieb zu haben und nach und nach etwas mehr zu vertrauen. So sehr schwer es mir fällt, aber ich möchte diese Haltung akzeptieren und sie ihm nicht ausreden. Auch wenn ich leider, vermehrt unter Alkoholeinfluss meinen Faden verliere und seinen schulischen Druck sowie seine Anti-Haltung, sei es gegen wen und was auch immer, nicht verstehen kann. Ich bin schon zu Anfang dieser zwischenmenschlichen Annäherung viel zu fordernd und ungeduldig und übersehe dabei, dass dieser achtzehnjährige Junge damit völlig überfordert ist.
In dieser Nacht, ich muss sagen, sie war wunderbar, träume ich anschließend sehr wirre Phrasen, in denen Max die Hauptrolle spielt. Ich stehe im Speisesaal eines Hotels. Die Menschen haben zum Großteil einen Tiroler Akzent. Ich bemerke, dass ich mich in diesem Kitzbüheler Hotel befinde, in dem Max einst gelernt hat. Er kommt auf mich zu und erklärt mir, er müsse mich hier anlernen, ich solle bitte mitkommen. Er muss mir die Zimmer zeigen. Und plötzlich nimmt er mich an der Hand, sieht mich flehend an und sagt: Ich wollte nie einen andren als Dich! Aber wie Du mich behandelt hast… Ich will wieder zurück, dahin, wo alles angefangen hat! Und ich: Das is jetzt n Scherz oder?“ Und plötzlich verschwindet alles um mich herum und ich sehe Daniel neben mir liegen. Ich bin wach und schweißgebadet. Zum Glück bemerkt er es nicht. Er sieht gequält aus, wenn er schläft. Unzufriedener kann ich ein Gesicht kaum beschreiben.
Am Vormittag des 10.02., bevor Daniel zurück muss, frag ich ihn auf dem Balkon, wie er das mit uns sieht. Allzu viel Euphorie bringt er mir nicht entgegen. Er meint, er weiß es nicht und dass er mir wohl nicht das geben kann, was ich brauche, weil er nicht lieben kann. Er erklärt mir alles, was er auch zuvor schon erklärt hatte, auch schon allein die “Verpflichtung” seinen Partner regelmäßig sehn zu müssen, ist ihm zu viel. So fühle ich mich nach seiner Abreise auch hilflos und alleine stehen gelassen und weiß nicht recht, was ich mit dieser Haltung anfangen soll. Ob es sich lohnt, diese Geduld aufzubringen? Abends erklärt Daniel, dass es ja nicht so wäre, dass ich ihm nichts bedeute und dass er sich ja auch beim zweiten Mal sehr wohl bei mir fühlte. Aber er denkt, er sei nicht beziehungsfähig. Er müsse einen klaren Kopf bekommen.
Nach unserem zweiten Treffen können wir uns den gesamten Monat nicht mehr sehen. Er begründet es mit dem Druck in den Abiturprüfungen und dass er auf so einige Geburtstage eingeladen sei. Ich glaube, seit ich Daniel kenne, hasse ich Geburtstagsfeiern. Ich ertränke diese ungeliebte Einsamkeit immer wieder im Rotweinrausch und bekunde sie in SMSen an Daniel.
Am 01. März wache ich durch einen explodierenden Heizkessel in meinem Traum auf. Es ist aber kein Heizkessel. Ich gehe zum Fenster und sehe nach draußen. Schwere Sturmböen beuteln die Bäume, die man durch die Regen- und Hagelwand kaum mehr sieht. Zwei schwere Blitzschläge und das Spektakel ist nach nur fünf Minuten vorbei. Feuerwehr und THW fahren vorbei. Im Block nebenan, wo Louis wohnt, hatte der Sturm das Flachdach wie eine Sardinenbüchse aufgeschält.
Am späten Abend erreicht mich bei Gayromeo eine ziemlich lange Nachricht von Daniel. Dass er meine Texte und Reaktionen recht seltsam findet; manchmal komme es ihm vor, als sei ich ein anderer Mensch. Er versichert mir, dass ich ihm sehr wichtig bin, aber ich auch einsehen müsse, dass er noch die Schule und ein paar Freunde hat, die er nächstes Jahr ohnehin nicht mehr sehen würde, weil nach dem Abi jeder woanders hingeht. Und weißt du…schreibt er weiter…was mir am Meisten Sorgen macht? Wenn wir zusammen sind und es nicht klappt, dass du dann wieder genauso endest, wie nach deiner letzten Beziehung. Das will ich nicht. Der Grund sein, dass du so leidest. Vergiss nicht, dass ich dich total lieb hab.